Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales „Kampf um die Deutungshoheit“ führte Lichtfest in die Krise
Leipzig Lokales „Kampf um die Deutungshoheit“ führte Lichtfest in die Krise
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:02 02.11.2018
Frauen und die Friedliche Revolution standen im Mittelpunkt des diesjährigen Lichtfestes auf dem Augustusplatz. V.l.: die Schauspielerinnen Maria Radomski, Silvia Pfändner, Heike Ronniger, Beate Furcht und Annett Krause.
Frauen und die Friedliche Revolution standen im Mittelpunkt des diesjährigen Lichtfestes auf dem Augustusplatz. V.l.: die Schauspielerinnen Maria Radomski, Silvia Pfändner, Heike Ronniger, Beate Furcht und Annett Krause. Quelle: Foto: André Kempner
Anzeige
Leipzig

Das Lichtfest am 9. Oktober und das, was wir dort als thematische Darbietung auf der Leinwand sehen mussten, haben leider gezeigt, dass der Beschluss des Stadtrates, der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH (LTM), der Initiative „Tag der Friedlichen Revolution – Leipzig 9. Oktober“ und dem künstlerischen Leiter Herrn Meier die inhaltliche Verantwortung für das Lichtfest zu entziehen und einem Kuratorium als Beirat nach Gemeindeordnung zu übertragen, der einzig richtige Weg ist. Es ist sehr zu begrüßen, dass die demokratisch gewählten Vertreter des Stadtparlamentes in Zukunft mehr inhaltliche Verantwortung übernehmen wollen und damit ein starkes Zeichen setzen, dass die Friedliche Revolution ein einzigartiges historisches Ereignis in der Geschichte ist, was Deutschland und ganz Ostmitteleuropa verändert hat.

Künstlerischer Leiter Jürgen Meier wird zum Sündenbock gemacht

Dass jetzt alleine der künstlerische Leiter Jürgen Meier zum Sündenbock gemacht wird, ist unfair, da die Verantwortung für die inhaltliche Thematik des Lichtfestes 2018 alleine bei LTM und der Initiative „Tag der Friedlichen Revolution – Leipzig 9. Oktober“ liegt.

Das Problem der Initiative „9. Oktober“ ist, dass Mitglieder der Gruppe politische Eigeninteressen vertreten und einen Kampf führen um die Deutungshoheit über das, was die Kernaussagen der Friedlichen Revolution 1989/90 gewesen sind und ob der Transformationsprozess gelungen ist oder nicht. Die Erinnerung an die Friedliche Revolution kann nicht nur dazu benutzt werden, heutige Probleme zu thematisieren und die Friedliche Revolution nur als Anlass zu benutzen. Es muss aber genau umgedreht sein. Es ist ein Tag, an dem man sich diese große historische Leistung vergegenwärtigen muss, nämlich die friedliche Beseitigung einer kommunistischen Diktatur und die Erringung der Freiheit, den bewussten Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates sowie am Ende die Wiedervereinigung Deutschlands und das weitere Voranschreiten des europäischen Einigungsprozesses.

Das sehen leider nicht alle so. Für einige ist die Friedliche Revolution eine abgebrochene, die weiter fortgeführt werden müsse, oder überhaupt keine Revolution. Hier wird leider immer wieder der Kampf um die Beseitigung einer Diktatur mit dem Ringen um ständige Veränderungen und Verbesserungen in einer Demokratie verwechselt oder gleichgesetzt. Nein! Der 9. Oktober ist ein Tag, an dem man zeigen kann, dass es sich auch in einer Diktatur lohnt, für Freiheit und Demokratie zu kämpfen. Es ist ein Tag zu zeigen, dass das Volk der Souverän ist. Es war ein einmaliger Vorgang in der deutschen Geschichte, dass sich die Bevölkerung mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ erfolgreich zum Souverän ermächtigte. Dieses auch in einer Demokratie deutlich zu machen, denn auch da gefällt diese Tatsache nicht jedem, ist kraftvoll genug, um diesen Tag als Feiertag und als Vermächtnis für die Zukunft zu begehen.

Ein Weg aus der Krise des Lichtfestes könnte sein, dass es alle fünf Jahre mit einem Gang über den Leipziger Ring groß gefeiert wird. Hier ist eine Rückbesinnung auf die Friedliche Revolution und auf das, was die Menschen 1989 geleistet und bewegt haben, und eine Einbeziehung der Revolutionen in Ostmitteleuropa dringend notwendig. Die zeitgeschichtlichen Aspekte von 1989 und ihre Wurzeln müssen bei den Veranstaltungen immer unmittelbar erlebbar sein.

Gemeinschaftsgefühl ist auf dem Augustusplatz verloren gegangen

Bei dem Weg um den Ring könnten Künstler verschiedene Themen künstlerisch verarbeiten und es würde eine inhaltliche Vielfalt entstehen und die Teilnehmer würden nicht mehr nur als stilles Objekt teilnehmen, sondern sie wären mit ihrem Gang um den Ring ein Teil der Inszenierung. Das würde auch ein emotionales Gemeinschaftsgefühl schaffen, was leider in den vergangenen Jahren auf dem Augustusplatz total verloren gegangen ist. So könnten durchaus auch verschiedene und kontroverse künstlerische Zugänge auf den Ring gebracht werden, die sich dann im Mit- und Nebeneinander ergänzen würden. Gleichzeitig könnten Anrainer des Ringes wie der Hauptbahnhof, das Museum der bildenden Künste, die Reformierte Kirche, das Stasi-Unterlagen-Archiv, die Gedenkstätte Museum in der Runden Ecke, das Rathaus usw. als Akteure mit einbezogen werden.

In den Jahren dazwischen sollten neue und bewährte Programmpunkte wie das Friedensgebet und die Rede zur Demokratie ergänzt werden durch ein großes Bürgerforum, wo über die Erfahrungen der Friedlichen Revolution und die Herausforderungen für heute diskutiert wird.

*Uwe Schwabe (56) ist ein Bürgerrechtler, der während der Friedlichen Revolution 1989 in Leipzig eine aktive Rolle spielte. Er ist heute Vorstandsvorsitzender des Archivs Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Von Uwe Schwabe*