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Lokales Leipziger Ring wird zum Lichtring – Schweigeminute für Opfer in Halle
Leipzig Lokales Leipziger Ring wird zum Lichtring – Schweigeminute für Opfer in Halle
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11:41 10.10.2019
Wie vor 30 Jahren: Etwa 75.000 Menschen treffen sich nach Angaben der Veranstalter zwischen Oper und Gewandhaus zum Lichtfest 2019 und ziehen anschließend über den Innenstadtring. Quelle: Volkmar Heinz
Leipzig

Leipzigs Innenstadtring als Lichtring: Nach dem Lichtfest am Mittwochabend auf dem Augustusplatz, bei dem die Menschen den Schriftzug „Leipzig 89“ aus Kerzen formten, setzten sich nach Angaben der Veranstalter 75.000 Leipzigerinnen und Leipziger in Bewegung und zogen rund um den Ring, um an den entscheidenden Tag der Friedlichen Revolution zu erinnern. Überschattet wurde das Fest vom Terroranschlag am Mittwochvormittag im benachbarten Halle/Saale. Die Polizeikräfte in Leipzig wurden deshalb verstärkt, sie zeigten den ganzen Tag über Präsenz. Viele Beamte führten Maschinenpistolen mit sich und trugen Sturmhauben. Es gab aber „in Leipzig keine konkrete Gefährdungslage“, wie Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) am Nachmittag via Facebook betonte. Rund um den Augustusplatz gab es verstärkt Taschenkontrollen.

OBM Jung: Keine Gewalt – ein Ruf für die Welt

Seine Betroffenheit über die Toten und sein Mitgefühl für die Beinahe-Opfer von Halle drückte das Stadtoberhaupt auch gleich zu Beginn auf dem Augustusplatz aus. Die Tausenden Besucher des Lichtfestes 2019 begrüßte er mit dem hebräischen Shalom (auf Deutsch: Frieden, Gesundheit). Sodann rief er zu einem Moment des Innehaltens und der Stille auf. Die Gedanken der Anwesenden wanderten 35 Kilometer weiter nach Westen – zu den Menschen in der sachsen-anhaltischen Nachbarstadt. „Der Ruf von 89, ,Keine Gewalt‘, ist der Ruf für diese Welt in dieser Zeit.“

Bürgerrechtlerin: Kraft von ’89 für Gegenwart nutzen

Dann ging es wieder um Leipzig. Am 9. Oktober 1989 demonstrierten mehr als 70.000 Menschen auf dem Ring für Demokratie und Meinungsfreiheit – dieser Tag wurde zum Schlüsseldatum für die deutsche und die europäische Geschichte. Der Mut der Menschen brachte wenige Wochen später die DDR zu Fall.

In vorderster Reihe dabei war Bürgerrechtlerin Kathrin Walter, die damals gerade einmal 18 Jahre jung war, als die Friedliche Revolution ihren zunehmend dramatischen Verlauf nahm. „Ich erinnere mich an die Angst, die wir damals hatten. Die Luft war zum Schneiden gespannt“, sagte sie. „Doch wir haben unsere Angst überwunden und gemeinsam für Demokratie, für Gerechtigkeit, für die Bewahrung unserer Erde gekämpft. Diese Themen haben nach wie vor eine starke Aktualität.“ Diese in der Friedlichen Revolution gewonnene Kraft gelte es auch in der Gegenwart zu nutzen“, mahnte sie. „Wir sollten uns heute an die Seite der Jugend stellen und weltweite Bewegungen wie ,Fridays for Future‘ unterstützen.“

Das war der Abend am 9. Oktober in Leipzig.

Kathrin Mahler Walther, so ihr heutiger Name, war beteiligt am Aufruf „Keine Gewalt“, mit dem drei Leipziger Gruppen am 9. Oktober zum friedlichen Protest aufriefen. Im illegalen Oppositionszentrum in der Lukaskirchgemeinde druckten sie und ihre Mitstreiter 30 000 Exemplare des Aufrufes, die dann verteilt wurden. Am Abend der Demo versteckte sich die junge Frau im verdunkelten Konsistorium der Reformierten Kirche, um per Telefon Infos über den Verlauf an die Lukaskirchgemeinde weiterzugeben.

Von dort aus berichtete Pfarrer Christoph Wonneberger in einer Live-Schaltung mit den ARD-Tagesthemen von den Ereignissen des 9. Oktober 1989 in Leipzig. Außerdem ermöglichte Walther den Berliner Fotografen Aram Radomski und Siegbert Schefke den Zutritt zum Kirchturm der Reformierten Kirche. Dort entstanden dann die Filmaufnahmen von der Montagsdemonstration, die tags darauf, am 10. Oktober 1989, in der ARD ausgestrahlt wurden.

Danziger Oberbürgermeisterin als Lichtfest-Gast

Neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – er lobte den Mut, „der unser Land verändert hat“ – sowie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) richtete auch Aleksandra Dulciewicz, die Oberbürgermeisterin der Stadt Danzig, das Wort an die Lichtfest-Besucher. Sie betonte, dass der Sieg der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc in Polen die DDR-Bürgerrechtsbewegung beflügelt habe.

Wienerin setzt Lichträume in Szene

Vom Augustusplatz aus setzten sich die Massen dann in Bewegung, zogen über den Ring – mit Schirmen in den Händen, denn der Himmel schickte am frühen Abend etliche Regengüsse. Vorbei ging es an sechs Lichträumen, die prägnante Losungen wie „Wir sind das Volk“ oder „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ ins Heute zu transportieren versuchten.

Viele Fassaden und Räume auf dem Ring, der Demonstrationsstrecke von damals, wurden von der Wienerin Victoria Coeln mit viel Licht sowie Film- und Fotomaterial in Szene gesetzt. So erstrahlten das Wintergartenhochhaus, das Hotel Astoria, das Schauspielhaus, die Thomaskirche oder die Reformierte Kirche in neuen Farben. Ein Kunstprojekt, das sich nicht allen auf den ersten Blick erschloss. „Beim Lichtfest geht es nicht darum, alles zu sehen und alles zu verstehen, was projiziert wird. Es soll ein Raum aufgemacht werden, um die eigene Erinnerung weiterzuerzählen“, sagte Künstlerin Coeln.

Lichtfestleiterin freut sich über friedlichen Verlauf

Gezeigt wurde auch die Lichtinstallation „Genuine Generation“ des Medienkünstlers Ronny Szillo, der bei einem Ideenwettbewerb der Leipziger Freien Szene siegte. Ihm geht es um die Botschaften einer Bekleidungsmarke, die beispielsweise in ihren Slogans den Wunsch nach einer Weltreise transportieren. Diese werden hinterfragt – und damit auch Träume von ’89 wie „Visafrei bis Hawai“. Seine Arbeit war am Dittrichring 13/Ecke Gottschedstraße zu sehen.

Lichtfest-Leiterin Marit Schulz freute sich über die große Resonanz am 30. Jahrestag der entscheidenden Montagsdemo: „Wir sind froh, dass die Menschen dieser Stadt so zahlreich gekommen sind und alles friedlich verlaufen ist.“

Von Mathias Orbeck

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