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Lokales Linke Gruppe deckt 1989 Wahlfälschung in Leipzig auf
Leipzig Lokales Linke Gruppe deckt 1989 Wahlfälschung in Leipzig auf
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08:00 23.05.2019
Stimmabgabe in einem Leipziger Wahllokal am 7. Mai 1989. Quelle: Armin Kühne
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Leipzig/Bad Lausick

Dass ihm von links auf die Finger geschaut würde und dann sogar geklopft, damit hatte das System nicht gerechnet: Mehr als 150 Mitstreitern der Leipziger Gruppe Neues Denken war es möglich, nicht unbeobachtet, doch ungehindert in 82 von 84 Wahllokalen im Leipziger Stadtzentrum am Abend des 7. Mai 1989 bei der Auszählung der Stimmen dabei zu sein – um die verfälschende Beschönigung der Ergebnisse zu dokumentieren und öffentlich zu machen.

Die Zahl derer, die in Leipzig-Mitte gegen den Wahlvorschlag der Einheitsliste stimmten, war mehr als doppelt so hoch. Die Zustimmung, die die selbst ernannten Wahlbeobachter protokollierten, lag bei 91,2 Prozent. Das amtliche Wahlergebnis nannte 96,04 Prozent.

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Beate Broßmann und Uwe Korth 2019 in Leipzig. Quelle: Ekkehard Schulreich

Zwar nachgeprüft, doch dann abgewiesen

Als der Widerspruchs-Weg durch die Instanzen bis zu Egon Krenz‘ Zentraler Wahlkommission ohne Erfolg blieb, setzten Beate Broßmann, Uwe Korth, Jürgen Tallig & Co. auf den Rechtsweg: Die Bad Lausicker Anwältin Martina Huhn stellte in ihrem Namen im September Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Leipzig.

Weil selbst die abwiegelte, legte Huhn Ende Oktober mit einer Beschwerde nach. Dann überstürzten sich die Ereignisse, stürzte das System. Schließlich wurde drei Funktionären, unter ihnen Joachim Prag, Erster Sekretär der SED-Stadtleitung, der Prozess gemacht. Korth trat in ihm als „gesellschaftlicher Ankläger“ auf. Das Verfahren endete im Mai 1990 mit Haftstrafen.

Gruppe übte Gesellschaftskritik von links

„Es gelang uns, den Beweis zu erbringen, dass es bei der angeblich so demokratischen Wahl erhebliche Fälschungen gab“, sagt Beate Broßmann drei Jahrzehnte später. Die 58-Jährige, die heute in einer Anwaltskanzlei arbeitet, studierte damals an der KMU, der Karl-Marx-Universität, Philosophie. Sie und Uwe Korth (64), seinerzeit Ingenieur bei VTA, später Mitarbeiter der Stasiunterlagen-Behörde, gehörten zu den Gründern eines politisch linken Debattierklubs.

Blick in ein Leipziger Wahllokal am 7. Mai 1989. Quelle: Armin Kühne

Inspiriert von Michail Gorbatschows Glasnost und Perestroika, Transparenz und Umgestaltung, wollten sie 1988 eine nicht offizielle Zeitschrift herausgeben, luden dann aber im Klub der Intelligenz zu Gesprächsrunden ein. Der Name AG Neues Denken musste abgemildert werden in AG Dialog. Unter Druck gesetzt worden sei man allerdings nicht, so Broßmann: „Wir versteckten uns nicht, suchten die Öffentlichkeit, um eine gesellschaftliche Diskussion herbeizuführen – mit der Bevölkerung, nicht nur unter Akademikern.“

Stasi beobachtete, griff aber nicht ein

Um Alltagsprobleme Jugendlicher ging es, um Umweltschutz, um Reformen im Sozialismus – und im März 1989 um das Wahlrecht in der DDR. „An dem Abend wurde die Idee geboren: Wenn das alles ganz offen funktioniert, dann lasst uns das überprüfen“, so Broßmann. Anders als viele Gruppen, die republikweit unter dem Dach der Kirche organisiert waren, vereinte die AG kritische Köpfe, die sich links verorteten, zum Teil selbst in der SED waren. „Ich habe später bei der Akten-Recherche keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass das MfS versuchte, uns zu stoppen“, sagt Korth.

Beobachtet worden sei man zweifellos, doch das habe man in Kauf genommen. Um in Leipzig-Mitte sämtliche Lokale im Blick zu haben, warb die Gruppe massiv im Freundeskreis, denn in jedes Lokal sollten zwei Personen geschickt werden. Korth: „Jeder musste fünf Leute gewinnen. Das hat so weit geklappt.“

Als die Wahllokale am 7. Mai 1989, 18 Uhr, schlossen, gab es Beobachter verschiedener Herkunft und Motivation. Die Zahlen, die die AG Neues Denken/Dialog notierte, wurden in derselben Nacht in einer Wohnung im Leipziger Osten erfasst. „Wir waren eine tolle Truppe, die sich gegenseitig vertraut hat“, sagte Mieter Mario Römer bei einer Veranstaltung in der „Runden Ecke“ – exakt 30 Jahre später. „Klar hatte ich Schiss. Aber es kam keiner.“

8. Mai.1989, Berlin: Stimmauszählung am Abend in der Kongresshalle nach den Kommunalwahlen in der DDR. Quelle: Roland Holschneider/dpa

Das Schwere sei weniger gewesen, die Wahl zu kontrollieren“, äußerte Mitstreiter Jürgen Tallig in derselben Runde: „Die Schwierigkeiten ergaben sich erst danach.“ Bei den Versuchen nämlich, das dokumentierte Unrecht öffentlich zu machen, eine Korrektur der Wahlergebnisse zu erreichen und die für die Fälschung Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Erfahrung mit dieser Demokratie: ernüchternd

Kommunalwahl ’89 - Erfahrung mit Demokratie“ nannte die Gruppe ihre Dokumentation, die sie im Herbst 1989 illegal drucken ließ - kurioserweise in der Druckerei des SED-Zentralorgans Neues Deutschland. Darin beschrieb sie die Tippeltappel-Tour von der Nationalen Front über den Stadtbezirk, die Stadt, den Bezirk bis zu Volkskammer und Staatsrat. Letzterer ließ wissen, man sehe „keinen Anlaß, ... tätig zu werden“. Deshalb, so Beate Broßmann, ging man nun „den letzten innerhalb unseres Rechtssystems möglichen Schritt“ – und erstattete mit Martina Huhns Hilfe Strafanzeige gegen Unbekannt.

Zum Weiterlesen: „...das war doch nicht unsere Alternative“, DDR-Oppositionelle zehn Jahre nach der Wende. Verlag Westfälisches Dampfboot, 1999.

Von Ekkehard Schulreich