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Lokales „Leipzigs Bürgerticket wird Russisches Roulette“
Leipzig Lokales „Leipzigs Bürgerticket wird Russisches Roulette“
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07:00 24.01.2017
Carsten Schulze-Griesbach redet gern Klartext.   Quelle: André Kempner
Leipzig

„Wir sind regelrecht entsetzt und bestürzt über die erschreckend niedrige Qualität der Vorschläge“, begründet Carsten Schulze-Griesbach den Vorstoß des Pro-Bahn-Landesverbandes Mitteldeutschland. „Sollten diese umgesetzt werden, wird der ÖPNV massiv darunter leiden. Wir fordern alle Interessierten und Beteiligten auf, am Stopp des massiven Unfugs mitzuwirken und stattdessen andere Vorschläge zur Diskussion zu stellen.“

Nach Ansicht von Pro Bahn listet der MDV lediglich verschiedene Möglichkeiten auf, um den Bürgern und Unternehmen in Mitteldeutschland zusätzlich in die Tasche zu greifen, statt mit Angebotsverbesserungen deutlich mehr Fahrgäste anzulocken und so die Fahrgeldeinnahmen zu erhöhen. „Mehr Fahrgäste lassen sich gewinnen durch bessere Informationen, optimal vernetzte und vertaktete Angebote, verbesserte Umsteigemöglichkeiten, kürzere Fußwege zu den Stationen, Ausweitung des Netzes in unerschlossene Wohn- und Gewerbegebiete, kurzum durch die enge Verzahnung von Stadtstrukturen mit den Netzen des ÖPNV“, listet Schulze-Griesbach auf.

Fest macht das Pro Bahn unter anderem an dem umstrittenen Bürgerticket, für das der MDV alle Bürger zur Kasse bitten will – auch jene, die nicht mit Bus und Bahn fahren. Dieses sei für die Verkehrsunternehmen die einfachste Lösung. „Angebote müssen nicht erweitert werden, Kosten fallen dafür nicht an, die Einnahmen kommen frei Haus“, so Schulze-Griesbach. „Es besteht keinerlei Anreiz mehr, dafür Gegenwerte wie Pünktlichkeit, Sauberkeit, Innovation, Fahrplanverbesserungen, mehr Bequemlichkeit, bessere Informationen und so weiter den Fahrgästen zu liefern. Es wurde ja bereits gezahlt, je weniger mitfahren – umso ertragreicher ist das Konzept, um so weniger Mittel müssen aus öffentlichen Händen beigesteuert werden.“ Der ÖPNV gerate so „in eine defensive Abwärtsspirale“, weil Fahrgastrückgänge finanziell ertragreicher sind. Ähnlich sei die Wirkung bei den anderen fünf alternativen Finanzierungsvorschlägen des MDV. „Bereits im gegenwärtigen System fehlen echte wirksame Hebel, um Missstände beheben zu können“, meint der Pro-Bahn-Landesvorsitzende mit Blick auf den General-Betrauungsvertrag, mit dem die Stadt Leipzig die Leipziger Verkehrsbetriebe vor Konkurrenz schützt.

Darüber hinaus berge das Bürgerticket erhebliche Risiken für die Verkehrsunternehmen im Verbundgebiet. „Was gefühlt entgeltfrei verfügbar ist, kann nicht viel wert sein“, skizziert Schulze. „Diese Abwertung wird sich nach und nach in der sozialen Schichtung der Fahrgäste widerspielgeln.“ Wer bisher aus sozialer Sicht den ÖPNV mied, werde es auch zukünftig tun. Dies würden bereits jetzt Veranstaltungen aller Art zeigen, deren Besucher trotz Kombieintrittskarte mit Gratis-ÖPNV-Nutzung mit dem Auto anrollen und dabei für reichlich Chaos auf Leipzigs Straßen sorgen. „Nur weil es nichts kostet, fährt man deshalb noch lange nicht mit.“

Auch wenn die Einführung des Bürgertickets tatsächlich zu einem exorbitanten Ansturm auf den öffentlichen Nahverkehr führen sollte, würden viele Gefahren lauern. Denn dieser würde dann sämtliche verfügbaren und baubaren Kapazitäten sprengen. „Schlagartig wäre das heutige ÖPNV-Angebot um das drei- bis fünffache unterdimensioniert und eine totale Überfüllung die Folge.“ Denn die notwendigen Investitionen könnten in dieser Größenordnung nicht über Nacht umgesetzt werden. „Realistisch betrachtet ist diese Aufgabe unmöglich.“

Wenn sich zum Beispiel bei Schlechtwetter aufgrund der entgeltfreien Verfügbarkeit übermäßig viele Einwohner dazu entschließen würden, doch den PKW stehen zu lassen, wäre der ohnehin beanspruchte ÖPNV sofort komplett lahmgelegt. „Einen derartigen Ansturm bewältigt kein System mit Reserven aus sich heraus“, so Schulze-Griesbach. „Ein Bürgerticket ist für das System wie ,Russisches Roulette’ – das kann kein verantwortungsbewusster Entscheidungsträger wollen.“

Beim MDV heißt es , die Gutachten seien in enger Verzahnung mit den politischen Gremien entstanden. Die sechs Vorschläge seien nach vorgegebenen Kriterien gemeinsam aus fast 30 Möglichkeiten ausgewählt worden. „Wir begrüßen grundsätzlich, dass sich andere mit dem Thema ergänzende Finanzierungen für den Nahverkehr befassen“, so MDV-Geschäftsführer Steffen Lehmann. Pro Bahn habe seine Kritiken dem MDV aber nicht mitgeteilt. Deshalb könnten sie auch nicht bewertet werden..

Von Andreas Tappert

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