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Lokales Mehr als 3500 Narkoseärzte bei Deutschlands größtem Anästhesiecongress in Leipzig
Leipzig Lokales Mehr als 3500 Narkoseärzte bei Deutschlands größtem Anästhesiecongress in Leipzig
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08:58 09.05.2019
„Die Wünsche des Patienten berücksichtigen“: Professor Sebastian Stehr, 45, Anästhesie-Direktor am Uniklinikum. Quelle: André Kempner
Leipzig

Mehr als 3500 Narkoseärzte und andere Fachleute treffen sich von Donnerstag bis Samstag auf der Neuen Messe zum Anästhesiecongress. Die Überschrift der Konferenz – „Klug entscheiden in Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie“ – spielt darauf an, dass nicht immer nur medizinische, sondern manchmal auch ökonomische Kriterien die eine oder eben eine andere Therapie nahelegen. Professor Sebastian Stehr, Klinikdirektor für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Leipzig, ist einer der Tagungsteilnehmer.

Wie begegnen Sie an Ihrer Klinik dem Problem, dass das Gesundheitssystem bei einigen Erkrankungen eher eine Überversorgung begünstigt, andere Felder dagegen als unterversorgt gelten?

Mir gefällt das Motto des diesjährigen Kongresses. Wir Anästhesisten sollten in allen Bereichen unserer Arbeit für den Patienten das Beste anbieten. Das bedeutet, dass wir darauf achten, unnötige Maßnahmen bleiben zu lassen. Das kann im Bereich der Anästhesiologie Voruntersuchungen, im Bereich der Intensivmedizin die Gabe von Medikamenten oder in beiden Bereichen die voreilige Gabe von Blut betreffen. Diese Punkte sind auf dem Kongress in Leipzig Thema.

Jährlich 4500 Patienten auf der Intensivstation

Wie stark haben Sie in der Anästhesie mit Kostendruck, Bürokratisierung und Fachkräftemangel zu tun?

Wie in vielen anderen medizinischen Bereichen arbeiten wir eng mit der Pflege zusammen. Ohne sie kann man keine Narkose verwirklichen und erst recht keine Patienten auf der Intensivstation betreuen. Vor allem der Mangel an Fachkräften in der Gesundheits- und Krankenpflege wird die nächsten Jahre prägen. Unser Gesundheitssystem ist so strukturiert, dass Kliniken kostendeckend arbeiten müssen. Das erwartet auch der Träger der Leipziger Universitätsmedizin. Und weil wir uns in diesem Rahmen bewegen, müssen wir auch die ökonomischen Gesichtspunkte unserer Arbeit betrachten. Das bedeutet aber nicht, dass medizinische Entscheidungen durch eine wirtschaftliche Betrachtung beeinflusst werden. Das würde ich nicht akzeptieren.

Gelingt Ihnen das in der Intensivmedizin?

Auf der operativen Intensivstation behandeln wir am Uniklinikum ungefähr 4500 schwerkranke Patienten pro Jahr. Die Politik nimmt sich vor, Pflegeberufe attraktiver zu machen. Ich bezweifele aber, dass nur Gesetze und Vorgaben reichen, um die Situation zu verbessern. Wir haben immer mehr Möglichkeiten, moderne und komplexe Therapien auf der Intensivstation anzubieten. „Klug zu entscheiden“, bedeutet hier, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Therapie anzubieten und dabei die Wünsche des Patienten zu berücksichtigen. Eine große Herausforderung besteht darin, einzuschätzen, welche Therapie in der Akutphase dem Patienten Monate und Jahre später ein Leben mit guter Qualität ermöglicht.

„Klug entscheiden“

Narkose ist nicht gleich Narkose. Immer wieder gibt es neue Medikamente, neue Verfahren, neue Richtlinien. In einigen hundert Vorträgen geht es auf dem Deutschen Anästhesiecongress (DAC) etwa um bessere Narkosen für Kinder und alte Menschen, um die Überwachung der Narkose anhand von Hirnströmen und ambulante Operationen.

Ein Anästhesist ist in der Regel aber auch mit Intensiv-, Notfall-, Palliativmedizin und Schmerztherapie befasst. Auf der Tagung thematisieren die Experten daher unter anderem auch die Therapie von Infektionen auf der Intensivstation, Herz- Lungen-Wiederbelebung im Notarzt-Einsatz, die Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen mit Cannabis oder den Arznei-Einsatz am Lebensende. Mit dem Konferenzmotto „Klug entscheiden“ ist der Appell verbunden, Unter- und Überversorgungen zu vermeiden: aus medizinischen und wirtschaftlichen Gründen beispielsweise auf einen ausreichenden Blutdruck während der Narkose zu achten und nicht voreilig Blutkonserven zu verabreichen.

Wo steht die deutsche Anästhesie mit ihren Teilbereichen Narkose, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie international betrachtet?

All diese Bereiche der Medizin sind eher junge Fächer und haben sich vor allem in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Die deutsche Anästhesiologie hat diese Entwicklungen maßgeblich mitgeprägt. Ich halte das Niveau der Versorgung im internationalen Vergleich für sehr hoch.

Inwiefern entscheidet die Narkose über den wahrscheinlichen Erfolg einer Operation und welche Spielräume haben Sie überhaupt?

Vor jeder Narkose findet ein Gespräch zwischen einem Narkosearzt und dem Patienten statt. Hierbei geht es um eine ärztliche Einschätzung des Gesundheitszustandes des Patienten und eine gemeinsame Festlegung der Vorgehensweise. Es gibt manche Operationen, bei denen wir den Patienten über mehrere Möglichkeiten beraten, zum Beispiel Allgemein- und/oder Regionalanästhesie. Moderne Anästhesieverfahren ermöglichen hochkomplizierte Operationen und Eingriffe bei schwerstkranken Patienten. Somit ist die Narkose natürlich ein Baustein zum Behandlungserfolg.

Führt die Form, wie ein Narkosegespräch im Krankenhaus-Alltag abläuft, zur optimalen anästhetischen Versorgung?

Das Narkosegespräch ist nicht in allen Ländern üblich. Ich bin davon überzeugt, dass es uns sehr hilft. Man kann sich aber schnell ausrechnen, dass dies auch viel Kraft kostet: Am Universitätsklinikum Leipzig sind bei 27 000 Narkosen pro Jahr und durchschnittlich 30 Minuten Narkosegespräch pro Patient statistisch anderthalb Ärzte rund um die Uhr nur mit Narkosegesprächen beschäftigt.

Erste Narkose vor 170 Jahren in Leipzig

Wie ist das heutzutage mit Nüchternheit vor der Narkose oder dem Verzicht auf das Rauchen? Und wie schnell ist man nach einer Narkose wieder fit?

Bei Rauchern kann sich vor allem die Erholung nach der Operation verzögern, da es häufiger zu Problemen mit der Lunge kommt. Jeder Tag mehr, den man vor einer Operation nicht raucht, hilft. Nach einer kurzen Narkose ist man schnell wieder fit. Natürlich hängt das aber auch von Umfang und Dauer des Eingriffs ab. Wir bieten den meisten Patienten schon im Aufwachraum einen Kaffee an, sofern die Operation das erlaubt.

Müssen Sie als Anästhesist und Notarzt über Spezialwissen aus all den anderen Disziplinen verfügen, die Ihre Arbeit berühren?

Wir Anästhesisten, gerade an sehr großen Krankenhäusern, behandeln täglich eine Vielzahl von Patienten mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern. Da können an einem normalen Tag sowohl ein Neugeborenes wie auch ein 100-Jähriger dabei sein. Auch die Eingriffe und zugrundeliegenden Krankheiten betreffen die gesamte Breite der Medizin von Interventionen an Herzklappen, schwerverletzten Patienten nach Verkehrsunfällen, Geburten bis hin zu Lebertransplantationen. Daher halte ich den Anästhesisten für sehr gut geeignet, als Notarzt diese Breite an Notfällen zu behandeln, die Patienten zu stabilisieren und ins Krankenhaus zu begleiten. Für zukunftsträchtig halte ich Projekte wie die Einbindung eines Telenotarztes in den Rettungsdienst. Dies ist in Deutschland erstmalig durch Anästhesisten in Aachen umgesetzt worden. Sehr gerne würden wir dies in Sachsen auch anbieten und suchen dafür derzeit Partner.

Was bedeutet es Ihnen, den Anästhesiecongress in Leipzig zu haben?

Das ist wunderbar. Ich freue mich immer sehr, wenn viele tausend Kolleginnen und Kollegen Leipzig als tolle Stadt kennen und schätzen lernen. Auf diese Art und Weise bin ich vor vielen Jahren auch das erste Mal hierher gekommen. Und wenige wissen, dass die erste Narkose in Deutschland vor mehr als 170 Jahren in Leipzig erfolgte!

Wie machen Sie das in Ihrer Klinik, wenn Ende der Woche alle Kollegen auf den Kongress gehen möchten?

Wir können natürlich leider nicht allen die Teilnahme ermöglichen. Aber einige Mitarbeiter sind auch aktiv beteiligt. Ich bin sehr stolz, dass zum Beispiel eine wissenschaftliche Arbeit, die aus meiner Klinik eingereicht wurde, im Wettbewerb um den besten Beitrag steht.

Von Christian Hermanns, Mathias Wöbking

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