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Lokales Leipziger entwickeln App gegen Ebola – auch gegen Influenza einzusetzen
Leipzig Lokales Leipziger entwickeln App gegen Ebola – auch gegen Influenza einzusetzen
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07:31 10.07.2019
Thomas Grünewald, Michael Kölsch, Thomas Köppig und Alexander Stinka (v.l.) entwickeln eine Ebola-App. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der Gedanke kam in einer zerrissenen Nacht, als sich Michael Kölsch wieder einmal den Kopf darüber zerbrach, wie man die Ebola-Epidemie in Westafrika eindämmen könnte.

Am nächsten Morgen rief der Honorarkonsul der Republik Liberia einen Mitstreiter an und erklärte ihm das Funktionsprinzip einer neuartigen App, die wie ein Warnsystem funktioniert. „Wollen wir das gemeinsam angehen?“ fragte er Thomas Köppig, den Vorsitzenden des Vereins Freunde Liberias. Der war sehr angetan und man beschloss, das Projekt zu verwirklichen. Das war 2014, auf dem Höhepunkt der Ebola-Epidemie in Liberia.

Fünf Jahre später, nach enormem Aufwand zahlreicher Beteiligter, sind die Arbeiten an der Applikation nahezu abgeschlossen. Die kostenlose und potenziell lebensrettende „Ebolapp“ soll ab 2020 als Download verfügbar sein.

System meldet mögliche Ansteckung

Eine Neuheit, die international für Aufsehen sorgen dürfte: „Ebolapp“ zeichnet das Bewegungsprofil des Nutzers auf und misst via GPS und Bluetooth, wie lange und in welchem Abstand zueinander Nutzer verweilen. Erkrankt einer davon, kann nur ein autorisierter Arzt dessen Daten auswerten.

Zum einen können so Kontaktpersonen schneller als bisher identifiziert werden; zum anderen erkennt das System bei Überschneidungen der Bewegungsprofile, ob von einer möglichen Ansteckung auszugehen ist. In dem Fall verschickt die mehrsprachig programmierte App eine Warnung inklusive Hinweise, was zu tun ist und wo sich das nächste Krankenhaus befindet. Auch Analphabeten können die App dank einschlägiger Symbole und Vorlesefunktion leicht bedienen.

Infektiologe war sofort überzeugt

Die Programmierung der App übernahm das Leipziger Unternehmen PublishAir. „Besonders wichtig ist die verlässliche Funktionsfähigkeit auf allen Handy-Modellen und Betriebssystemen“, betont Geschäftsführer Alexander Stinka.

Die Testung führte der international bekannte Dresdner Verein Mobilecamp mit der Chemnitzer Firma BurgEins und weiteren IT-Fachleuten durch; die Optik stammt vom Leipziger Designer Robert Menz. 2015 stellen Kölsch und Köppig „Ebolapp“ Dr. Thomas Grünewald vor, leitender Oberarzt der Infektiologie am Klinikum St. Georg. „Ich war sofort vom Funktionsprinzip der App und einer erfolgreichen Umsetzbarkeit überzeugt“, sagt der international renommierte Spezialist und Berater der WHO. Er nahm sich des Projekts an, beriet die Entwickler und führte schließlich einen erfolgreichen Feldversuch mit der App durch.

Datenschutz wichtiges Thema

Eine hohe Hürde stellte der Datenschutz dar – es galt, Missbrauch der Daten und die drohende Stigmatisierung des Erkrankten zu verhindern. Hier kam Hilfe von auf Datenschutz spezialisierten Kölner Rechtsanwälten.

Das Ergebnis: Die App folgt den strengen deutschen Vorgaben für medizinische Daten. So können zum Beispiel die ausschließlich auf dem Telefon gespeicherten Daten nicht vom Nutzer selbst ausgelesen werden, sondern nur von einem legitimierten Arzt, der sich unter anderem über Mailadresse und ärztliche Zulassungsnummer authentifizieren muss.

Schnell rekonstruierte Infektionsketten

Infektionsketten können über „Ebolapp“ wesentlich schneller rekonstruiert und Kontaktpersonen identifiziert und frühzeitig gewarnt werden als mit herkömmlicher, nicht digitaler Kontaktrecherche. Die so mögliche rechtzeitige Prophylaxe zeichnet das System besonders aus.

„Werden Infizierte in den ersten fünf bis sieben Tagen nach der Ansteckung geimpft, verbessern sich ihre Chancen“, sagt Grünewald. Der Arzt nennt einen weiteren Trumpf der Applikation: „Mittelfristig kann sie auch gegen andere epidemische Krankheiten wie Masern oder Influenza eingesetzt werden, und das nicht nur in Afrika.“

Ebola-Fälle nun auch in Uganda

Als sich Ebola 2014 in Westafrika ausbreitete, starben mehr als 11 000 Menschen, knapp die Hälfte davon in Liberia. Ihnen ist die App gewidmet. Betroffen ist derzeit der Kongo, erste Ebola-Fälle aus Uganda werden gemeldet. Die Dringlichkeit von „Ebolapp“ wächst damit. Bei einer mittlerweile fast 100-prozentigen Smartphonedichte in Afrika kann die App zahlreiche Leben retten.

Nun folgt die Feinjustierung

Bis zum Einsatz des Systems stehen nun die letzten Schritte an: In Kürze ist ein Feldversuch in Liberia geplant. Nach dessen Auswertung folgt die finale Feinjustierung, dann wird die Weltgesundheitsorganisation (WHO) involviert. Thomas Köppig ist optimistisch: „Die Wirksamkeit der Applikation zusammen mit den guten internationalen Beziehungen von Herrn Grünewald und Herrn Kölsch erleichtern den Zugang zu Regierungen betroffener Länder und damit die Vorinstallation der App durch lokale Mobilfunkbetreiber.“

Weltweite Neuheit

Die App aus dem innovationsfreudigen Sachsen ist weltweit eine Neuheit; für Kölsch ist sie ein humanitäres Projekt, das in einer Reihe steht mit zahlreichen Projekten der Stiftung Friedliche Revolution, die er vor zehn Jahren mitgegründet hat. Einsatzbereit soll „Ebolapp“ im Laufe des Jahres 2020 sein. „Anfangs war uns nicht klar, dass die Realisierung so aufwendig sein würde“, räumt Kölsch ein. „Aber nun schaffen wir die letzten Meter auch noch.“ Für den 61-Jährigen hätte sich der Aufwand gelohnt und ein Herzensanliegen erfüllt, wenn seine Idee auch nur ein einziges Leben rettet. Manchmal sind schlaflose Nächte gar nicht so schlecht.

www.freunde-liberias.de

Von Mark Daniel

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