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Lokales Leipzigs will neues Gas-Kraftwerk bauen – die Pläne im Detail
Leipzig Lokales Leipzigs will neues Gas-Kraftwerk bauen – die Pläne im Detail
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21:14 05.07.2019
Auf dem Gelände des früheren Heizkraftwerks Süd an der Bornaischen Straße wollen die Leipziger Stadtwerke ab August 2020 ein neues Gaskraftwerk bauen. Von 1910 bis 1994 wurde dort mit Braunkohle Fernwärme erzeugt, danach noch vier Jahre lang mit Erdgas. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Leipzigs Fernwärmeversorgung soll ab Herbst 2022 weitgehend unabhängig von der Braunkohle erfolgen. Es sei technisch möglich, dann komplett aus anderen Energiequellen zu heizen, sagte Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) am Freitag. Der bisherige Liefervertrag mit dem Braunkohle-Kraftwerk Lippendorf werde daher zum 30. September 2022 gekündigt.

Investitionen bringen 80 Jobs im Stadtgebiet

Spätestens an diesem Tag solle ein Gaskraftwerk den Dauerbetrieb aufnehmen, das die kommunalen Stadtwerke am Standort des früheren Heizkraftwerks Süd in der Bornaischen Straße bauen. Dadurch sowie durch weitere Investitionen würden 80 dauerhafte Arbeitsplätze im Stadtgebiet entstehen.

Stadtwerke erhalten Neubau praktisch geschenkt

Die drei Turbinen im neuen Kraftwerk sollen zusammen mindestens 150 Megawatt (MW) Wärme plus 120 MW Strom erzeugen können, erläuterte Stadtwerke-Chef Karsten Rogall. Der Baustart sei für August 2020 vorgesehen. Der Leipziger Fernwärme-Bedarf liege bei 350 MW. Er werde bisher etwa zur Hälfte aus Lippendorf sowie dem Gas-Kraftwerk der Stadtwerke an der Eutritzscher Straße gedeckt (mit je 200 MW besicherter Leistung).

Für Notfälle ist Selbstversorgung längst gesichert

Schon lange schaffe es Leipzig aber, sich notfalls vorübergehend allein mit Fernwärme zu versorgen, ergänzte der neue Geschäftsführer Maik Piehler. Heute stünden dafür bei den Stadtwerken 35 MW aus Speichern an der Arno-Nitzsche-Straße bereit, 26 MW aus kleineren Blockheizkraftwerken sowie 285 MW aus Gasspitzenkesseln an verschiedenen Standorten, die bei extremer Kälte oder einem Ausfall anderer Anlagen einspringen.

Jahrhundertprojekt kostet insgesamt 300 Millionen Euro

Die Aufsichtsräte der Leipziger Gruppe hätten vor wenigen Tagen grünes Licht für „ein Jahrhundertprojekt“ erteilt, sagte Rogall. Außer dem 150 Millionen Euro kostenden Kraftwerksbau gehörten dazu Investitionen von weiteren 150 Millionen Euro (siehe Info-Kasten). Die Kosten für das Kraftwerk spiele das Unternehmen binnen 15 Jahren durch staatliche Vergünstigungen komplett wieder ein. Eine Genehmigung dafür liege schon vor.

Mehr Speicher, Biomasse und Sonnenenergie

Außer dem neuen Gaskraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung und Wirkungsgrad von fast 90 Prozent planen die Stadtwerke weitere Investitionen, um Leipzigs Fernwärme-Versorgung umweltfreundlich abzusichern. Diese sollen ebenfalls 150 Millionen Euro kosten und bis 2023 verwirklicht sein.

Geplant ist – auf demselben Gelände an der Bornaischen Straße 120 – eine Solarthermie-Anlage (Wärme aus Sonnenlicht), deren Pumpen durch Ökostrom aus Photovoltaik angetrieben werden. Ähnliche Anlagen sollen auch andernorts in Leipzig und der Region entstehen. Gesamtkapazität: 27 MW.

Am westlichen Stadtrand wird ein Biomassekraftwerk mit 25 bis 30 MW Wärme und 10 MW Strom geplant. Dort könnten Holzabfälle, Grünschnitt oder Produkte regionaler Kompostieranlagen verfeuert werden. Auf 25 MW soll die Kapazität der dezentralen Blockheizkraftwerke mit „innovativer Strom-zu-Wärme-Umwandlung“ steigen. Die Leistung der Wärmespeicher wächst durch Neubauten (an der Bornaischen oder Arno-Nitzsche-Straße) auf 150 MW.

Zum Thema thermische Nutzung von Klärschlamm wollen Leipzigs Wasserwerke bald gemeinsam mit Weißenfels und Halle eine Ausschreibung starten.

Für den Kohleausstieg hätten mindestens drei Gründe gesprochen, so der OBM. „Es ist technisch machbar, wirtschaftlich vernünftig und ökologisch geboten.“ Leipzig müsse aufpassen, sich nicht in Abhängigkeiten von Lippendorf zu begeben. Das Aus für die Braunkohle komme früher oder später in Deutschland auf jeden Fall. Auch könne die Einführung von Kohlendioxid-Steuern den Fernwärmepreis bei Braunkohle stark verteuern. Es sei sicher Zufall, aber auch ein deutliches Zeichen, dass derzeit einer der beiden 900-MW-Blöcke in Lippendorf aus wirtschaftlichen Gründen Pause hat.

Termin für letzte Braunkohlenutzung bleibt offen

Jung betonte, dass der Terminplan zur Fernwärme noch Wackelstellen aufweise. „Beim Genehmigungsverfahren für das Kraftwerk sind wir auf die Unterstützung der Behörden, vor allem aus dem Freistaat Sachsen angewiesen, von unvorhersehbaren Problemen beim Bau selbst ganz abgesehen.“ Dass die Leipziger Bürger auch bei minus 15 Grad sicher versorgt werden und der Preis bezahlbar bleibt, „ist mir jedenfalls wichtiger als ein Ausstieg mit der Brechstange zum Tag X“. Daher könne er jetzt noch nicht sagen, ab welchem Jahr genau keinerlei Braunkohle-Nutzung mehr stattfindet. Auch darüber wolle man weiter mit dem Lippendorf-Betreiber LEAG reden. Ziel sei, eine Regelung zu finden, durch die sich auch nach 2022 – etwa bei Havarien – ein Fernwärme-Puffer für die Messestadt ergibt. Um dem Partner diese Idee schmackhafter zu machen, würde Leipzig auf den Bau einer 25-MW-Verbrennungsanlage für thermisch verwertbare Stoffe aus Restmüll auf der Deponie Cröbern verzichten, stattdessen „lieber gemeinsam in Lippendorf was Größeres in diesem Bereich bauen“.

LEAG will nicht nur als Notnagel für Leipzig dienen

LEAG-Vorstand Hubertus Altmann zeigte sich in einer ersten Reaktion offen für Gespräche: „Wir sind bereit, über eine Fernwärmelieferung über 2022 hinaus zu verhandeln, wenn damit eine langfristige partnerschaftliche Kooperation gemeint ist.“ Dazu gehöre ein Vertrag über „konkrete Abnahmemengen“, als reiner Notnagel zur Risikoabsicherung stehe Lippendorf nicht zur Verfügung. „Technologieerweiterungen“ und neue Produkte in Lippendorf seien der LEAG willkommen.

Kohlendioxid-Emissionen werden etwa halbiert

Zuvor hatten die Stadtwerke aber auch betont, dass die Kohlendioxid-Emissionen moderner Gaskraftwerke „nur halb so hoch“ wie bei der Fernwärmeerzeugung aus Braunkohle liegen würden. Dabei seien die Rohstoffförderung und der Transportweg einberechnet, so Piehler. Auf die Fernwärme entfielen derzeit 7,5 Prozent aller Kohlendioxid-Emissionen, die Leipzig verursacht. In etwa zehn Jahren könne wahrscheinlich der fossile Energieträger Erdgas durch Bio- oder synthetisch hergestellte Industriegase ersetzt werden, was die Umweltbilanz nochmals verbessere.

Von Jens Rometsch

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