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Lokales Machen Smartphones dumm und krank?
Leipzig Lokales Machen Smartphones dumm und krank?
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11:06 03.03.2019
Was machen Handy und Internet mit Jugendlichen? Die neueste Forschung dazu war jetzt Thema bei einem Symposium in Leipzig.
Was machen Handy und Internet mit Jugendlichen? Die neueste Forschung dazu war jetzt Thema bei einem Symposium in Leipzig. Quelle: André Kempner
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Leipzig

„Es gibt noch viel zu wenig Forschung darüber, wie sich elektronische Medien auf die Bildung von Kindern und Jugendlichen auswirken.“ Mit diesen Worten eröffnete am Samstag Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange, das zweite Symposium der Pädiatrischen Forschung an der Universität Leipzig. In der Kongresshalle am Zoo kamen Mediziner, Pädagogen, Medien- und Kommunikationswissenschaftler, Psychiater, Informatiker und Ernährungswissenschaftler zusammen, um über neueste Trends und Forschungsergebnisse der Kinderheilkunde zu sprechen und Vorträgen zu lauschen.

Neuen Medien und Digitalisierung im Fokus

Dieses Jahr stand ein Thema besonders im Fokus: Neue Medien wie Smartphones, Tablets und Soziale Netzwerke – und wie sie sich auf die geistige und körperliche Gesundheit von Kindern auswirken. Wieland Kiess, Direktor der Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Leipzig, geht es weder darum, die neuen Technologien zu verteufeln, noch ihnen blind zu verfallen: Schlagzeilen wie „Smartphones machen dumm“ stoßen bei ihm ebenso auf Unverständnis wie die manchmal selbstzweckhaft Forderung nach mehr Digitalisierung. „Wir müssen immer im Auge behalten, wie die neue Technik unser Zusammenleben, unsere Gesundheit und unsere gesellschaftliche Entwicklung verändert“, mahnt er.

Symposium zu Neuen Medien und Kindergesundheitsforschung: v.l. Prof. Wieland Kiess, Ministerin Dr. Eva-Maria Stange, Dekan Prof. Christoph Josten und Jon Genuneit. Quelle: Kempner

Viele der in den Redebeiträgen vorgestellten Daten bestätigten zwar das, was man auch als Laie im Alltag beobachten kann. So konstatierte Michael Kaess von der Universität Bern zu Beginn seines Vortrags über Internetsucht: „Fast jedes Kind befindet sich fast ständig im Internet.“ Zugleich wurden aber auch einige solcher Alltagserkenntnisse entkräftet. Beispielsweise dass exzessiver Internet- und Spielekonsum noch keine Sucht bedeute. Oder dass eine zeitliche Einschränkung der Internetnutzung als einzige elterliche Maßnahme nichts bringe.

Handynutzung: Eltern haben starke Vorbildfunktion

Zuvorderst, so Claudia Lampert vom Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, müssten sich Mütter und Väter ihrer Vorbildrolle bewusst werden, denn: „Die Mediennutzung der Kinder beginnt bereits mit der Beobachtung ihrer Eltern.“ Vorschnelles Urteilen oder die Abwertung der Interessen des Kindes („Was für einen Quatsch spielst du denn da wieder?“) seien ebenfalls kontraproduktiv. Vielmehr müssten sich Eltern mit den Inhalten und Programmen, die der Nachwuchs nutzt, ehrlich auseinandersetzen und Raum für reflektierte Gespräche darüber schaffen. Wichtig auch: Erziehungsberechtigte sollten weder zu viel noch zu wenig Kontrolle über die Mediennutzung ihrer Kinder ausüben, damit diese ein Gefühl für die eigene Selbstregulierung entwickeln können.

Dennoch sprechen die Zahlen, die Tanja Poulain (Universität Leipzig) und Rayna Sariyska (Universität Ulm) präsentierten, eine klare, mahnende Sprache: Schon Zweijährige werden von ihren Eltern regelmäßig vor das Familien-Tablet gesetzt, nahezu jedes Kind ab einem Alter von zehn Jahren verbringt täglich zwei bis drei Stunden am Smartphone. Auch einen Zusammenhang zwischen exzessivem Internetkonsum und ADHS, Übergewicht, Müdigkeit und schlechten Schulnoten konnten die Forscher nachweisen. Gleichwohl sei noch nicht klar, ob und in welcher Richtung es einen kausalen Zusammenhang gibt.

Medizinische Potentiale von Computerspielen

So wichtig es aber auch ist, auf die Risiken und Gefahren der Neuen Medien hinzuweisen, so dürften auch die positiven Seiten nicht vergessen werden. Maic Masuch von der Uni Duisburg-Essen stellte deshalb die Potenziale von Computerspielen in der Kinder- und Jugendmedizin vor – und überraschte das Publikum unter anderem mit Videospielen, die junge Krebspatienten für die Medikamenteneinnahme sensibilisieren, Brandopfer beim Verbandswechsel ihren Schmerz vergessen lassen, Kinder ganz spielerisch die Angst vor einem MRT nehmen oder Depressive wieder soziale Interaktion erleben lassen.

„Wichtig ist zu beachten, dass eine Krankheit nicht nur eine Ursache hat“, so Wieland Kiess. Das gelte für körperliche Gebrechen ebenso wie für psychische Erkrankungen wie die Internetsucht, die 2018 von der WHO als offizielle Krankheit anerkannt wurde. Der Themenkomplex „Medien und Kindergesundheit“ ist vielfältig und wird – das wurde am Samstag immer wieder deutlich – Forscher und Mediziner noch viele Jahre intensiv beschäftigen. Eine der größten Herausforderungen bestehe darin, mit der rasanten Entwicklung Schritt zu halten, so Kiess: „Wir dürfen uns nicht abhängen lassen.“

Das dritte Symposium ist für März 2020 geplant und beschäftigt sich mit „Zahn, Auge, Stimme und Seele des Kindes“.

Von Christian Neffe