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Leipzig Lokales Leipziger Wissenschaftler sind begeistert von der Schülerbewegung
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18:33 24.05.2019
Die Erde trägt Bikini, denn es wird heiß: Leipziger Schüler vor dem Bundesverwaltungsgericht zum Auftakt der Demonstration „Fridays For Future“. Quelle: André Kempner
Leipzig

In Variationen blitzt die Frage während der zweieinhalbstündigen Diskussion immer wieder in Stephan Schönfelders Mobiltelefon auf: „Warum tut niemand was?“ Bevor sich am Freitag auch in Leipzig rund 4500 Schüler und Studenten der weltweiten Bewegung „Fridays For Future“ zum „globalen Klimastreik“ anschlossen und vom Bundesverwaltungsgericht aus durch die Innenstadt zogen, hatten sich rund 130 von ihnen an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) mit Wissen zum Thema versorgt. „Einen Gesprächsraum“ will Schönfelder, Maschinenbau-Professor an der HTWK, dort künftig regelmäßig anbieten. „Die Möglichkeit, Experten fragen zu stellen“, direkt oder eben übers Handy.

Am Freitag schlossen sich in Leipzig rund 4500 Schüler und Studenten der Bewegung „Fridays For Future“ an. Vor der Demo wurde an der HTWK diskutiert.

„Warum hat die Politik nichts getan?“, hat schon wieder jemand getippt. Und ob Youtuber Rezo Recht habe, dass die CDU daran Schuld trage? Die achten und neunten Klassen der Louise-Otto-Peters-Schule und des Wilhelm-Ostwald-Gymnasiums sind da, zudem einzelne Schüler anderer Schulen. „Spätestens seit 1972 wissen wir, dass das Wachstum Grenzen hat“, bestätigt Martin Schubert vom Hochschulkolleg der HTWK ihre Ahnung, dass längst Forschungen darüber laufen, wie gefährlich der Lebensstil der Industrieländer für die Erde ist. Damals sagte das Expertengremium „Club of Rome“ unter anderem vorher, dass die Weltbevölkerung solange wächst, bis sie mangels Nahrung in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts wieder schrumpft. „Das ist Ihre Welt“, warnt Schubert. „Hopp, hopp, hopp – Wachstum stopp!“, wird später auf einem Banner zu lesen sein, das Robin-Wood-Aktivisten an die Fassade der Höfe am Brühl spannen. Am Alten Leipziger Rathaus werden tausende Schüler auf ihrem Demonstrationszug ein theatrales Massensterben inszenieren.

In der HTWK erklärt Meteorologie-Professor Manfred Wendisch von der Uni Leipzig, dass „wir uns mit der Klimaforschung im engeren Sinn seit mehr als 20 Jahren befassen: Die Fakten sind eindeutig. Wer daran zweifelt, dass die Temperatur steigt und der Mensch das beschleunigt, fällt als ernstzunehmender Gesprächspartner aus“, stellt er klar. „Doch uns Wissenschaftlern ist es in all den Jahren nicht gelungen, eine gesellschaftliche Entwicklung loszutreten, wie Sie es jetzt schaffen“, lobt er die Schüler. „Erst Sie haben das Problem so breit publik gemacht.“ Das sieht auch Kai Tischer so, HTWK-Absolvent in Energie- und Umwelttechnik und heute Aktivist für Klimagerechtigkeit. „Eigentlich seid ihr die Experten, ihr könntet uns genauso viele Antworten geben“, sagt er.

Aber die Schüler stellen hier lieber die Fragen. „Woher kommt der Strom ohne Kohle und Atom, wenn mal die Sonne nicht scheint und auch kein Wind weht?“, lautet eine davon. Jan Bauer, Forscher am Fraunhofer-Center für Silizium-Photovoltaik in Halle, antwortet, dass er die Furcht vor einer „Dunkelflaute“ kenne. „Aber in der Realität gibt es sie nicht. Wir bauen auf dezentrale Energieversorgung. Irgendwo scheint immer die Sonne und weht immer Wind.“

„Sind Elektro-Autos das Allheilmittel?“

Trotzdem: „Wie realistisch ist es, vollständig auf erneuerbare Energien umzusteigen?“, möchte eine Schülerin wissen. „Sehr realistisch“, sagt HTWK-Prof Schönfelder. Immerhin sei man deutschlandweit bereits bei einem Anteil von 40 Prozent. „In Mitteldeutschland decken wir an den Wochenenden mittags sogar 100 Prozent aus nachhaltigen Quellen ab“, sagt er. Sein Kollege Schubert fügt an: „Lange Zeit hieß es, allenfalls fünf Prozent könnten wir daraus beziehen. Das war nichts als Propaganda.“

Nächste Frage: „Sind Elektro-Autos das Allheilmittel?“ Schönfelders Antwort: „Wenn der elektrische Strom grün ist, ja.“ Jedenfalls sofern sich seine Hoffnung auf die Batterieforschung erfülle, die jetzt erst so richtig loslege. Klimagerechtigkeitsaktivist Tischer sieht das anders: „Die Rohstoffe – nicht nur für die Batterien – werden unter inakzeptablen Bedingungen abgebaut. Wir müssen uns eher fragen, was wir wirklich brauchen und worauf wir verzichten können.“ Dagegen glaubt Schubert, „dass es einfacher ist, Technologien umzukrempeln als den Lebensstil.“ Er rät dazu, „auf ganz vielen Wegen zu laufen, um zu sehen, welcher zum Ziel führt. Es werden auch Irrwege dabei sein.“

„Warum werden wir auch noch angepöbelt, wenn wir versuchen, was zu tun?“, liest Schönfelder vom Handy-Display vor. Und übers Mikro fragt ein HTWK-Student: „Wann kippt’s?“ Der Meteorologe Wendisch hat zuerst eine schlechte Nachricht: „Selbst wenn wir das angepeilte Zwei-Grad-Ziel erreichen, wird das Grönland-Eis komplett abschmelzen. Allein dadurch verschwinden weltweit 20 Riesenstädte im Meer.“ Zugleich nimmt er die Schüler vor ihren Kritikern in Schutz: „Die jungen Leute haben ein anderes Bewusstsein als wir alten Säcke entwickelt: Es genügt nicht, im Hörsaal klug zu reden. Ihr müsst demonstrieren“, fordert er. „Nicht nur die Schüler“, findet Aktivist Tischer – und verabschiedet sich eilig Richtung Protestzug. Um was zu tun.

Von Mathias Wöbking

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