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Lokales Leipzigs Freie Szene: Wir werden gebraucht
Leipzig Lokales Leipzigs Freie Szene: Wir werden gebraucht
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00:27 07.09.2018
Reden über Kunst und Geld: v. l. Oliver Reiner (Villa), Annegret Hense (Unikatum), Bürgermeisterin Skadi Jennicke, Ariane Jedlitschka (HAL), Mandy Gehrt, Sebastian Weber, Constanze Müller (Kunstraum D 21) und Ilse Lauter (Linken-Sprecherin für Beschäftigungspolitik). Quelle: Foto: Andre Kempner
Leipzig

Manchmal gehen die Gedanken nach Chemnitz. „Was dort passiert, beschäftigt mich sehr“, sagt Sebastian Weber. Und das keinesfalls nur, weil der Tänzer mit seiner Company sich in seiner neuen Produktion mit Populisten befasst, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen. Die Vorgänge in knapp 90 Kilometern Entfernung haben auch etwas mit dem Verfall von Anstand zu tun – und insofern mit der Notwendigkeit von Kultur, die an diesem Montagabend eingeklagt wird. In Halle 14 der Alten Baumwollspinnerei sitzen auf Einladung der Linken mehrere Protagonisten der Leipziger Freien Szene mit Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke zusammen, um sich unter dem Titel „Wer braucht die Freie Szene? Was braucht die Freie Szene?“ auch mit Blick auf den neuen Doppelhaushalt Sachsens und die Kommunalwahlen 2019 mit sich zu beschäftigen.

Gleich zu Anfang des von Mandy Gehrt geleiteten Treffens betoniert Jennicke ein Statement in den Hallenboden, an dem niemand der Anwesenden rütteln würde. „Die Freie Szene hat finanziell gesehen nicht den Stellenwert, den sie verdient“, stellt die Kulturbürgermeisterin klar. Nicht zum letzten Mal an diesem Abend betont sie, dass sie nichts von Frontenbildung zwischen Hoch- und Basiskultur hält. Dass es ein paar Forumsbesuchern misslingt, die Unterschiede zu ignorieren, liegt am allzu heftigen Größenunterschied der Fördertöpfe. Aus dem einen für die städtischen Kulturbetriebe quillen fast 100 Millionen Euro, aus dem anderen nur 5,9 – bei Zuschauerbilanzen, die gleichauf liegen. Unvermeidbar, dass sich da das Gefühl fehlender Wertschätzung aus Politik und Verwaltung am Geld festmacht.

An der Bedeutung der Szene für die Stadt und deren Lebenswert zweifelt keiner der Spartenvertreter. „Wenn ich sehe, wie gerade bei den Tastentagen in Grünau Jugendliche, zwei ältere Leute und die Klavierspielerin im Park miteinander ins Gespräch gekommen sind, ist das ein wunderbares Sinnbild für das, was wir schaffen“, so bringt es Oliver Reiner auf den Punkt, Chef des Soziokulturzentrums Die Villa. „Die Stadt hat verstanden, was sie an der freien Kultur hat“, findet Ariane Jedlitschka vom HAL Atelierhaus. Weber stellt heraus, dass „die hiesige freie Szene ein Exportschlager ist. Leipziger Künstler spielen ihre Produktionen über die ganze Welt verstreut und tragen zum Ansehen der Stadt genauso bei wie beispielsweise das Gewandhaus in Boston.“

Und trotzdem kann sich das Gros der „Freien“ davon im wahrsten Sinn nichts kaufen. „Die Freie Szene ist arm“, konstatiert der Tänzer und rechnet vor: Im durchschnittlichen Fall lag 2017 das Künstler-Tageshonorar bei 47 Euro, also weit unterhalb des festgesetzten Mindestlohns und jenseits der Mindestempfehlung vom Landesverband Darstellende Künste Sachsen von 180 Euro pro Tag; im Prinzip ein Gesetzesbruch. „Man kann nur mit viel Fantasie und Nebenjobs von der Kunst leben – trotz einer Top-Ausbildung, bester Vernetzung und dem Sprechen mehrerer Sprachen“, so Weber. Ergo: Ohne mehr Geld geht es nicht.

Mit impulsiven Reaktionen wie einleuchtenden Argumenten bricht das Vorstandsmitglied des Lofft das dezent Elegische in der Runde auf. Ihm geht der Hut beim Argument hoch, man solle nicht jammern, die Mittelförderung sei schon viel besser als früher. „Feiert die Schweiz heute noch, dass es seit 1971 das Frauenwahlrecht gibt?“

Weber fordert einen Paradigmenwechsel in Politik wie Gesellschaft – die Bedeutung von Kultur müsse einen ebenso hohen Stellenwert wie Kita-Plätze haben. Im Handstreich durchzusetzen ist das nicht, und Bürgermeisterin Jennicke verweist auf die harten Verteilungskämpfe allein zwischen den Rathaus-Ressorts. Schon innerhalb des Fördertopfes für freie Künstler ist die Aufteilung von institutioneller und Projekte-Förderung in ihrer Gewichtung umstritten. Der Kunstraum D 21 wie auch das Kindermuseum benötigen bei wachsender Arbeit mehr Stellen, und die sind über Projektmittel nicht finanzierbar.

Immerhin macht – unter anderem – Nordrhein-Westfalen vor, dass ein Wandel möglich ist: Für die Freie Szene wurde der Etat um 50 Prozent aufgestockt. Gehrt, Stadträtin und selbst bildende Künstlerin, appelliert an die Leipziger Szene, mehr für sich zu trommeln. Eine Aktion plant die Initiative Leipzig Plus Kultur in der Tat – doch das entbindet die Politik nicht von ihrer Aufgabe, sich stark zu machen. Konsens ist auch: Mehr Geld sollte nicht fließen, damit die murrenden Kreativen mal wieder ruhig gestellt sind. Sondern weil ihre Arbeit die Zivilgesellschaft stabilisiert und fester Bestandteil einer Demokratie ist, die gerade in Frage gestellt wird. Womit wir wieder beim Stichwort Chemnitz wären.

Von Mark Daniel

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