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Lokales Medizin am Phantom: Neue Leipziger Lernklinik ist eröffnet
Leipzig Lokales Medizin am Phantom: Neue Leipziger Lernklinik ist eröffnet
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18:38 05.07.2019
Ohren frei? – Antonia Roicke demonstriert eine Otoskopie.
Ohren frei? – Antonia Roicke demonstriert eine Otoskopie. Quelle: André Kempner
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Leipzig

„Das Einführen geht etwas leichter als beim echten Patienten“, sagt Martin Neef, „und er würgt auch nicht.“ Der Oberarzt der Klinik für Kardiologie steht am Herz-Ultraschall-Simulator. Vor ihm ein Sonographie-Monitor sowie ein weiterer Bildschirm, der 3-D-Perspektiven des Herzens zeigt, neben ihm eine Puppe, durch deren Speiseröhre der Lehrbeauftragte der UKL-Kardiologie einen Schlauch mit einem Schallkopf bis hinter das simulierte Herz führt. „Die Speiseröhre liegt direkt hinter dem linken Vorhof“, erklärt Neef. So erhält der Betrachter also einen guten Einblick auf das Organ – wenn er denn überhaupt weiß, was er hier sieht. Genau darum geht es in der neuen Lernklinik, die die Medizinische Fakultät der Universität Leipzig am Freitag auf dem Campus in der Liebigstraße in Betrieb genommen hat: um praxisnahen Unterricht. Allerdings noch nicht am Patienten, sondern an Simulatoren und Phantomen.

Auch Medizinstudenten lernen Praxisnah an Phantomen: Ein Blick in die Leipziger Lernklinik

25,3 Millionen Euro vom Freistaat

25,3 Millionen Euro hat der Freistaat für die Einrichtung in der zweiten Etage des Hauses D hingeblättert. Gut angelegtes Geld, findet Dekan Christoph Josten, seit Kurzem auch Medizinischer Vorstand am UKL. Die Investition indes scheint alternativlos. Etliche Unikliniken haben inzwischen ähnliche Einrichtungen. In Leipzig gab es solche Angebote auch schon im benachbarten Studienzentrum. Das hatte aber bloß 14 Trainingsräume auf 350 Quadratmetern. Jetzt sind es 25 Räume auf 830 Quadratmetern; 300 Phantome, Puppen, Simulatoren stehen zur Verfügung. Die Simulation werde in der Aus- und auch in der Weiterbildung immer wichtiger, sagt Daisy Rotzoll, Leiterin der Lernklinik. Denn so verringert sich das Patientenrisiko; Fehler beim Training sind nicht nur unproblematisch, sondern sogar erwünscht. Konsequenzen werden sichtbar, ohne dass jemand verletzt wird; es wird wiederholt, bis alles klappt. Das Training wird per Kamera festgehalten und hinterher ausgewertet.

Herzdruckmassage an lebensechter Puppe

Wer etwa eine Schulterspiegelung durchführt, muss aufpassen, dass er keine Knorpelschäden verursacht. Am Simulator, den Peter Melcher betreut, werden solche Schäden erfasst und ausgewertet. „Man lernt Schritt für Schritt den Rundgang durch die Schulter“, erklärt der Mediziner von der Klinik für Orthopädie. Auch die Arthroskopie anderer Gelenke kann trainiert werden. Im Simulations-OP-Saal demonstriert Anästhesie-Oberarzt Gunther Hempel die Herzdruckmassage an einer Puppe. Die ist ziemlich lebensecht, sie bewegt die Augen, der Brustkorb hebt und senkt sich. Wenn nicht gerade wieder mal das Herz stehen geblieben ist.

Murmel im Ohr? – Check an der Puppe

Ist das Ohr vereitert oder steckt eine Murmel drin? Das können die Studenten nebenan an verschiedenen Puppen untersuchen und dazu Prüfungen ablegen. Antonia Roicke, Studentin im achten Semester, betreut die Otoskopie-Station. Im Nachbarzimmer bringt Anne Tauscher, Oberärztin in der Geburtsmedizin, den Studenten die Ultraschalluntersuchung für die Schwangeren-Vorsorge an einem Modell bei; verschiedene Szenarien rund um die Geburt werden ebenfalls trainiert.

Lungengeräuschen auf der Spur

Ein paar Räume weiter dringen schwere Atemgeräusche durch die Tür: An einem Korpus können angehende Mediziner im Lungenkurs mit dem Stethoskop hören, wie es klingt, wenn jemand zum Beispiel an Asthma leidet. Zur Demonstration hat Anna Stilkerich, Studentin im achten Semester, den Lautsprecher angeschaltet; es klingt bedrohlich. „Wir besprechen nicht nur, was gehört wurde, wir erklären auch, wie welches Geräusch entsteht“, erklärt die Tutorin. „Das hätte ich mir während meines Studiums auch gewünscht“, meint UKL-Chef-Neurologe Joseph Claßen.

Neues Angebot ist ein Quantensprung

Der Ausbau der Lernklinik ist für Studiendekan Jürgen Meixensberger ein Quantensprung. Aktuell sei das Simulationszentrum in Leipzig europaweit eines der modernsten. Der Neurochirurg freut sich besonders über ein Phantom, an dem die Studenten eine Schädelöffnung üben sowie eine anschließende Ultraschalluntersuchung während der simulierten Operation durchführen können. Eine neue Systematik in der Simulationsausbildung, der ständige Wechsel von Training, Rückkopplung und Fehleranalyse mit den Studenten ermöglichen eine bessere und nachhaltigere Ausbildung, sagt Meixensberger.

Von Björn Meine