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Lokales Leipziger Pflegedienst erprobt bewährtes Konzept aus den Niederlanden
Leipzig Lokales Leipziger Pflegedienst erprobt bewährtes Konzept aus den Niederlanden
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13:01 18.05.2019
Pfleger Stefan Wittig (links) vom Pflegedienst Bosold betreut eine ältere Dame in Leipzig. Geschäftsführer Tobias Bosold setzt auf ein bewährtes Konzept der Nachbarschaftspflege aus den Niederlanden.
Pfleger Stefan Wittig (links) vom Pflegedienst Bosold betreut eine ältere Dame in Leipzig. Geschäftsführer Tobias Bosold setzt auf ein bewährtes Konzept der Nachbarschaftspflege aus den Niederlanden. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Was hat Kaffeetrinken mit guter Pflege zu tun? „Sehr viel“, sagt Tobias Bosold, der mit Ehefrau Kathrin gemeinsam den Pflegedienst Bosold betreibt. Das Unternehmen organisiert sich gerade neu und will künftig „Buurtzorg“ in Leipzig anbieten. Das Konzept kommt aus dem Niederländischen und heißt eigentlich nur Nachbarschaftspflege. Entwickelt wurde es vor ca. 12 Jahren vom Niederländer Jos de Blok, der unter dem Motto „Menschlichkeit vor Bürokratie“ mit vier Pflegekräften startete. Mittlerweile ist die Firma der größte Anbieter ambulanter Pflege in seinem Land geworden. Etwa 14000 Mitarbeiter arbeiten in mehr als 920 Teams, die ihre Arbeit selbst organisieren.

Große Unzufriedenheit beim Pflegepersonal

„In den Niederlanden herrschte damals eine große Unzufriedenheit bei Pflegekräften, ähnlich wie jetzt bei uns“, erzählt Bosold. Jos de Blok hat den Beruf deshalb wieder zu seinen Ursprüngen zurückgeführt. Derzeit entscheiden meist die Pflegedienstleiter, wer wann zu welchen Patienten geht und welche Aufgaben übernimmt. Bei „Buurtzorg“ organisieren die Teams ihre Arbeit selbst, ohne Hierarchie und Chefs, die die Arbeit einteilen. Und haben auch wieder mehr Freude daran.

Auch hierzulande wünschen sich viele ambulante Pflegekräfte mehr Zeit für ihre Patienten, etwa um mal bei einer Tasse Kaffee oder Tee über Gott und die Welt zu reden. Bei „Buurtzorg“ gehört das dazu. „Dabei wird nicht nur eine positive Beziehung aufgebaut, die Kollegen erfahren auch viel über die Wünsche und Ziele des Menschen rund um seine benötigte Hilfe“, ergänzt Geschäftsführerin Kathrin Bosold. Dabei erschließt sich für die Helfer oft mehr, als sie über den üblichen Fragebogen der Strukturierten Informationssammlung (SIS) ermitteln können.

Freundeskreis und Nachbarn werden einbezogen

Das Leipziger Unternehmen will der Pflege wieder mehr Sinn geben. Ziel sei es, den bedürftigen Menschen möglichst unabhängig von professioneller Pflege zu machen. Er soll wieder lernen sich selbst zu helfen, natürliche Strukturen wie Nachbarschaft, Freundes- und Familienkreis werden dabei aktiviert und einbezogen. Das Pflegeteam baut Kontakte zu Nachbarn, Ärzten, zur Apotheke, Physiotherapeuten und vielen anderen auf, aber auch zu Kirchgemeinden, die oft Besuchsdienste haben. „Wir kommen allmählich an eine Grenze, können so wie bisher nicht mehr weitermachen. Viele Pflegekräfte steigen aus oder können die Menge der zu Betreuenden kaum mehr schaffen.“ Auch die großen Anbieter suchen händeringend nach Personal, locken schon mit Prämien.

Die Bosold Pflege GmbH, die übrigens 2005 ebenfalls mit nur vier Mitarbeitern an den Start ging, betreibt ihren ambulanten Pflegedienst an zwei Standorten in der Bornaischen Straße 109 (Lößnig) sowie Arno-Nitzsche-Straße 14 (Connewitz). In Connewitz bietet sie auch betreutes Wohnen an. 35 Angestellte arbeiten in der Pflege, weitere fünf sind für Organisation und Verwaltung zuständig. Das neue Konzept ist zunächst mit dem Team Connewitz, Wolfgang-Heinze-Straße 11, gestartet. „Die Fachkraft, die ihre Patienten am besten kennt, strukturiert ihre Tour, entscheidet vieles selbst. Und hat im Idealfall durch weniger Aufwand mehr Zeit, wenn sie sich ein wenig überflüssig macht und der Betreute wieder vieles selbst erledigen kann“, so Tobias Bosold. Die vom kleineren Team betreuten Patienten wohnen in einem Viertel, somit gibt es kurze Wege und ein intimeres Verhältnis. „Die Selbstorganisation ist Voraussetzung für gute Pflege.“

Team trifft Entscheidungen auf Augenhöhe

Alle Entscheidungen werden auf Augenhöhe im Team diskutiert, gemeinsam umgesetzt sowie von einem Teambegleiter angeleitet. Sie klären selbst, wie sie den Dienstplan, die Touren und die Urlaubszeiten organisieren. „Das Ansatz ist anders: Wir gucken, ob wir jemanden ein wenig aus der Pflegebedürftigkeit wieder herausholen können“, so Assistent Robert Wolf. Dabei sei klar, dass dies nicht bei allen Patienten funktioniert. In Deutschland arbeiten die ersten Buurtzorg-Teams in Hörstel, Lotte und Emsdetten (alle in Nordrhein-Westfalen). „Wir suchen weiterhin Leute, die Lust haben, mit uns das Konzept umzusetzen“, so Tobias Bosold.

Wer sich über “Buurtzorg“ informieren will, hat dazu am 22. Mai ab 14 Uhr im UT Connewitz, Wolfgang-Heinze-Straße 12, Gelegenheit.

Von Mathias Orbeck