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Leipziger „Klagezeit“ – hier bekommt Gott was zu hören

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09:03 18.02.2021
Pfarrerin Kerstin Menzel vor der Klagewand in der Leipziger Peterskirche. Hier und in der Propsteikirche haben Menschen die Möglichkeit, ihre Ohnmacht und Ratlosigkeit, unter denen sie in der Corona-Zeit leiden, in Worte zu fassen. Im Internet unter www.klagezeit-leipzig.de geht das auch.
Pfarrerin Kerstin Menzel vor der Klagewand in der Leipziger Peterskirche. Hier und in der Propsteikirche haben Menschen die Möglichkeit, ihre Ohnmacht und Ratlosigkeit, unter denen sie in der Corona-Zeit leiden, in Worte zu fassen. Im Internet unter www.klagezeit-leipzig.de geht das auch. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Seit Mitte Januar heißt es in Leipzig an jedem Freitag ab 17 Uhr: „Klagezeit – Hören, Schweigen. Beten.“ Mal in der evangelischen Peterskirche, mal in der katholischen Propsteikirche sowie stets im Livestream ist zu erleben, wie Menschen bewegende Corona-Geschichten erzählen. Mal verzweifelt, mal beseelt. Mal hoffnungslos, mal hoffnungsvoll. Ein Interview mit Pfarrerin Kerstin Menzel vom Institut für Praktische Theologie der Universität Leipzig über ein neues Gebetsformat inmitten der Pandemie, das der Ohnmacht Rechnung trägt.

Wie kamen Sie und Professor Alexander Deeg auf die Idee zu dem Format „Klagezeit“?

Wir beide arbeiten wissenschaftlich zu Gottesdiensten in der Pandemie und sind darüber eng im Gespräch. Nach Weihnachten hat sich ein Eindruck verdichtet, den wir vorher bereits hatten. Auch für religiöse Menschen, auch für Pfarrerinnen und Pfarrer ist es nicht leicht, die Ohnmacht und Verzweiflung auszuhalten, mit der wir in dieser Zeit oft konfrontiert sind. Wie gerne möchten wir Trost und Hoffnung geben. In diesem Bemühen wird die Widersprüchlichkeit und die Trostlosigkeit der aktuellen Situation aber manchmal übergangen. Wir hatten Sehnsucht nach einem Ritual, das stärker aus dem Schweigen und Aushalten heraus nach Gottes Nähe in der Krise sucht. Mit dieser Sehnsucht haben wir bei Superintendent Sebastian Feydt und Propst Gregor Giele sowie allen anderen Beteiligten auf evangelisch-lutherischer und römisch-katholischer Seite Resonanz gefunden.

Welche Intention verfolgen Sie mit diesem analog-digitalen Angebot?

Zum einen geht es uns darum, genau zuzuhören. Was belastet Menschen in dieser Zeit? Oft meinen wir, das schon zu wissen, aber die konkreten Erzählungen haben große Kraft. Und stehen nebeneinander in aller Widersprüchlichkeit: das Leiden durch die Krankheit und deren Belastung für Menschen im Gesundheits- und Pflegebereich, das Leiden an den Folgen von Kontaktbeschränkungen und zeitweisen Schließungen. Viele sagen, dass sie sich gar nicht trauen, ihre Traurigkeit, ihre Verzweiflung auszusprechen, weil sie darum wissen, dass es andere noch schwerer haben. Das macht aber die eigenen Gefühle nicht leichter. Und zum anderen wollen wir, dass die Menschen in unserer Stadt wissen: Wir beten als Christinnen und Christen für euch. So konkret, wie es uns möglich ist. Das geschieht an vielen Stellen in Leipziger Kirchgemeinden, aber wir können das in besonderer Weise öffentlich sichtbar machen. Aus den Klagen, die am Freitag vorgetragen werden, und den Anliegen der Menschen vor Ort und im Netz entstehen in der Peterskirche und in der Propsteikirche Klagewände, die für uns ein symbolischer Ausdruck dieses Gebetes sind. Wir halten das Erleben der Menschen in Leipzig, ihre Angst, ihre Sorgen, ihr Leid Gott vor.

Zur Person

Kerstin Menzel, Jahrgang 1981, ist Pfarrerin und promovierte evangelische Theologin. Nach dem Abitur im Jahr 2001, das sie am Evangelischen Schulzentrum in Leipzig ablegte, studierte die gebürtige Messestädterin in Marburg, New York, Leipzig und Berlin. Seit 2020 ist Kerstin Menzel wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Praktische Theologie der Universität Leipzig, dem Professor Alexander Deeg vorsteht. Sie wirkt am Forschungsprojekt „Sakralraumtransformation“ mit, bei dem es um die künftige Nutzung von Kirchgebäuden geht. Zudem arbeitet sie an ihrer Habilitation zur Öffentlichkeit des Gottesdienstes. Seit 2017 ist Kerstin Menzel ordinierte Pfarrerin der Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Wer die Sehnsucht nach stiller oder öffentlicher Klage in sich trägt, aber nicht an Ihren Gott glaubt: Was macht der?

Wir wenden uns ausdrücklich an alle. Über die Homepage www.klagezeit-leipzig.de kann jeder seine ganz eigene Klage, ob nun an Gott gewendet oder nicht, zum Ausdruck bringen. Der Kirchenraum, die schlichten Worte der Psalmen, aber auch das solidarische Schweigen der Menschen im Netz: Das alles spiegelt unsere Widersprüche und Gefühle wider. Es sind Klagen, die nicht zu Anklagen werden, sondern die wir miteinander aushalten.

Wie viele Menschen haben bislang – in welcher Form auch immer – die Möglichkeit zur Klage genutzt?

Es sitzen seit der ersten „Klagezeit“ am 15. Januar Freitag für Freitag rund 40 Menschen in der Kirche, zusätzlich sind rund 100 User über mehrere Kanäle im Livestream dabei. Im Nachhinein werden die Erfahrungsberichte und die Streams der bisherigen Andachten von vielen weiteren Menschen aufgerufen. Dies geschieht via www.klagezeit-leipzig.de/erfahrungen. Außerdem sind ja beide Kirchen tagsüber zumeist geöffnet, sodass jeder seine Gedanken, auf einem Stück Papier niedergeschrieben, in den Klagewänden hinterlassen kann.

Wie bewerten Sie die bisherige Anteilnahme?

Wir hatten nie das Ziel, möglichst viele in der Kirche zu versammeln, das wäre in dieser Zeit das falsche Signal. Insofern freuen wir uns, dass unsere Strategie, digitale Partizipation zu ermöglichen, so rege genutzt wird. Vor allem aber freuen wir uns, dass wir immer wieder die Rückmeldung bekommen: Es ist wichtig und gut, dass ihr das macht. Dankbar sind wir auch, dass wir schnell mediale Aufmerksamkeit gewonnen haben, denn das war ja eines der Hauptziele: Menschen wissen zu lassen, dass wir als Kirche genau zuhören und für alle beten, die von der Krise betroffen sind. Innerhalb der Kirche haben unsere Überlegungen deutschlandweit Interesse ausgelöst und ich bin gespannt, ob es besonders in der Passionszeit ähnliche Angebote an anderen Orten geben wird.

Was passiert nach Karfreitag, wie lösen Sie die Klagewände in den beiden Kirchen gleichsam auf?

Wir haben dieses Format von Anfang an schrittweise entwickelt. Mitte Januar haben wir einfach begonnen, weil wir es für richtig hielten, das jetzt zu tun. Auch wer jeweils spricht, findet sich über die Zeit. Insofern beginnen wir als ökumenisches Vorbereitungsteam auch erst langsam, über das Ende nachzudenken. Auch da wird eine Rolle spielen, dass zu Ostern die Pandemie nicht beendet sein wird und dass uns viele Folgewirkungen noch lange beschäftigen werden. Insofern wird es auch dann darauf ankommen, nicht zu schnell in die Zuversicht und den Trost zu springen. Aber Ostern ist dafür ein guter Rahmen: Die Auferstehung ist auch kein Geschehen, mit dem das Leiden weggewischt wird, sondern eine Verwandlung der Wunden.

An diesem Freitag, 19. Februar, kommt die „Klagezeit“ aus der Peterskirche am Gaudigplatz. Beginn, auch des Livestreams unter www.klagezeit-leipzig.de, ist um 17 Uhr. Die Liturgie wird von den Krankenhausseelsorgerinnen Ute Ellinger (Diakonissenkrankenhaus) und Marianne Feydt (Elisabeth-Krankenhaus) geleitet.

Von Dominic Welters