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Lokales Maartje de Lint – wenn sie singt, werden Demenzkranke munter
Leipzig Lokales Maartje de Lint – wenn sie singt, werden Demenzkranke munter
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07:03 25.12.2018
Opernsängerin Maartje de Lint ist bei „In mir singt ein Lied“ in ihrem Element. Quelle: Oper Leipzig
Leipzig

Kraftvoll erhebt sie die Stimme, lächelt fröhlich in die Runde, als sie ihre Gäste begrüßt. Die 15 älteren Damen und Herren, denen Mediziner attestieren, dass bei ihnen Nervenzellen geschädigt sind und ihr Gehirn deshalb nur noch auf Reserve fährt, und die Angehörigen, die diese ihre Sorgenkinder am Samstag ins Konzertfoyer der Oper am Augustusplatz begleitet haben. Viele, die zur Weihnachtsausgabe von „In mir singt ein Lied“ gekommen sind, haben Maartje de Lint schon in den vorangegangenen Leipziger Konzerten für Menschen mit Demenzerkrankung erlebt.

Auf das Tänzchen folgt ein Küsschen

Es wird nicht lange dauern und auch der letzte Patient im Saal quittiert den Gesang der 50-jährigen Mezzosopranistin mit Regung. Der Mann im Rollstuhl, der lange Zeit den Eindruck erweckte, als verschliefe er die Veranstaltung, öffnet die Augen, als die Opernsängerin während des Liedes „O Tannenbaum“ in die Hocke geht und seine Hände ergreift. Die Frau, die gleich vorn am Flügel sitzt, will bei „Es ist für uns eine Zeit angekommen“ unbedingt tanzen. Als die Schunkeleinheit passé ist, bedankt sie sich bei der Künstlerin mit einem Kuss auf die Wange. Nicht nur wegen ihres sympathischen holländischen Akzents fliegen Maartje de Lint an diesem Morgen in Windeseile die Herzen zu.

Krankheit beeinträchtigt Erinnerungen an Musik kaum

Erinnerungen an Musik werden durch Demenz kaum beeinträchtigt – dieser wissenschaftlichen Erkenntnis widmet sich die Sängerin aus den Niederlanden seit fünf Jahren auf ihre eigene Weise. In ihrem Heimatland ist sie die einzige diplomierte Trainerin, die von Pflegeheim zu Pflegeheim zieht, um die Lebensqualität von Demenzkranken mit Hilfe des Gesangs zu erhöhen. „Gemeinsames Singen aktiviert das Klanggedächtnis und stimuliert in der Folge auch die umliegenden Hirnregionen. Die Teilnehmer erwachen aus ihrer Demenz und verlassen für eine Weile ihre eigene Welt. Es strömt wieder Energie, es findet wieder Kontakt statt. Oft erzählen mir Angehörige, dass die Mutter oder der Vater noch Stunden nach dem Konzert leise vor sich hingesungen hat, generell wacher und aufmerksamer war“, schildert Maartje de Lint. Ihr Ansatz, das weiß sie, bedeutet nicht Heilung. Ihr Ansatz, das betont sie, soll Verkrampfung lösen. Das Lied, das in uns singt, möge schwingen und nachklingen. „Ich möchte, dass ausnahmslos alle während meiner Mitsingkonzerte Freude empfinden, dass sie Entspannung erfahren. Wir sind dann für eine gewisse Zeit wieder alle gleich. Es gibt keine Unterschiede mehr zwischen uns. Das hat etwas von Erlösung.“

Während des Singens spielen sich bewegende Szenen ab

Es sind bewegende Szenen, die sich während des Weihnachtslieder-Reigens abspielen. Etliche haben Tränen in den Augen, als das 200 Jahre alte „Stille Nacht“ erklingt – seit jeher ein emotionaler Wachmacher. In der Interpretation von Maartje de Lint und Maria König am Piano wird es ein ganz besonderes Stück Musik. Denn die Frau, deren Gesichtsausdruck an der Garderobe noch starr war und die des Sprechens kaum noch mächtig ist, stimmt plötzlich mit ein. Und die Augen des Mannes, die eben noch teilnahmslos waren, beginnen zu leuchten. Fast immer geschieht dies in Verbindung mit Körperkontakt. „Wir leben in einer Zeit, in der die Ratio nahezu alles dominiert. Sinnlichkeit hat es schwer. Die Demenzkranken lehren mich, wie wichtig doch körperlicher Kontakt ist. Er ist ein Türöffner“, sagt Maartje de Lint, verheiratet mit dem Leiter des Leipziger Opernchores, Thomas Eitler-de Lint. Der Gatte war für sie die Brücke in die Messestadt. Die Oper freut sich über ihr Angebot, der hiesige Verein Selbstbestimmt Leben, der Angehörige von Menschen mit Demenz unterstützt, vergibt die Tickets, das Unternehmen AFL Arzneimittelforschung Leipzig sponsort. Die drei Frühjahrstermine in der laufenden Spielzeit sind schon jetzt samt und sonders ausverkauft. In der Saison 2019/20 aber soll es mit „In mir singt ein Lied“ weitergehen.

„Dann war sie wieder ein bisschen die alte Oma“

Dann würde auch Jordi Molina, Mitglied des Opernchores, wieder als freiwilliger Betreuer fungieren. Während des Auftritts von Maartje de Lint kümmert er sich rührend um einen 81-jährigen Alzheimer-Patienten. „Meine Oma hatte Demenz und meine Cousine hat regelmäßig mit ihr gesungen. Immer dann war sie wieder ein bisschen die alte Oma. Als ich von Maartjes Projekt hörte, habe ich mich an meine Großmutter erinnert. Da stand für mich fest, dass ich bei den Konzerten helfe“, erzählt der Tenor mit Wurzeln in Barcelona. Auch andere Chor-Kollegen sind mit von der Partie. Was Christa, bei deren Mann vor einem Jahr Demenz festgestellt wurde, genauso anrührt wie die Offenherzigkeit von Maartje de Lint. „Hier versteht mich jeder, hier kann ich durchatmen und mich auch mal unterhalten.“ Es sei halt nicht so leicht zu akzeptieren, dass der Partner nach und nach ein anderer Mensch wird ...

Infos zur Reihe „In mir singt ein Lied“ unter Telefon 0341 24330566

Von Dominic Welters

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