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Lokales Leipzigs AfD-Hochburg: Auf Spurensuche in Liebertwolkwitz
Leipzig Lokales Leipzigs AfD-Hochburg: Auf Spurensuche in Liebertwolkwitz
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13:02 08.06.2019
Das Rathaus auf dem Markt von Liebertwolkwitz. Quelle: Pia Siemer
Leipzig

Rein statistisch gesehen, ist Liebertwolkwitz unter den 14 Leipziger Ortschaften eher unauffällig. Laut dem Leipziger Amt für Statistik und Wahlen liegt das persönliche Nettoeinkommen mit 1504 Euro etwa 200 Euro über dem Leipziger Durchschnitt, die Arbeitslosigkeit ist mit fünf Prozent gering, mehr als die Hälfe der Bewohner verfügt über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Wie in vielen Außenbezirken sind die Menschen hier im Schnitt etwas älter als in den Innenstadtbezirken. Hier im südöstlichsten Zipfel der Messestadt scheint auf den ersten Blick alles in Ordnung zu sein, Einfamilienhäuser säumen die Straßen, das zitronengelbe Rathaus leuchtet in der Sonne auf dem hübsch sanierten Markt. Die Einwohner nennen den Ort liebevoll „Wolks“.

Doch es gibt eine weitere Statistik, die heraussticht: In dem 5400-Einwohner-Ort hat die AfD bei den Leipziger Stadtratswahlen ihr höchstes Ergebnis erzielt. Über 28 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben, bei einer Wahlbeteiligung von 58 Prozent, für die AfD gestimmt, bei den Bundestagswahlen 2017 waren es 29,1 Prozent.

Die Bürger sind politikverdrossen, sagt der Ortsvorsteher

Die Frage, warum das so ist, treibt Ortsvorsteher Roland Geistert, der für die Wählervereinigung LUV (Liebertwolkwitz Unabhängige Vertreter) antritt, nicht erst seit den Kommunalwahlen um. Er will wissen, „was die Leute bei uns so unzufrieden macht, dass sie AfD wählen“. In der Werkstatt seines Autodienstes unweit des Marktes kommt er täglich mit Menschen ins Gespräch, um eine Antwort zu finden. „Ich spüre Politikverdrossenheit bei den Bürgern“, erzählt der 69-jährige Geistert. Er sieht in dem Wahlergebnis eine Art Protest, aber nicht gegen die Arbeit vor Ort, sondern gegen die anderen, die „etablierten“ Parteien.

Denn das Ergebnis der Ortschaftsratswahl ergab ein anderes Bild als das der Stadtratswahl. Hier vereinte die AfD nur 17,4 Prozent der Stimmen auf sich und erlangte damit einen von fünf Sitzen. Geisterts Wählervereinigung holte 57,3 Prozent, zehn Prozent mehr als noch bei den letzten sächsischen Kommunalwahlen 2014. „Unsere Arbeit wird offensichtlich anerkannt“, meint der Ortsvorsteher.

Es geht nicht nur um Protest, meint der AfD-Stadtrat

Als reine Protestpartei sieht Tobias Keller die AfD hingegen nicht mehr. Der 55-jährige Handwerksmeister, der früher DSU-Mitglied war, ist der Fraktionsvorsitzende der AfD im Stadtrat und zum zweiten Mal für den Wahlbezirk Südost in die Ratsversammlung eingezogen. Damit vertritt er auch die Belange der Liebertwolkwitzer. Immer mehr Wähler würden sich wegen des Programms für die AfD entscheiden, meint Keller. „Ihnen gefällt die Sachpolitik, die wir im Stadtrat machen.“

Am 26. Mai 2019 haben die Leipziger einen neuen Stadtrat gewählt – diese 70 Kandidaten haben es geschafft.

Aber auch er sieht in dem Wahlergebnis eine Absage an andere Parteien, vor allem an jene, die in Liebertwolkwitz lange gute Wahlergebnisse verzeichnet haben. „Die CDU hat den kleinen Bürger im Stich gelassen“, behauptet Keller. Wenn man ihn nach den Bedürfnissen der Liebertwolkwitzer fragt, kommt er schnell zum großen Ganzen. Er spricht von der Finanzkrise in Griechenland, der Umweltpolitik, den Geflüchteten und davon, dass die CDU ihr Versprechen nach mehr Ordnung und Sicherheit nicht gehalten habe. Diese Nachrichten würden auch die Menschen in Liebertwolkwitz beschäftigen. „Sie wollen nicht, dass es hier irgendwann wie in Connewitz aussieht“, so der AfD-Stadtrat.

Es gibt viele kleine Unstimmigkeiten, so der AfD-Ortschaftsrat

Der erste AfD-Vertreter im Liebertwolkwitzer Ortschaftsrat ist Marko Schachtschneider. Er ist im Gegensatz zu Keller, der in der Leipziger Innenstadt aufgewachsen ist und auch heute noch dort wohnt, ein gebürtiger „Wolkser“. Angesprochen auf das, was die Menschen im Ort bewegt, redet er von vielen kleinen Unstimmigkeiten. Er meint damit unsanierte Straßen, Drogenprobleme an der örtlichen Oberschule und den fehlenden Jugendclub. Auch der Nahverkehr sorge immer wieder für Unmut, denn eine durchgehende Tramverbindung aus der City gibt es nicht. Spätabends fahren die Busse nur noch unregelmäßig von der Endhaltestelle der Linie 15 in Meusdorf nach „Wolks“. Hier wolle er im Ortschaftsrat ansetzen. „Den Leuten fehlt die Möglichkeit, wirklich mitzubestimmen“, glaubt der Dachdeckermeister.

Nach der Wahl ist vor der Wahl: AfD-Stadtrat und Fraktionsvorsitzender Tobias Keller (links) und AfD-Ortschaftsratsmitglied Marko Schachtschneider werden vor dem Landtagswahlen im September wieder Plakate aufhängen. Quelle: Pia Siemer

Die Eingemeindung von 1999 hat Wunden hinterlassen, glaubt der Ex-Ortvorsteher

Lutz Zerling, ein Veteran der örtlichen Politik, ist überzeugt, dass das Wahlergebnis auch mit alten Wunden zusammenhängt. 1999 wurde Liebertwolkwitz eingemeindet, der 60-Jährige war damals stellvertretender Bürgermeister des Ortes. „87 Prozent haben gegen den Eingemeindungsvertrag gestimmt“, erinnert er sich. Seitdem habe die Leute immer wieder das Gefühl beschlichen, von der Stadtverwaltung vernachlässigt zu werden. Hinzu komme, dass es auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland gebe. „Die Menschen merken, dass der Angleich noch nicht erfolgt ist. Es gibt eine Angst davor, dass es einem in Zukunft schlechter gehen könnte“, glaubt der ehemalige Ortsvorsteher und Ex-Stadtrat. Die hohe Zustimmung zur AfD spreche aber nicht für die Ablehnung von Ausländern, glaubt Zerling. Zwar gebe es ein Wohnheim für Asylsuchende in Liebertwolkwitz, aber das sei nicht einmal voll.

Die Liebertwolkwitzer identifizieren sich nicht mit Leipzig, denkt der Sportsvereinvorsitzende

Dass die politische Lage die „Wolkser“ beschäftigt, kann auch Mirko Rinke, der erste Vorsitzende des SV Liebertwolkwitz, in Gesprächen mit den Vereinsmitgliedern feststellen. „Da gibt es dieses Gefühl, dass die in der Politik nichts machen“, sagt er. Mit der Stadt Leipzig identifizieren sich die Liebertwolkwitzer aus seiner Sicht nicht, mit der Gemeinschaft vor Ort dafür umso mehr. „Es geht hier noch etwas dörflicher und gemütlicher zu, das schätzen viele“, meint der Fußballtrainer. Der Sportverein hat fast 600 Mitglieder, auch das historische Gemeinschaftsprojekt „Ein Dorf im Jahre 1813“ hat 500 aktive Unterstützer, die jeden Herbst die Zeit der Völkerschlacht wieder aufleben lassen. Lutz Zerling, der von Anfang an mit seiner Hofgenossenschaft an dem Projekt beteiligt war, sagt: „Nach der Zwangseingemeindung wirkte das identitätsstiftend.“

Es fehlen Zuzug und wirtschaftliche Entwicklung, findet der Vorsitzende des Kirchenvorstandes

Auch die Mitglieder der Kirchgemeinde von Liebertwolkwitz engagieren sich bei dem Projekt und arbeiten ebenfalls eng mit dem Heimatverein zusammen. „An einem Gemeinschaftsgefühl fehlt es jedenfalls nicht“, findet Christoph Pertzsch, der Vorsitzendes des Kirchenvorstands. „Aber die Leute merken auch, dass der Ort nur langsam wächst. Es gibt keinen Zuzug und keine Neubauviertel, große Gewerbe wie DHL und Porsche sitzen im Norden“. Von der Stadtverwaltung fühlten sich viele ignoriert. „Wir sind eben nicht Plagwitz mit seiner Gründerszene“, so Pertzsch. Dort erreichte die AfD bei den Kommunalwahlen mit 8,1 Prozent eines ihrer schlechtesten Ergebnisse in Leipzig.

Von Pia Siemer

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