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Lokales Leipzigs Stadtwerke erfinden sich neu
Leipzig Lokales Leipzigs Stadtwerke erfinden sich neu
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12:02 06.08.2016
Die Gas- und Dampfturbine sollte vor allem Strom erzeugen – heute bringt das „Abprodukt“ Fernwärme das Geld.
Die Gas- und Dampfturbine sollte vor allem Strom erzeugen – heute bringt das „Abprodukt“ Fernwärme das Geld.  Quelle: Fotos: André Kempner
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Leipzig

Wer hätte gedacht, dass das Herz der Stadtwerke einmal am kräftigsten in einem Handelsraum schlägt. „Trading-Floor“ heißt der kleine Saal in einem der Obergeschosse des Stadtwerkegeländes an der Eutritzscher Straße 14b. Zutritt zu diesem Hoch-Sicherheitsbereich haben nur eine Handvoll Mitarbeiter.

Gleich nebenan steht die riesige Gas- und Dampfturbinenanlage (GuD), die 1992 für Dutzende Millionen D-Mark errichtet und vor zwei Jahren für 40 Millionen Euro modernisiert worden ist, um Strom und Fernwärme zu erzeugen. Die Anlage steht an diesem strahlend schönen Sommertag still. Denn die vielen Solaranlagen in Deutschland erzeugen so viel billigen Strom, dass die GuD-Anlage damit nicht konkurrieren kann.

„Heute gibt es 1,5 Millionen kleine Energieerzeuger in Deutschland – früher waren es 800“, erzählt Thorsten Körner, Abteilungsleiter im „Trading-Floor“. „Da schalten wir die GuD-Anlage lieber ab.“ Stattdessen lassen die Stadtwerke auf ihrem Handelsparkett sieben Energiehändler Billig-Strom einkaufen – vorzugsweise von Windrädern, weil der Gesetzgeber darauf pocht, dass deren Energie vorrangig verbraucht wird.

Seitdem die Anzahl der alternativen Energieerzeuger explodiert ist, lassen sich mit dem Stromgeschäft nicht mehr die hohen zweistelligen Millionengewinne erwirtschaften, die die Stadtwerke an die stadteigene LVV-Holding überweisen sollen, damit diese die stadteigenen Verkehrsbetriebe finanzieren kann. Das liegt zum Teil auch an der GuD-Anlage: Die Stadtwerke müssen den teuren Koloss betriebsbereit vorhalten, denn die Energiewelt von heute funktioniert längst nicht immer. „Es reicht schon, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schiebt“, sagt Körner. „Da geht die Stromerzeugung der Solaranlagen rapide runter.“ Dann muss manchmal binnen 15 Minuten die GuD-Anlage hochgefahren werden.

Für die Führungsspitze der Stadtwerke ist deshalb nach wie vor die GuD-Anlage das Herzstück ihres Unternehmens. „Früher hat ihre Stromerzeugung das Geld gebracht, heute ist es ihre Fernwärme“, beschreibt der Sprecher der Geschäftsführung, Johannes Kleinsorg, den Wandel. „In Spitzenzeiten könnten wir ohne die GuD-Anlage Leipzig nicht warm halten.“

Außerdem wird die Anlage eingesetzt, wenn Käufer im Voraus Energielieferungen zu speziellen Tagen und Stunden bestellen, was Betreiber von Sonnen– und Windstromanlagen nicht garantieren können. „Aufs Geschäftsjahr betrachtet schreiben wir so mit der Stromerzeugung immer noch schwarze Zahlen“, betont der kaufmännische Geschäftsführer der Stadtwerke, Karsten Rogall. Das heißt: Der teure Koloss rechnet sich bei der Stromproduktion gerade noch so.

Kleine Blockheizkraftwerke entstehen

 Deshalb wollen die Stadtwerke in Leipzig jetzt mehrere kleine Blockheizkraftwerke errichten, die Fernwärme und Strom umweltfreundlich in hocheffizienter Kraft-Wärme-Kopplung erzeugen – sozusagen kleine Brüder der großen GuD-Anlage. Mit diesen kleinen Anlagen will das Unternehmen auch den Ausbaubedarf seiner Strom- und Fernwärmenetze reduzieren. Denn immer mehr Menschen im Stadtgebiet bedeuten auch immer stärkere Leitungen. „Machen Sie mal jemandem klar, dass Sie deshalb noch einmal die Grimmaische Straße aufreißen müssen“, skizziert Rogall das Problem.

Mit den neuen dezentralen KWK-Anlagen soll Leipzigs Energieversorgung noch flexibler werden, weil sie binnen fünf Minuten hochgefahren werden können. „Wir bereiten den Bau von vier bis sechs solcher Anlagen mit einer elektrischen Leistung von jeweils zwei bis sechs Megawatt vor“, sagt Rogall. Derzeit würden Standorte für sie ermittelt. Sie sollen sich an Fernwärmeleitungen befinden und möglichst dicht an sich entwickelnden Wohngebieten liegen. „Wenn das neue KWK-Gesetz noch in diesem Herbst verabschiedet wird, fangen wir im nächsten Jahr an zu bauen“, so Kleinsorg

Stabile Erträge liefern die Strom- und Gasnetze, die die Stadtwerke in Leipzig betreiben. Denn alle anderen Anbieter von Strom und Gas müssen für das Durchleiten Netzentgelte zahlen. Auch sie werden mit dem Bevölkerungswachstum weiter steigen. Hinzu kommt, dass die Stadt jetzt ihre Strom- und Gas-Konzessionen für die nach der Wende eingemeindeten Ortsteile an die Stadtwerke vergeben hat. „Der neue Konzessionsvertrag für Gas ist unterschrieben, der für Strom noch nicht“, sagt Kleinsorg. Doch auch dies werde demnächst geschehen „Unsere Netze werden dann um 30 Prozent wachsen.“ Dieses System werde vor allem mit intelligenter Überwachungs- und Steuerungstechnik aufgerüstet. „Wir sind mitten in diesem Prozess.“

„Virtuelles Kraftwerk“ geplant

Die Stadtwerke drehen auch noch an anderen Stellschrauben, um ihre Gewinne auf dem hohen Niveau zu stabilisieren. Eine davon ist der Stromverkauf in Leipzig. Dort reduziert die Konkurrenz der deutschlandweit rund 70 Stromanbieter den Marktanteil der Stadtwerke. „Allein durch das Wachstum der Stadt ist es uns gelungen, einen Teil der Verluste im Wettbewerb in den letzten beiden Jahren zu kompensieren“, berichtet Kleinsorg. Das Geschäft mit den Stromkunden habe sich so in den letzten beiden Jahren „stabilisiert“.

Gleichzeitig wird unter der Überschrift „virtuelles Kraftwerk“ versucht, Kapazitäten in der Region zu bündeln. Ziel ist eine möglichst komplette Steuerung von Photovoltaik-, Windkraft- und KWK-Anlagen, um deren Energie wirtschaftlicher zu erzeugen, zu verteilen und zu nutzen. „Wir haben auch mit vier Stadtwerken vereinbart, gemeinsam am Regelenergiemarkt zu agieren“, schildert Kleinsorg. Weil dort nur Abnehmer größerer Energiemengen zugelassen sind, können jetzt auch die vier kleineren Stadtwerke ihre erzeugten Mengen zum Ausgleich kurzfristig stark schwankender Nachfrage anbieten.

Parallel wird versucht, Einsparpotenziale in der Region zu erschließen. „Mögliche Kunden sind zum Beispiel Betreiber von Kühlanlagen“, berichtet Rogall. Das Konzept: Auch ihre Energiebedarfe sollen gebündelt werden – um sie kurzzeitig vom Netz zu nehmen, wenn der Strom extrem teuer ist. „Für 15 Minuten ist das problemlos möglich, wenn anschließend nachgekühlt werden kann“, sagt Rogall. „Jeder Supermarkt hat heute Kühlkapazitäten.“ Es wird auch an einem Windparkprojekt gearbeitet. Es soll mit einem Partner entwickelt werden.

Weil absehbar ist, dass künftig immer weniger Geld mit Stromlieferungen zu verdienen ist, wollen sich die Stadtwerke auch von einem Energielieferanten in einen Dienstleister wandeln. „Die Immobilienwirtschaft soll alles rund um die Energie bei uns bekommen“, sagt Kleinsorg. Ob dies alles die Gewinne wieder sprudeln lässt, ist offen. „Zumindest mittelfristig“ sei dies zu schaffen, glaubt Kleinsorg. „Aber es wird nicht einfach, das Niveau der letzten Jahre auf Dauer zu halten.“

Lesen Sie in der nächsten Folge unserer Serie "Leipzig wächst - was nun?" wie die Stadt für ausreichend Wohnraum sorgen will.

Von Andreas Tappert