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Lokales Leipziger Schüler haben den Businessplan schon vor dem Abitur
Leipzig Lokales Leipziger Schüler haben den Businessplan schon vor dem Abitur
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10:01 03.02.2019
Betreuer Ralf Gernert von der Commerzbank unterstützt Julia (17), Michelle (17), Maya (17) und Asya (17, von links) bei Fragen zu wirtschaftlichen Fachbegriffen. Die Schülerinnen haben die Tapir GmbH analysiert, davor beschäftigten sie sich mit den Zahlen der ProSiebenSat.1 Media SE. Quelle: Fotos: André Kempner
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Leipzig

Selbstsicher steht Niklas am Rednerpult in der Zentrale der Leipziger Commerzbank. Der 16-Jährige referiert mit seinen Freunden über die Zielgruppe der Chocolaterie in der Könneritzstraße, geht auf die Konkurrenz im Umfeld des Cafés ein und beschreibt die Arbeitsabläufe. Niklas nimmt mit 20 Mitschülern der elften Klasse des Reclam-Gymnasiums an der Bildungsinitiative „Business at School“ der Unternehmensberatung Boston Consulting Group teil. Das Programm findet bereits zum 20. Mal an Schulen in Deutschland, Österreich, Italien, der Schweiz und den USA statt. Jugendliche der gymnasialen Oberstufe beschäftigen sich über ein Jahr intensiv mit Wirtschaftsthemen. In der ersten Phase des Projekts analysieren sie mit Hilfe von Betreuern ein DAX-Unternehmen, danach beschäftigen sie sich mit einem mittelständischen Betrieb. Diese Analyse präsentierten die Leipziger Schüler am Mittwoch. Bis April stellen sie einen Businessplan für eine eigene Geschäftsidee auf.

Eine von zwei sächsischen Schulen bei „Business at School“

Seit 2013 beteiligt sich das Reclam-Gymnasium als eine von zwei sächsischen Schulen am Programm. „Aus Görlitz ist auch noch eine Schule dabei“, weiß Steffi Kruschel. Die Lehrerin hat das Projekt in Leipzig ins Leben gerufen und betreut es bis heute. „Ich finde Wirtschaft grandios und mag es, über den Tellerrand hinauszusehen, anstatt nur stur die Lehrplaninhalte zu büffeln“, sagt sie. Und die Schüler des Reclam-Gymnasiums haben offensichtlich ein Händchen fürs Geschäft: Die Businessidee einer Gruppe wurde von der Jury so gut bewertet, dass sie bis ins Finale nach München fahren durften. Die Schüler, die damals den Koffeinriegel „Kofyriegel“ entwickelt haben, studieren heute Wirtschaft. Vor zwei Jahren haben Jugendliche im Rahmen des Projekts die App „Double Take“ entwickelt, die Bauherren und Architekten zusammenbringen soll. Die Idee traf ins Schwarze, wurde für einen fünfstelligen Betrag verkauft.

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Die Jugendlichen engagierten sich für „Business at School“ damals noch aus völlig freien Stücken neben dem regulären Schulalltag. Erst seit dem Schuljahr 2017/2018 ist das Projekt als Wahlpflichtfach in den Lehrplan integriert. Das bedeutet, dass die Oberstufenschüler in der elften Klasse Wirtschaftsthemen praxisnah mit Unternehmensanalyse und Geschäftsidee erproben. In der zwölften Klasse dreht sich dann alles um „Business English“, ein Türöffner für viele Universitäten und Studiengänge, wie Englischlehrer Thomas Maeker weiß. Denn die ambitionierten Schüler legen eine Zertifikatsprüfung ab, die ihnen Kenntnisse des Geschäftsenglisch bescheinigt.

Schüler interviewen Geschäftsführer des Outdoor-Ausstatters Tapir

Bislang kommen die Jugendlichen noch mit Deutsch zurecht. Neben der französisch angehauchten Chocolaterie untersuchte eine Gruppe auch die Wertschöpfungskette des Leipziger Outdoor-Ausstatters Tapir GmbH. Unterstützt wurden Asya, Maya, Michelle und Julia dabei von ihrem Betreuer Ralf Gernert, Firmenkundenbetreuer der Commerzbank. Gerade bei Verständnisfragen zu Fachbegriffen und Zahlen des Leipziger Unternehmens hat er den Schülerinnen geholfen.

„In einem Interview haben uns die beiden Geschäftsführer viel zur Struktur von Tapir erklärt“, berichtet die 17 Jahre alte Michelle. Das Unternehmen setze auf gute Beratung, um der Konkurrenz standzuhalten, weiß ihre Mitschülerin Asya. Sie interessiert sich sehr für Wirtschaft und brennt für den Businessplan, den die Schüler nun austüfteln dürfen.

„Es war zwar sehr schwer, etwas zu finden, das es noch nicht gibt, aber wir haben eine Idee“, sagt Michelle. Ein Handy-Säckchen soll das Iphone bei frostigen Temperaturen schützen. Für die Präsentation ihrer Geschäftsidee planen die Mädchen einen Prototyp. Sie müssen der Jury im April beweisen, dass die Idee auch praktisch umsetzbar ist.

Ihre Mitschüler halten sich bedeckter: Ihre Geschäftsidee soll in Richtung Digitalisierung gehen, verraten Niklas, Christoph, Eric und Felix, die für die Analyse der Chocolaterie sogar einen Tag im Café mitgearbeitet haben. Anders als bei der Analyse der Fraport AG, dessen Geschäftsbericht im Internet einsehbar ist, mussten sie beim Kleinunternehmen selbst aktiv werden und sich Ansprechpartner organisieren. „Vor allem haben wir gelernt, wie man eine Präsentation strukturiert und aufbaut“, sagt Niklas. Dabei haben ihnen die Betreuer der Handelshochschule (HHL) geholfen. Der 16-Jährige kann sich gut vorstellen, später beruflich in der Wirtschaft zu arbeiten. Ob er auch Unternehmen analysieren will, steht noch nicht fest: „Ich weiß nicht, wie lange das Spaß machen würde“, meint er.

Von Theresa Held