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Lokales Das „Varadero“ sagt Adiós
Leipzig Lokales Das „Varadero“ sagt Adiós
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09:03 30.01.2019
Das Kuba-Restaurant „Varadero“ in der Gottschedstraße schließt Ende Februar.
Das Kuba-Restaurant „Varadero“ in der Gottschedstraße schließt Ende Februar. Quelle: André Kempner
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Leipzig

So unerreichbar wie der Mond waren für DDR-Bürger die Karibik oder Mittelamerika. Als 1977 im Barfußgäßchen das kubanische Nationalitätenrestaurant „Varadero“ seine Pforten öffnete, fühlte sich das an wie im Westen – damit konnte zumindest ein Hauch von Fernweh gestillt werden. Fast 42 Jahre hielt sich das gastronomische Kleinod in Leipzig. Doch Ende Februar ist Schluss: Inhaber Thomas Wendt (65) geht in den Ruhestand. Da er keinen Nachfolger findet, der das Konzept fortsetzen will, schließt das „Varadero“ für immer seine Pforten.

Die Tage des „Varaderos“ sind gezählt –Ende Februar schließt es seine Pforten

Wendt hat die gesamte Geschichte seit der ersten Stunde miterlebt. Der Leipziger fing 1977 als junger Koch in der Gaststätte gegenüber von „Zill’s Tunnel“ an, die damals zur HO gehörte. Kurioserweise war die Innenausstattung von einem Dresdner Gastronomieausstatter als Demonstration zur Leipziger Frühjahrsmesse 1977 aufgebaut worden. Das Ambiente war für DDR-Verhältnisse völlig neu und kam so gut an, dass die HO tatsächlich ein Kuba-Restaurant aufmachte. Zur Eröffnung kam sogar der Botschafter Kubas. Karibik-Musik und ein offener Tresen, an der man dem Koch beim Zubereiten seines Gerichtes zuschauen konnte – das begeisterte die Gäste.

Schlangen vor der Tür

1986 wurde Wendt dann selbst Gaststättenleiter. „Wenn wir um 11.30 Uhr geöffnet haben, standen oft schon 50 Mann vor der Tür“, erinnert er sich. Da das Lokal nur 35 Plätze hatte, mussten viele warten – und sie warteten. Die scharfen, knoblauchhaltigen kreolischen Gerichte oder die fruchtigen karibischen Speisen sowie die Cocktails auf Rum-Basis brachten einen Hauch von großer weiter Welt in die Messestadt Leipzig. Auch in der DDR waren die Zutaten einer an sich einfachen, bodenständigen Küche – mit viel Hühnchen, Bohnen und Reis – ganz gut zu bekommen, „und in die Kochbücher habe ich mich reingefitzt.“

Neueröffnung zur Buchmesse

1990 gründete Wendt mit Kollegen eine Mitarbeiter-GmbH, die der Treuhand das kleine Lokal abkaufte. 2008 kündigte der Vermieter – doch das Kultlokal konnte 2009 in der Gottschedstraße neu starten. Mit 80 Plätzen statt bislang 35. „Es lief gut vor der Wende, und es lief gut nach der Wende, auch wenn dann keiner mehr anstand“, erzählt der Inhaber. „Wir konnten alle davon leben.“ Seine sieben Mitarbeiter, die alle schon 15 Jahre oder länger dabei sind, müssen sich nun neue Jobs suchen. Die Verantwortung, selbst als Chef einzusteigen, wollte allerdings keiner übernehmen. Wendt hat ein Jahr lang nach einem Nachfolger gesucht, der das Konzept weiterführt – vergeblich. Somit gab der Vermieter einem anderen Betreiber den Zuschlag. Ende März zur Leipziger Buchmesse soll das Lokal unter den Namen „Letterman“ – den es in der Gottschedstraße schon einmal gab – wiedereröffnet werden.

Gerhard Schröder auf dem Freisitz

„Es hat mir wirklich Freude gemacht“, erinnert Thomas Wendt sich an Salsa-Partys, kubanische Mitarbeiter, Zigarrendreherinnen. Oder an Gäste wie Bundeskanzler Gerhard Schröder, der unangemeldet plötzlich auf dem Freisitz saß und sich vom Wirt einen guten Rum empfehlen ließ, Elmar Wepper oder Gildo Horn. Viel Stammpublikum kommt seit Anfang an, darunter Gäste, die das Lokal noch aus ihrer Studentenzeit kennen. „Die können es nicht fassen, dass nun ein Stück ihrer Geschichte zu Ende geht.“

Im Ruhestand geht’s nach Kuba

Der Leipziger Gastronom sieht die Schließung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Er freut sich auf mehr Zeit für Haus, Hof und Garten, für seine beiden Enkelkinder und das Motorrad. Und er will wieder öfter Urlaub mit seiner Frau machen: „Eine Kuba-Reise ist schon in der Planung.“

Von Kerstin Decker