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Lokales Emotionaler Appell: 92-Jährige aus Leipzig äußert sich wieder zur Corona-Krise
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Leserbrief: 92-Jährige Leipzigerin meldet sich in der Corona-Krise erneut zu Wort

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14:16 20.01.2021
Eindringliche Schilderungen, Kritik am ständigen Kritisieren: Ein Abschnitt aus dem Brief der 92-jährigen Leipzigerin Gertrute Schuster.
Eindringliche Schilderungen, Kritik am ständigen Kritisieren: Ein Abschnitt aus dem Brief der 92-jährigen Leipzigerin Gertrute Schuster. Quelle: Mark Daniel
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Leipzig

Ihr mahnender Leserbrief sorgte im Dezember für große Zustimmung auf allen LVZ-Kanälen: Die 92-jährige Leipzigerin Gertraute Schuster kritisierte das Jammern über die Corona-Beschränkungen in der Bevölkerung und mahnte mit Blick auf Notlagen wie in Kriegen zur Relativierung der aktuellen Nöte. LVZ-Chefredakteurin Hannah Suppa machte den Leserbrief mit einem Tweet bekannt, der bis heute viral geht. Ähnlich sah das die 85-jährige Marianne Zimmermann im Interview. Nun hat Schuster sich noch einmal zu Wort gemeldet – in berührenden bis fordernden Zeilen.

Mit dem Brief habe sie aufrütteln und zum Nachdenken anregen wollen, schreibt die medienscheue Leipzigerin, die sich ungern fotografieren lassen möchte, an die Redaktion. Sie plädiert für mehr Vertrauen in die Regelungen der Regierung, „auch wenn sie oft sehr schmerzlich oder auch mal falsch sind. Wenn ich mir die Maßnahmen und Hilfspakete in anderen Ländern anschaue, möchte ich nicht tauschen, sondern bin froh, dass ich in Deutschland lebe.“

„Egoismus macht sich breit“

Schuster bekräftigt ihren Vorwurf, es ginge einigen zu gut. Frieden, ein gutes Leben, verreisen und mit Freunden unbeschwert feiern zu können, sei für viele nicht nur selbstverständlich, sondern sie glaubten, ein Recht darauf zu haben. „Ein gewisser Egoismus macht sich breit“, konstatiert die Frau, die früher 20 Jahre als Finanzbuchhalterin arbeitete und danach 22 Jahre lang Leipziger Büroleiterin des Bundes der Architekten in der DDR war. Für Corona-Leugner hat sie kein Verständnis. Ihr Appell: „Vertrauen Sie den Wissenschaftlern, denn deren Forschungsergebnissen in den letzten Jahrhunderten verdanken Sie schließlich Ihren heutigen Lebensstandard.“

Dem Argument von Jüngeren, früher seien halt andere Zeiten gewesen, entgegnet Schuster: „Aber ich habe in diesen Zeiten gelebt, und ich habe nur dieses eine Leben.“ Besonders prägend für sie war die Zeit des Zweiten Weltkrieges, vor allem das letzte Kriegsweihnachten 1944. „Mein Vater war nun doch eingezogen worden. An die Ostfront, die langsam näher rückte, aber wir hatten lange keine Post von ihm.“ Trotz bilderbuchartigem Winterweihnachtswetter, warmer Stube und gutem Essen ging es ihr und ihrer Mutter elend. „Der Vater war draußen, und draußen war Krieg. Da haben wir beide bitterlich geweint. Wir hatten ja nur uns.“

Besinnung auf Werte

Den Hang zum Meckern auf hohem Niveau hält Gertraute Schuster für eine typisch deutsche Eigenschaft. Nicht zuletzt registriert die 92-Jährige eine schleichende Gewichts-Verschiebung zwischen materiellem Besitz und ideellem Reichtum in der Gesellschaft. „Ich hatte viele treue Freunde, auf die ich mich verlassen konnte. (...) Diese so genannten inneren Werte, die man nicht mit Geld bezahlen kann, gehen leider immer mehr verloren“, schreibt sie. „Möge Corona helfen, daß wir sie wiederfinden!“

Von Mark Daniel