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Lokales Leipziger erinnert sich an U-Boot-Krieg in der Karibik
Leipzig Lokales Leipziger erinnert sich an U-Boot-Krieg in der Karibik
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13:49 24.01.2019
Quelle: Foto: Walter Hartmann
Leipzig

U-Boot-Filme sind nicht erst seit „Das Boot“ ein Renner. Vor Kurzem lief eine aufwendige Neuverfilmung als Serie beim Bezahlsender Sky an. Aber wie war es wirklich an Bord? „Heiß und miefig“ – daran erinnert sich Walter Hartmann. Jahrelang hatte der Leipziger seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg „verschlossen“, jetzt kramt der heute 96-Jährige in seiner Erinnerung.

„Hinterher fragt man sich: Wie hast du das eigentlich gemacht? Aber du musstest eben“, sagt Walter Hartmann. Während des Zweiten Weltkrieges meldete er sich zur Kriegsmarine. 1941 und 1942 stand Hartmann als Torpedomechaniker auf der U 162, einem Kriegs-U-Boot, unter ständiger Anspannung. Heute lebt der 96-Jährige in einem Seniorenwohnheim in Leipzig.

Walter Hartmann wurde 1922 in Connewitz geboren. Mit seinen drei Geschwistern, seinen Eltern und der Großmutter wuchs er in einer viereinhalb-Zimmer-Wohnung auf. 1937 begann er eine Lehre bei Rudolph Sack, Landmaschinen, gleichzeitig wurde er im nationalsozialistischen Deutschen Reich in der Marine-HJ zum Soldaten erzogen. Anfang 1941, mit nur 18 Jahren, meldete sich Walter Hartmann als Soldat der Wehrmacht. Nach Monaten der U-Boot-Ausbildung, Unterdruckproben und Testmanövern, startete er gemeinsam mit 47 Kameraden in den Nordatlantik. „Ich habe mich mal links und mal rechts festgehalten“, erinnert sich Hartmann, der auch bei stürmischer See für die Beladung und Instandhaltung des Torpedos zuständig war.

Erinnerungen des letzten U-Boot-Fahrers Leipzigs, Walter Hartmann.

Insgesamt 16 Schiffe hat das U-Boot der deutschen Kriegsmarine versenkt. Ein Angriff dauerte zwischen drei und vier Stunden. „Alles war dann voller Spannung.“ Damit das U-Boot selbst nicht abgeschossen wurde, standen rund um die Uhr vier Männer am Ausguck, spähten nach Schiffen und Flugzeugen am Horizont. Meist fuhr das Boot auf der Wasseroberfläche. „Innerhalb von 40 Sekunden konnten wir runter“, erinnert sich Hartmann. Während der ersten Fahrt machte er mit seinem Fotoapparat heimlich Aufnahmen, die ein Leipziger Freund entwickelte. Wegen der hohen Feuchtigkeit im U-Boot rostete die Kamera aber. Darum ließ er 1941, als er das letzte Mal für viele Jahre in Leipzig Weihnachten im Kreise der Familie feierte, den Fotoapparat zuhause.

„Wir waren immer im Mief drin“, erinnert sich der 96-Jährige. Im Boot roch es nach Motoren, es war ständig warm und feucht. Während der Fahrt auf dem Nordatlantik haben sich die 48 Männer nicht gewaschen, ihre Toilette verrichteten sie auf einem Brett an Deck. „Der Krieg hat mich tief geprägt.“ Die Erinnerungen hat Walter Hartmann zunächst „verschlossen“, erst seinen Enkeln erzählte er von den Erlebnissen.

Nach der Nordatlantik-Mission stach die Mannschaft am 7. April 1942 erneut in See – samt Torpedos, Trinkwasser und Diesel für die nächsten Wochen. Ziel: Karibik. „Der Atlantik war ganz ruhig.“ In seinen privaten Memoiren aus den 1990er Jahren schreibt Hartmann: „Hier fanden wir eine glatte See und warmes Wetter vor, aber keine Schiffe. Nach ein paar Tagen waren wir von jeder Küste und jeder Insel soweit entfernt, dass mit Flugzeugen nicht mehr zu rechnen war.“ Da es im Boot heiß wurde, schlief Walter Hartmann nicht mehr wie gewohnt in seiner Hängematte im Inneren, sondern legte sie über die Gefechtköpfe auf die Bodenbretter.

„Man war eben Soldat“

Drei Wochen später erreichte das U-Boot den Kriegsschauplatz vor Trinidad und Barbados, dort versenkte die Mannschaft mehrere Tanker, immer wieder musste das Boot Flugzeugen tauchend ausweichen. Heute sagt Hartmann, dass das U 162 eines der ersten „erfolgreichen“ U-Boote war. Später seien Besatzungen „in Massen abgesoffen“. Walter Hartmann spricht distanziert vom Krieg und den Gefechten, „man war eben Soldat“, sagt er. Anfang Juni fuhr das U-Boot zurück nach Europa, genauer nach Lorient in der Bretagne. Verpflegung und Torpedos wurden nachgefüllt, die Technik gewartet. Hartmann fuhr eine Woche nach Leipzig und besuchte seine Familie. Wenig später, am 7. Juli 1942 stach das Kriegs-Boot erneut in See, erneut mit Kurs auf die Karibik. Bis zu zehn Mal am Tag mussten sich Boot und Mannschaft unter Wasser vor Flugzeugen verstecken. „Angst hatte ich nicht, die Gefahr gehörte eben dazu“, sagt Hartmann nüchtern. Am 3. September, die Heimreise stand bevor, bedrohte ein Zerstörer das U-Boot. Die Mannschaft ergab sich.

Ein Ingenieur erhielt den Befehl, das Boot zu versenken. Er selbst musste dafür im U-Boot bleiben. Ein Selbstmordkommando. „Um ihn tut es mir Leid“, bedauert Hartmann. Ein weiterer Kamerad blieb verschollen. Der Rest der Besatzung geriet in Gefangenschaft, die Männer blieben lange zusammen. Erst fünf Jahre später kam Hartmann frei. „Ohne die Kriegsgefangenschaft hätte ich den Krieg nicht überlebt“, sagt er heute. Das Lager in den USA hatte ihn vor weiteren Schlachten bewahrt. Danach kam er in Gefangenschaft in Belgien und England. Die Rückkehr nach Leipzig 1947 schmerzte ihn trotz der Wiedersehensfreude mit der Familie: „Als ich weg gegangen bin, ist noch keine Bombe gefallen, dann lag alles in Trümmern“, erzählt Hartmann.

Krieg nahm Hartmann die Jugend

Und auch seine Jugend hat ihm der Krieg genommen: „Die erste Frau habe ich mit 26 gesehen“, sagt Walter Hartmann. In den 50er-Jahren baute er sich ein Leben auf: Er studierte Maschinenbau, heiratete, gründete in Leipzig eine Familie. „Es ging ums Überleben“, erinnert sich der Zeitzeuge, der mittlerweile acht Urenkel hat. Und mit der Zeit fanden sich die Kameraden, die mittlerweile in Deutschland und Österreich verstreut lebten, wieder zusammen. Die Erlebnisse auf dem Boot und in Gefangenschaft hatten sie zusammengeschweißt. Jährlich trafen sich die Männer unternahmen Ferienreisen mit ihren Ehefrauen. Einer seiner Kameraden heiratete sogar Hartmanns Schwester.

Enger Kontakt zu Kameraden auch Jahrzehnte nach dem Krieg

Nach der Wende besuchte Hartmann einen ehemals feindlichen Soldaten in England. Bob hatte bei der Royal Navy ebenfalls als Besatzungsmitglied eines U-Boots gekämpft. Hartmann freundete sich mit ihm an, teilte Erinnerungen. Heute sind alle ehemaligen Kameraden und auch Bob tot. Walter Hartmann denkt immer wieder an die prägenden Erlebnisse zurück. Wenn der 96-Jährige im Seniorenwohnheim am Nordplatz auf ein Gemälde blickt etwa. Es zeigt ein Schiff im stürmischen Meer. Ein Kamerad hat es während der Zeit hinter Stacheldraht, in Gefangenschaft, gemalt.

Von Theresa Held

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