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Lokales Leipziger (44) trennt sich mit Kreissäge drei Finger ab – St. Georg näht sie wieder an
Leipzig Lokales Leipziger (44) trennt sich mit Kreissäge drei Finger ab – St. Georg näht sie wieder an
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13:13 21.01.2020
Zeige-, Mittel- und Ringfinger waren ab: Am Klinikum St. Georg hat man Michael Thiels Hand wieder zusammengenäht. Der Operateur (rechts): Thomas Kremer, Leiter der Klinik für Plastische und Handchirurgie. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der Moment ist aus Michael Thiels Gedächtnis gelöscht. Wahrscheinlich ist das besser so: Allein die Vorstellung tut bereits weh. Vergangenen April wollte er seine alte Terrasse zu Feuerholz zerkleinern. Doch die linke Hand rutschte in die Kreissäge. Zeige-, Mittel- und Ringfinger lagen plötzlich einzeln da. Unter jeder Menge Blut.

„Panik – das ist alles, woran ich mich erinnere“, sagt der 44-Jährige heute. Kein Bild hat sich ihm eingebrannt, auch keine Schmerzen. Die Finger sammelte seine Freundin ein und fuhr ihn vom Wohnort Groitzsch nach Zwenkau ins Krankenhaus. Aber dort hatten sie eine bessere Idee: Per Krankenwagen ging es ins Klinikum St. Georg nach Leipzig, wo die Expertise für schwere Handverletzungen groß ist. Deshalb ist die Handchirurgie seit kurzem offiziell als das einzige europäische Handtrauma- und Replantationszentrum in Sachsen zertifiziert.

Das Positive inmitten des Gemetzels

Für den Notfall wurde Thomas Kremer, Leiter der Klinik für Plastische und Handchirurgie, aus dem Hintergrunddienst in den Vordergrund gerufen. Der 44-jährige Professor strahlte die Ruhe aus, die der Patient dringend benötigte, erzählt er: „Er sprach zu mir mit fester Stimme: Herr Thiel, das kriegen wir schon wieder hin. Das war sehr wichtig für mich.“

Kremer sagte das nicht nur so daher: In dem Gemetzel schaffte es der Mediziner tatsächlich, das Positive zu erkennen: „Die Abtrennung war relativ günstig“, erklärt er. „Auch ziemlich glatt. Und das ist gut.“ Von 19.30 Uhr bis 7 Uhr in der Früh dauerte die Operation. Die Arterien mit einem Durchmesser von unter einem Millimeter fügte Kremer zuerst zusammen – innerhalb von sechs Stunden muss das Gewebe wieder durchblutet sein. Danach ist Zeit für alles andere: die Nervenenden zu verbinden und zuletzt die sehr kleinen Venen anzunähen, 0,2 bis 0,4 Millimeter dünn, die das Blut aus dem Finger abtransportieren.

„Als ich aufwachte, sagte eine Schwester: Alles wieder dran“, berichtet Thiel. „Das war ein gutes Gefühl.“ Aber damit war die Therapie keineswegs zu Ende. Zwei Wochen lang musste er im Krankenhaus bleiben und die Hand ruhigstellen, damit Gefäße, Nerven und Gewebe ungestört zusammenwachsen. Allerdings ist für die Sehnen der Stillstand nicht gut. Bei der Vernarbung verklebten sie mit der Umgebung. Daher standen und stehen weitere Operationen an, um den Fingern die Beweglichkeit zurückzugeben. Der Mittelfinger war überdies zunächst leicht verdreht angewachsen. Auch das korrigierte der Arzt im OP.

Prof. Thomas Kremer hat die Hand von Patient Michael Thiel im Klinikum St. Georg Leipzig wieder hin bekommen Foto: Andre Kempner Quelle: Kempner

Die Finger kribbeln oft – weil sich die Nerven regenerieren

Der Heilungsprozess dauert bis heute an. An vier von fünf Werktagen verlässt Thiel den Schreibtisch der Fensterbaufirma, deren Chef er ist, vorübergehend für Physio- oder Ergotherapiestunden. Über Schmerzen klagt er kaum. Seine Finger kribbelten aber oft, sagt er, „als wären sie eingeschlafen“. Die Sensibilität verbessert sich bei vielen Patienten noch bis zwei Jahre nach dem Unfall, erklärt Kremer. „Doch irgendwann ist ein Endzustand erreicht.“ Ganz so wie vorher wird eine Hand, die zweigeteilt war, nicht mehr werden, weder funktional noch ästhetisch. „Aber wir wollen so nahe wie möglich da ran.“

Finger in Tüte, Tüte in Eiswasser – und schnell ins Krankenhaus

Keine Frage: Wenn Gliedmaßen abgetrennt werden, ist Eile angesagt. Finger sollten innerhalb von sechs Stunden wieder durchblutet sein. Ist die ganze Hand ab, kann es bereits nach vier Stunden zu spät sein. Die Körperteile sollten in Kompressen eingewickelt und in eine Tüte eingepackt werden, die wiederum in Eiswasser schwimmt. Die Kühlung verlängert die Zeitspanne, aber die Gliedmaßen dürfen nicht direkt mit Wasser in Kontakt kommen.

Jährlich fallen in derSt.-Georg-Handchirurgie etwa 25 Replantationen an. Aufgrund dieser hohen Fallzahl – und der Qualität der Behandlungen – hat die europäische Fachgesellschaft FESSHdie Klinik Ende 2019 als spezialisiertes Zentrum zertifiziert. Statt der dafür geforderten drei Handchirurgen gehören in dem städtischen Krankenhaus sogar sechs zum Team. Sie haben sich nach ihrer Ausbildung zum Facharzt noch drei Jahre zusätzlich qualifiziert. „Wir müssen rund um die Uhr gewährleisten, dass jemand da ist, wenn ein Notfall passiert“, sagt Kremer. In Ostdeutschland gibt es solche Zentren ansonsten nur in Magdeburg und Berlin.

Manchmal wird ein Zeh zum Ersatz für den Daumen

Fast täglich haben die Ärzte am St. Georg zwar nicht mit Replantationen, jedoch mit schweren Handverletzungen zu tun, die ebenfalls mikrochirurgisch versorgt werden müssen. Und einmal im Jahr ganz besonders: am 1. Januar. Von 2 Uhr bis 2 Uhr am nächsten Tag herrschte 2020 24-Stunden-Betrieb im OP. Zum Beispiel riss eine Explosion einem Patienten Daumen und zwei weitere Finger ab. Sie waren so stark zerstört, dass sie nicht wiederhergestellt werden konnten. Wenn abgetrennte Gliedmaßen fehlen, insbesondere der Daumen, nähen die Spezialisten stattdessen eine eigene Zehe an, um der Hand wieder einen Gegengriff zu ermöglichen.

Das immerhin blieb Michael Thiel erspart. Und zu Silvester ließ er wohlweislich die gerade wieder angewachsenen Finger von jeglichen Böllern. Das mit der neuen Terrasse hat indes bislang nicht geklappt – aus genau denselben Gründen.

Von Mathias Wöbking

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