Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Museum in der Runden Ecke: „Schwerwiegende Probleme“
Leipzig Lokales Museum in der Runden Ecke: „Schwerwiegende Probleme“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:08 04.09.2019
Blick aus der Luft auf den Komplex mit der „Runden Ecke“. Die Gestaltung des Museums steht in der Kritik. Quelle: André Kempner
Leipzig

Bei offiziellen Anlässen oder Anfragen zum Leipziger Herbst 1989 ist Tobias Hollitzer ein gefragter Chronist. Doch der Leiter des Museums in der „Runden Ecke“ steht schon lange in der Kritik – sowohl als Ausstellungsmacher wie als Vorgesetzter soll er umstrittene Methoden pflegen, zudem wirft das Akquirieren von Fördermitteln sowie der Umgang damit Fragen auf. Nun soll das Thema Hollitzer im Leipziger Stadtrat besprochen werden: Die AfD hat für diesen Mittwoch eine Anfrage über die Zukunftsfähigkeit des vom Bürgerkomitee geleiteten Museums gestellt.

Verteidigt den Zustand der Ausstellung im Museum in der Runden Ecke als authentisch: Leiter Tobias Hollitzer. Quelle: André Kempner

Eckert: „Große Probleme bei genauerem Hinsehen“

Einen öffentlichkeitswirksamen Job macht der 53-Jährige definitiv. Hollitzer versteht es, mit seiner Geschichte als Regimegegner, der 22-jährig die Stasi-Zentrale kaperte, Außenstehende zu beeindrucken. „Er hat zweifellos seine Verdienste“, bemerkt auch einer seiner Kritiker, Rainer Eckert, bis 2015 Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig. „Wenn man genauer hinschaut, werden jedoch große Probleme sichtbar.“

Eines davon soll die Personalführung des Museumsleiters sein. Dazu liegen der Redaktion mehrere Schilderungen vor, aus der Deckung wagt sich namentlich jedoch keiner. Bürgerrechtler Johannes Beleites, ebenfalls Stasi-Auflöser der ersten Stunde und später drei Jahre im Vorstand des Vereins, sagt dazu gegenüber der LVZ: „Genau wegen solcher Strukturen im Museum habe ich Ende 2008 mein Vorstandsmandat niedergelegt“. Das ist allerdings elf Jahre her.

Hollitzer: Ambiente ist authentisch

Wissenschaftlich und faktisch belegt sind andere Punkte. So sprechen Museums-Experten dem gelernten Möbeltischler die fachliche Eignung ab, um die Einrichtung zu führen. Seit Jahrzehnten stehen Besucher vor Zeitungsausschnitten und vergilbten Fotos, die gelegentlich von der Wellpappe fallen und wieder angeklebt werden. Das DDR-Odeur in den mit Linoleum ausgelegten Räumen ist laut Hollitzer „inzwischen bereits für sich ein museales, die Geschichte der Friedlichen Revolution authentisch vermittelndes Objekt“, das in dieser Form erhalten und konserviert werden müsse, so der Museumschef.

Rainer Eckert moniert, dass genau das nicht geschieht. Wertvolle Dokumente mit einer Reißzwecke zu befestigen und verwittern zu lassen, sei unverantwortlich. In einem vom OBM beauftragten Gutachten über das Areal „Runde Ecke“ von 2016 stellt Eckert fürs Museum „schwerwiegende restauratorische Probleme“ fest; der renommierte Historiker fordert eine Modernisierung, denn er vermisst „eine didaktisch spannende, professionelle Ausstellungsform und eine Perspektivenerweiterung der Aufarbeitung“.

Debatte über Finanzen

Moniert „schwerwiegende Quelle: André Kempner

Der seit langem schwelende Unmut über Hollitzer betrifft auch die Verwendung sowie Verteilung von Geldern. Aus dem Förderprogramm „Revolution und Demokratie“ des Freistaats bekommt der Verein aktuell 63 000 Euro. Pikanterweise sitzt Hollitzer selbst im Beirat, der über die zu fördernden Projekte entscheidet. In der Stiftung Sächsische Gedenkstätten ist Hollitzer gar Vorsitzender des Stiftungsbeirats und bei allen Sitzungen des über das Geld fürs Bürgerkomitee entscheidenden Stiftungsrates dabei. Laut Satzung ist er auch antragsberechtigt. Sprecherin Julia Spohr verweist darauf, dass die Vorsitzenden der Beiräte kein Stimmrecht haben. Unstrittig ist: Allein die Anwesenheit von Antragstellern bei der Förderentscheidung des Gremiums schafft Befindlichkeiten.

Noch schwerer wiegt ein weiterer Punkt: Laut Gedenkstättenkonzeption des Bundes gehören zu den Förder-Voraussetzungen „ein wissenschaftlich sowie museologisch oder pädagogisch fundiertes Konzept“; außerdem sind Qualitätsstandards „durch die Mitwirkung von Experten aus Universitäten und/oder Forschungseinrichtungen sowie von Fachleuten aus Museen und Gedenkstätten zu gewährleisten“.

Komplettes Konzept liegt seit 2018 vor

Keinen dieser Punkte erfüllt die Arbeit Hollitzers, wie mehrere Beobachter bestätigen. Trotzdem weist die Förderliste beträchtliche Summen an den Verein aus: 195 000 Euro Landesmittel und 153 000 Bundesförderung für das Museum in der „Runden Ecke“ und den Stasi-Bunker Machern, dazu 50 000 für die Sanierung des ehemaligen Kommandantenwohnhauses im Bunker. Inklusive der institutionellen Kulturförderung von 150 000 Euro durch die Stadt Leipzig wurden dem Verein fürs laufende Jahr somit 611 000 Euro zugesprochen. Die Zahlen sind öffentlich einsehbar.

Hollitzer entgegnet, ihm lägen deutlich niedrigere Summen vor – was bedeutet, dass (noch) nicht alle Mittel ausgereicht worden sind. Das tritt bei Regelverstößen, nicht eingehaltenen Vorgaben oder ausstehenden Abrechnungen ein. Beispiele dafür liefert das Kulturamt Leipzig. Eins davon: Die institutionelle Förderung für das Bürgerkomitee liegt seit 2017 bei 150 000 Euro. Ein Drittel davon war an ein Konzept zur weiteren Arbeit geknüpft. Das jedoch wurde vom Verein nicht eingereicht, so dass 2017 von den zurückbehaltenen 50 000 nur gut 21 000 Euro flossen. Erst Ende September 2018 lag das vollständige Konzept auf dem Amtstisch. „Das Ausreichen der Mittel fürs laufende Jahr hängt von der Umsetzung der beantragten Maßnahmen ab“, informiert Kulturamts-Chefin Susanne Kucharski-Huniat.

Blick in die Ausstellung im Kinosaal im Museum in der Runden Ecke. Quelle: André Kempner

Museumschef hält Finanzausstattung für „deutlich zu niedrig“

Hollitzer räumt Fristversäumnisse von Verwendungsnachweisen ein und begründet sie mit „personellen Engpässen“. Und wie viel Förderung er auch immer zur Verfügung hat – sie wird „ausschließlich für den laufenden Betrieb der Gedenkstätte verwendet“; über zwei Drittel seien Personal-, der Rest laufende Sach-Ausgaben. Für die vielfältigen Aufgaben wie Ausstellungen, Betrieb, Unterhalt, Veranstaltungsprogramm und mehr „ist die finanzielle Ausstattung seit Jahren deutlich zu niedrig“, klagt er und fordert eine „deutliche Steigerung“.

Dabei unterschlägt der Museumschef zwei exorbitante Zuflüsse aus der jungen Vergangenheit: Im Rahmen der Mittel-Ausschüttung aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der DDR erhielt das Bürgerkomitee 2018 fast fünf Millionen Euro für „Umbau, Neugestaltung und Restaurierung musealer Räumlichkeiten“. Im Zeitraum von 2013 bis 2016 kamen 1,75 Millionen Euro für Sanierung und Restaurierung des Gebäudes sowie Erarbeitung einer Dauerausstellung hinzu – entsprechende Dokumente liegen der Redaktion vor.

Unstimmigkeiten mit dem Schulmuseum

Ein Dauerproblem in der Runden Ecke birgt die Ausstellung „Leipzig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution“: 2009 eröffnet, sollte sie nur sechs Monate laufen. Seit mittlerweile zehn Jahren blockiert sie die Vorhaben des benachbarten städtischen Schulmuseums. Laut Vertrag hat es für den alten Kinosaal im Dachgeschoss dasselbe Nutzungsrecht wie das Bürgerkomitee. „Mit Herrn Hollitzer kam es deshalb immer wieder zu Konflikten, Vorschläge zur Einigung hat er blockiert“, sagt Bürgerrechtlerin Elke Urban, die das Schulmuseum bis 2015 leitete und 1989 selbst an jedem Montag demonstrierte.

„Mit Herrn Hollitzer kam es immer wieder zu Konflikten“: Bürgerrechtlerin Elke Urban. Quelle: André Kempner

Die Einrichtung weicht seitdem auf kleinere Flächen für Ausstellungen aus oder arbeitet mit der benachbarten Stasi-Unterlagenbehörde bei Veranstaltungen zusammen. Die gemeinsame Nutzung des Kinosaals ist aus Sicht Hollitzers „im Rahmen der räumlichen Möglichkeiten nach wie vor gegeben“. Diese Möglichkeiten bestehen momentan aus einem dunklen Tunnel am Rand des Saals.

Rathaus-Sprecher: Abwehrhaltung und immer neue Forderungen

Bemerkenswert ist, dass sich das Bürgerkomitee wie ein Eigentümer verhält, jedoch Mieter ist, kostenfrei übrigens; die Runde Ecke gehört dem Bund, der Saalanbau der Stadt. Mehrfach hat diese Veränderungen an der Schau im alten Kinosaal gefordert – vergeblich. 2016 einigten sich Bürgerkomitee und OBM auf ein Papier. Das setzt eine Befristung der Ausstellung bis zum Umzug ins Interim in der Katharinenstraße 2 fest, sobald der Auszug des Stadtbüros dort vollbracht sei. Passiert ist nichts. „Das Kulturamt hat entgegen der Zusage des Oberbürgermeisters die Umsetzung aus finanziellen Gründen abgelehnt“, kritisiert Hollitzer, lässt jedoch unter den Tisch fallen, dass er selbst mehrere Vorschläge ablehnte. Rathaus-Sprecher Matthias Hasberg: „Das Scheitern mehrerer Standorte hatte auch mit Abwehrhaltung sowie immer neuen Forderungen vom Bürgerkomitee zu tun.“

Warum sich Burkhard Jung und die Verwaltung all das gefallen lassen und auch gegenüber der LVZ eine persönliche Stellungnahme ausbleibt, ist nur inoffiziell zu erfahren: Ein Machtwort gegenüber Hollitzer scheut Jung zum einen wegen des bevorstehenden Jubiläums „30 Jahre Friedliche Revolution“. Vor allem aber ist das Terrain diplomatisch vermint: Ein aus dem Westen stammender OBM, der einen ostdeutschen Bürgerrechtler in die Schranken weist, kommt bei manchem Bürger nicht gut an; zumal Jung sich 2020 zur Wiederwahl stellt.

Oltmanns: Stadt muss Verantwortung übernehmen

Als Legitimation, alles so weiterlaufen zu lassen, taugt das aus Sicht von Elke Urban nicht. „Es kann es nicht sein, dass weiterhin der gewinnt, der am lautesten schreit“, sagt sie, „die Zeiten für autoritäre Herrscher sollten eigentlich vorbei sein.“ Bürgerrechtlerin Gesine Oltmanns stellt klar: „Die Stadt muss hier Verantwortung übernehmen, auch wenn das Museum in zivilgesellschaftlicher Trägerschaft ist. Die Friedliche Revolution ist ein großes Thema Leipzigs und seiner Bürgerschaft – und soll es bleiben.“

In der Stadtratssitzung am Mittwoch soll nun eine Anfrage der AfD auf den Tisch kommen. Die will wissen, wie die Verwaltung die aktuellen Missstände an der Runden Ecke beheben will. Wie Ruhe in die Räume am Dittrichring 24 einziehen könnte, skizziert bereits Rainer Eckert. „Der widerrechtlich okkupierte Saal muss hergegeben werden“, sagt der Historiker und Politikwissenschaftler, „dringend nötig ist auch eine Evaluation.“ Zudem brauche der Verein schleunigst ein beratendes Gremium für den wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich.

Dass dies mit dem aktuellen Museumsleiter realisiert werden kann, hält keiner der Gesprächspartner für möglich. Zu ausgeprägt sei Hollitzers Überzeugung, alleinige Deutungshoheit der 89er-Geschichte zu haben – und zu groß seine Angst, sein Terrain mit jemandem teilen zu müssen. Mit Blick auf die Situation überkommt Bürgerrechtler Beleites bittere Ironie: „Manchmal scheint es, als hätte sich Hollitzers ursprünglich gutes Anliegen, in der Runden Ecke ein Stück DDR erfahrbar zu machen, nun auf fatale Weise verselbstständigt.“

Von Mark Daniel

Das Amtsgericht schickte sie hinter Gitter, das Landgericht gewährte ihnen Bewährung: Zwei Beteiligten der Connewitz-Krawalle im Januar 2016 bleibt Haft erspart. Die Staatsanwaltschaft nimmt das Urteil hin.

03.09.2019

In dem Prozess gegen eine Leipziger Oberstaatsanwältin hat die Verteidigung überraschend auf ein Kreuzverhör verzichtet. Und das ausgerechnet bei jenem Juristen, der das Strafverfahren um Falschaussage und Rechtsbeugung gegen die 54-Jährige in Gang gebracht hatte.

03.09.2019

Als Notfallsanitäter in Leipzig half Thomas D. bei Unglücken. Am Freitag kam der 43-Jährige bei einer Reise mit dem Motorrad ums Leben. Er und sein Schwiegervater starben bei der Tragödie mit vier Toten auf der A9. Kollegen sammeln nun Spenden für die Familie des zweifachen Vaters.

03.09.2019