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Lokales Museumschef aus der Eifel will Leipzig eine Freiheitsglocke schenken
Leipzig Lokales Museumschef aus der Eifel will Leipzig eine Freiheitsglocke schenken
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13:13 23.03.2019
Wuchtig: Die Europäische Freiheitsglocke in Gifhorn. Der Eigentümer möchte sie Leipzig schenken. Quelle: Foto: Glockenpalast
Leipzig

Draußen spielt das Wetter den endgültigen Übergang zum Frühling durch, im Rathaus beschäftigt man sich eher mit dem Herbst. 30 Jahre Friedliche Revolution, das stellt selbst den 200. Geburtstag der großen Leipziger Tochter Clara Schumann in den Schatten. Das Lichtfest rund um den 9. Oktober bekommt gerade künstlerische Konturen, und zum Jubiläum landet – nach zehn Jahren Ruhe – sogar der eigentlich abgehakte Plan wieder auf dem Tisch, die umstrittene Bronzeplastik einer Amerikanerin als Denkmal an die Pleiße zu holen. Parallel dazu hat die Stadt inzwischen noch eine Option: Ein niedersächsischer Designer und Museumschef möchte Leipzig eine Freiheitsglocke schenken.

Bizarrer Anblick in der Lüneburger Heide

Der Anblick mutet bizarr an: Aus der Idylle aus Windmühlen, Schloss, Wald und Gewässern ragt der Glocken-Palast; ein Gebäudekomplex im altrussischen Baustil – goldenfarbene Kuppeln, Schnitzereien und Verzierungen. Ein Hauch Disney in der Lüneburger Heide. Auf dem Weg dorthin passieren Besucher einen Überbau mit einer im Durchmesser zwei Meter einnehmenden Glocke. Das taten im vergangenen Jahr auch drei Leipziger Ehepaare – und waren beeindruckt. „Die Anlage ist überwältigend“, schwärmt Bernd Edlich, der mit seiner Frau Christel, Barbara und Erhard Hornig sowie Tamara und Wolfgang Hildebrand zufällig dort gelandet war.

Hausherr Horst Wrobel, Leiter des benachbarten Mühlenmuseums, erzählte den Gästen die Hintergründe zum Glocken-Palast: Er war der treibende Motor und Financier für den Bau, „aus Dankbarkeit für den Mauerfall, an dem vor allem Michail Gorbatschow großen Anteil hat“, wie der heute 84-Jährige sagt. Der frühere Staatspräsident der Sowjetunion war es gar, der im September 1996 den Grundstein des Gebäudekomplexes legte und die Schirmherrschaft übernahm.

Zukunft des Areals ist ungewiss

Elf Jahre nach Baubeginn wurde hier das Kulturinstitut „Die Brücke“ eingerichtet, das sich als Treffpunkt von Kunsthandwerkern aus West- und Ost etablieren sollte. Zumindest aus einer kontinuierlichen Nutzung aller Räume wurde nichts – es fehlt an einem Konzept, Organisation und Finanzierung; Initiator Wrobel hatte auf Unterstützung von Stadt und Landkreis Gifhorn gehofft. Bürgermeister Matthias Nerlich zog sich den Schuh nicht an, denn „der Glocken-Palast war eine private Initiative, die nicht mit der Stadt abgesprochen worden sei“. Noch ist die Zukunft des Komplexes ungewiss, auch ein Verkauf ist möglich. Zwischenzeitlich war gar von einem Abbruch die Rede.

Wie auch immer – von Wrobel kamen die Leipziger Besucher im November 2018 mit einem Angebot zurück. Er würde die Freiheitsglocke der Stadt schenken, die so wichtige Impulse für die Friedliche Revolution geboren hatte. Anfang Januar wurde Bernd Edlich aktiv. Er mailte an Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), fragte im Sekretariat nach, schrieb an den Kulturausschuss. Ende Januar folgte die erste Reaktion: Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Linke) schickte eine Absage mit Verweis auf die seit 2009 am Augustusplatz installierte, eiförmige Demokratieglocke, gestaltet von Via Lewandowsky. Zudem halte die Stadt an dem Ziel fest, langfristig „ein Einheitsdenkmal mit europäischer Ausstrahlung entstehen“ zu lassen. Eine weitere künstlerische Umsetzung in Form einer Freiheitsglocke „würde in Leipzig nicht die gewünschte Aufmerksamkeit erzielen“, heißt es weiter.

Seitenhieb auf umstrittenes Kunstwerk aus den USA

Edlich und Mitstreiter können diesen Standpunkt nicht nachvollziehen. „Zum einen wird das Ei auf dem Augustusplatz kaum wahrgenommen“, findet er, zum anderen sieht er mit Blick auf die aktuell diskutierte Plastik der US-Amerikanerin Miley Tucker-Frost eine Ungleichbehandlung. „Diese Bronzegruppe wurde schon vor zehn Jahren als kitschig und handwerklich schlecht kritisiert, trotzdem behält die Stadt sie im Rennen. Die Glocke aus Gifhorn hat eine stärkere Symbolik und ist authentischer.“

Das Dezernat Kultur spielt den Ball zurück: „Eine künstlerische Bewertung der Glocke gab es nicht, somit ist der Vergleich mit der Thematik ,Figurengruppe von Tucker-Frost’ aus unserer Sicht unpassend“, heißt es auf LVZ-Nachfrage. In der Causa Tucker-Frost gab es allerdings ebenfalls etwas nicht – das Einbeziehen des Sachverständigenforums „Kunst im öffentlichen Raum“; das Gremium reagierte äußerst ungehalten darauf, ignoriert worden zu sein.

Kulturausschuss berät über Glocke

Während die Stadt einen überarbeiteten Entwurf der Figurengruppe prüft, die hockend eine Kerze anzündet, tönt auch in Sachen Gifhorner Freiheitsglocke noch nicht der letzte Schlag. Annette Körner (Grüne) stellte kürzlich das Anliegen dem Kulturausschuss vor. Zur nächsten Sitzung am 29. März soll darüber beraten werden. „Zugleich haben wir das Kulturdezernat um ausführliche Einschätzung gebeten“, so die Ausschuss-Vorsitzende. „So können wir uns eine Meinung bilden und überlegen, ob es bei der Antwort der Stadt bleiben soll oder diese eine Änderung erfährt.“

Der potenzielle Verschenker Horst Wrobel betont: „Für die Glocke gibt es keinen besseren Standort als Leipzig.“ Und auch Edlich hofft weiter, dass das zehn Tonnen schwere Exemplar bald in seiner Heimatstadt steht. „Darauf wurden Widmungen von Gorbatschow, George Bush, Gyula Horn und Helmut Kohl verewigt“, zählt er auf und stellt fest: „Mehr internationale Symbolkraft geht nun wirklich nicht.“

Von Mark Daniel

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