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Lokales Leipziger Wasserwerke leiten ungeklärte Abwässer in Stadtflüsse
Leipzig Lokales Leipziger Wasserwerke leiten ungeklärte Abwässer in Stadtflüsse
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10:01 03.08.2019
Marcus Löschner angelt seit Jahren an den Flüssen rund um das Klärwerk Rosental (im Hintergrund). Er kritisiert, dass dort bei Starkregen ungeklärte Fäkalien aus der Leipziger Kanalisation eingeleitet werden. „Ich will, dass kein Sondermüll mehr ungefiltert in meine Angelgewässer kommt“, sagt er. Quelle: André Kempner
Leipzig

Marcus Löschner ist Profi. Der 31-Jährige angelt ausschließlich Karpfen und lässt sie wieder frei – nachdem er sie gewogen und abgelichtet hat. Seine bevorzugten Reviere sind seit elf Jahren die Weiße Elster, der Elstermühlgraben, die Luppe und die Nahle. Doch was der dort entdeckt hat, klingt unglaublich: Nach jedem stärkeren Regenguss würden in allen vier Stadtgewässern Unmengen ungeklärter Fäkalien schwimmen – weil sich in der Kanalisation dann Auslässe öffnen und ungeklärte Fäkalien direkt in die Flüsse fließen. „Dann schwimmen Tampons, Wattestäbchen und Kondome auf dem Wasser; einiges bleiben an schwimmenden Ästen hängen, vieles liegt anschließend an den Ufern“, erzählt der Mann aus Möckern. Die Wasserwerke bestätigen, dass bei Starkregen ungeklärtes Abwasser abgeleitet wird.

Angler nennen die Weiße Elster „Die Binde“

Marcus Löschner ist sehr häufig an den vier Flüssen unterwegs. „Auf den ersten Blick sieht dort alles sehr idyllisch aus“, erzählt er. „Natur pur, doch wenn ich meine Angel auswerfe, dann habe ich immer wieder Tampons und Stofffetzen am Haken.“ Überbleibsel der ungereinigten Abwässer aus der Kanalisation. „Die Fäkalien lagern sich auch auf dem Grund der Flüsse ab, das ist gerade jetzt bei Niedrigwasser wieder gut zu sehen“, erzählt er. „Angler nennen die Weiße Elster und ihren Elstermühlgraben inzwischen schon ,die Binde’.“

Lange Zeit konnte er sich nicht erklären, wie ungeklärte Abwässer in die Stadtflüsse gelangen können. Denn eigentlich fließen alle Leipziger Abwässer in das zentrale Klärwerk im Rosental, werden dort gereinigt und erst danach wieder in die Flüsse eingespeist. Rückstände wie die, die Löschner gesehen hat, dürfte es deshalb eigentlich gar nicht geben.

„Die Stadt Leipzig zeigt sich nicht selber an“

Doch dann entdeckte der Angler an der Nahle/Ecke Heuweg einen mit Metall verschlossenen Auslass und behielt ihn im Auge. „Er ist eigentlich immer geschlossen, aber das Metall wird hochgezogen, wenn es stark geregnet hat“. berichtet er. „Dort fließen dann Abwässer ungeklärt in die Nahle – noch bevor sie das Klärwerk Rosental erreicht haben. Von diesen Auslässen gibt es offenbar mehrere.“

Der Profi-Angler dokumentiert inzwischen die Missstände an den Ufern der vier Stadtflüssen mit einer Kamera und schlägt Alarm. „Ich habe über den Angelverein Druck gemacht und schließlich selber bei den Wasserwerken angerufen“, erzählt er. Vor einer Woche habe er sogar im Leipziger Umweltamt angeklingelt. „Aber da habe ich schnell gemerkt: Die Stadt Leipzig wird sich nicht selber anzeigen.“

Wasserwerker sammeln Fäkalienreste ein

Doch seine Anrufe waren offenbar nicht ganz umsonst. „Ab und an sehe ich einen Mann in orangener Schutzkleidung an den Ufern entlanggehen, der mit einer Müllzange die angespülten Fäkalien-Reste einsammelt“, berichtet der Angler. Doch das sei viel zu wenig. „Ich will, dass kein Sondermüll mehr ungefiltert in meine Angelgewässer kommt“, sagt er. „Ein Klärwerk, das nicht klärt, darf es nicht geben.“

Die Wasserwerke bestätigen die Einleitungen – nicht nur in die vier Flüsse, sondern „in praktisch alle Wasserläufe und Gräben“ in ihrem Einzugsgebiet, wie das Unternehmen mitteilt. „Zum Beispiel auch in Flüsse wie die östliche und die nördliche Rietzschke“, erklärt Sven Lietzmann, Teamleiter Kanalnetz der Wasserwerke. Insgesamt gebe es rund 90 Einleitstellen, mit denen bei heftigen Niederschlägen mit Regenwasser stark verdünntes ungeklärte Abwässer abgeleitet werde. „Das ist verfahrenstechnisch nicht anders möglich“, betont Daniel Jentzsch, Betriebsleiter des Klärwerks Rosental. „Das ist überall in Deutschland so. Wir arbeiten nach den anerkannten Regeln der Technik.“

Wassermassen würden Klärwerk zerstören

Wenn die Wassermassen ungehindert in das Klärwerk eindringen könnten, würden dort beträchtliche Schäden angerichtet. „Ohne diese Notauslasse würde die gesamte Biomasse aus unseren Klärbecken geschwemmt“, skizziert Jentzsch ein mögliches Szenario. „Auch Leipzigs Straßen und Keller würden überschwemmt.“ Selbst bei größten Anstrengungen werde es wohl nie gelingen, diese Ableitungen auf Null zu reduzieren.

Fortschritte gibt es trotzdem: Durch Bauwerke wie den jüngst errichteten Stauraumkanal an der B 2 in Höhe der Richard-Lehmann-Straße wurde dort die Zahl der „Abschläge“ von jährlich acht auf drei reduziert. An einer anderen Einleitstelle, der sogenannten zentralen Mischwasserentlastung direkt am Klärwerk Rosental, wurden 2018 dagegen bei Starkregen 34-mal ungereinigte Abwässer abgeleitet.

„Hygieneartikel gehören nicht in die Toilette“

Eigentlich sollen in den 90 Einleitbauwerken sogenannte Feinstreckensiebe grobe Stoffe zurückhalten und so verhindern, dass sie in Leipzigs Stadtflüsse gelangen. „Aber die Siebe sind natürlich auch so bemessen, dass sie sich nicht zusetzen“, räumt Lietzmann ein. Außerdem gebe es einige wenige Überläufe, bei denen im Falle äußerst extremen Regenfällen die Wassermassen am Rechen vorbei notentlasten. „In diesem Wasser dürften eigentlich keine Hygieneartikel sein, denn sie gehören nicht in die Toiletten“, betont Sprecherin Katja Gläß. „Jeder kann also mithelfen, dass so etwas nicht in die Flüsse gelangt.“

Nach jedem Starkregen schwärmen Mitarbeiter der Wasserwerke sowie des Amtes für Stadtgrün und Gewässer aus, um an den Flüssen nach solchen angespülten Dingen zu suchen und sie aufzusammeln. „Wir gehen davon aus, dass sich auf dem Grund der Flüsse nichts absetzt“, erklärt Mathias Wiemann vom Unternehmensbereich Netze der Wasserwerke. Die Selbstreinigung der Leipziger Flüsse sei intakt.

Wasserwerke setzen auf Klärwerks-Modernisierung

„Wir wissen auch, dass die normalen Regen tendenziell abnehmen und die Zahl der jährlichen Starkregenereignisse zunimmt“, so Lietzmann. Deshalb werde versucht, immer mehr Stauraum im Kanalnetz oder auf den Anlagen selbst zu schaffen. Auch die Leistungsfähigkeit des Klärwerks Rosental werde von aktuell 13 000 Kubikmetern pro Stunde auf 16 200 erweitert, perspektivisch sogar auf 18 700 – damit während starker Regenfälle mehr Abwasser behandelt werden kann. „Wir gehen damit an unsere maximale Grenze“, betont Jentzsch.

Durch die angelaufene Modernisierung des Klärwerks werden dort auch Flächen frei. Auf ihnen wollen die Wasserwerke ein riesiges Auffangbecken errichten, um bei starken Regenfällen noch mehr Abwasser zwischenspeichern zu können. „Dieses Becken könnte bis zu 10 000 Kubikmeter fassen“, so Jentzsch. „Das ist schon mal eine Hausnummer.“

Von Andreas Tappert

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