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Lokales Musiker und Mediziner bilden neues Netzwerk
Leipzig Lokales Musiker und Mediziner bilden neues Netzwerk
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17:01 08.02.2019
Gründungstreffen des Netzwerks Musikermedizin: Phoniater Michael Fuchs, Arbeitsmedizinerin Ivonne Hammer und Martin Kürschner, Rektor der Leipziger Hochschule für Musik und Theater (von links). Quelle: André Kempner
Leipzig

Es mag nicht so offensichtlich wie bei Dachdeckern, Gerüstbauern oder Bergarbeitern sein, dass auch Musiker einem Berufsrisiko ausgesetzt sind. Aber zu singen, Geige oder Querflöte zu spielen, ist auf Dauer ebenfalls strapaziös. „Ihren Körper müssen Musiker als erstes Instrument ansehen“, findet die Bewegungstherapeutin Séverine Schraft, bezeichnenderweise eine promovierte Sportwissenschaftlerin. „Singen ist nichts anderes als Muskeltätigkeit“, sagt auch Berthold Schmid, Gesangsprofessor und Prorektor an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater (HMT). „Profi-Sänger betreiben einen Hochleistungssport.“

Damit dabei nichts schief geht oder – falls doch – Hilfe erfolgt, hat sich in Leipzig jetzt ein „Netzwerk Musikermedizin“ gegründet. Dessen dickste Knoten sind neben der HMT das Leipziger Universitätsklinikum (UKL) und das Mitteldeutsche Institut für Arbeitsmedizin (MIA). Drumherum führen die Fäden zu niedergelassenen Orthopäden, Physiotherapeuten, Psychologen und Hörgeräteakustikern. „Unser Netzwerk ist offen“, sagt Michael Fuchs, Leiter der Phoniatrie und Audiologie am UKL und selbst einstiger Thomaner. „Wir wollen, dass es behutsam weiterwächst.“

Von seinem Vorgänger am UKL, Wolfram Behrendt, übernahm Fuchs schon vor Jahren an der HMT die Lehrveranstaltung „Stimmphysiologie“, die seit den 1960er-Jahren ihren Platz im Vorlesungsverzeichnis hatte. Im Wintersemester 2015/16 wurde daraus erstmals eine fächerübergreifende Ringvorlesung mit der Überschrift „Musikermedizin“. Sie ist über Gesangsstudierende hinaus an Instrumentalisten adressiert – die Keimzelle für das jetzige Netzwerk. Nicht nur Informationen, sondern im Bedarfsfall auch eine entsprechende Versorgung wolle man gemeinsam anbieten, so Fuchs. Das Arztgeheimnis spiele dabei eine besondere Rolle. „Eine unerwünschte Begegnung im Wartezimmer kann schnell zu unliebsamen Fragen führen“, weiß er: „Was? Kann XY etwa ihre Partie heute Abend nicht singen?“ Seit Dezember steht ein Online-Formular zur Terminvergabe bereit. „Wir bringen Hilfesuchende mit den jeweiligen Fachleuten im Netzwerk zusammen“, sagt Fuchs.

Nicht nur das Gehör braucht Schutz vor Schall

Das kann zum Beispiel die Leipziger Physiotherapeutin Elke Blase sein, die sich unter anderem gut mit Störungen im Kiefergelenk auskennt. Selbst keine Musikerin, besucht sie an der HMT dennoch regelmäßig den Gesangsunterricht, um Schülern Tipps zur Haltung und Atmung zu geben. Musiker machen mittlerweile mehr als ein Drittel der Patienten ihrer Praxis aus, berichtet sie. Auch Saxofonisten, Gitarristen, Cellisten berät Blase. „Sie bringen ihre Instrumente zur Sitzung mit.“ Ihr Kollege, der Orthopäde Michael Genest, sagt, dass ihn stets aufs Neue der „unglaubliche Wille“ von Musikern überrasche, „so schnell wie möglich wieder schmerzfrei zum Instrument zu greifen“. Die Ärztin und diplomierte Pianistin Dagmar Wolff schult in ihrer Praxis Musiker so zu üben, dass körperliche Beschwerden, wenn sie denn einmal behoben sind, nicht gleich wieder aufs Neue auftreten. In anderen Fälle wird Hörakustiker Michael Willenberg der richtige Fachmann sein. Zu seinem Aufgabenbereich zählt der Gehörschutz – aber nicht nur. Auch Knochen leiten Schall weiter, „wodurch an anderer Stelle im Körper ebenfalls Schaden entstehen kann“, erläutert er.

Im MIA ist Arbeitsmedizinerin Ivonne Hammer federführend für Musikermedizin zuständig. „Die Konsultation eines Betriebsarzts stellt sich häufig als niedrigschwelliger Einstieg ins Netzwerk heraus“, sagt sie. „Etwa, wenn bei einem Opernsänger der aufgeklebte Bart juckt.“ Da kann zum Beispiel Sylvi Meuret helfen. Sie ist am UKL nicht nur Ärztin für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Phoniaterin und Pädaudiologin, sondern auch ausgebildet in Allergologie.

Was ist Henne, was ist Ei?

Am Helios-Parkklinikum bietet Katarina Stengler, Chefärztin für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, eine „Musikermedizinische Sprechstunde“ an, die unter anderem bei Lampenfieber, emotionaler Überbelastung und Substanzmissbrauch eine erste Anlaufstelle zur Hilfe darstellt. Am MIA nimmt sich Mandy Ziermann seelischen Fragen an. Die Psychologin schult in Zeitmanagement und Entspannungstechniken. „Musizieren ist ein sozialer Akt für und zwischen Menschen“, sagt sie. „Da bleiben Konflikte nicht aus.“

Gerade bei psychosomatischen Beschwerden sei allerdings häufig nicht klar, „was Henne und was Ei ist“, sagt UKL-Phoniater Fuchs. Er berichtet von einem Patienten, dessen Gesangsprobleme sich in der Untersuchung durch sichtbare Schwingungsanomalien im Stimmapparat bestätigten. „Trotzdem stellte sich letztlich eine ausgeprägte Auftrittsangst als sein Hauptproblem heraus.“ Für Hans-Christian Jabusch, Professor für Musikermedizin in Dresden, steht daher „eine ausführliche Anamnese psychischer, sozialer bis hin zu finanzieller Faktoren am Beginn jeder Behandlung“.

Böse Falle namens Perfektionismus

Die Experten stimmen darin überein, dass die Angst vor Fehlern viele Musiker krank macht. „Der Perfektionismus ist eine böse Falle“, sagt Ingolf Schauer, der den Zusammenhang sowohl als praktizierender Psychologe wie auch als Orchestermusiker kennt; er spielt Geige in Leipzigs Musikalischer Komödie. Eine zweite soziale Ursache für Erkrankungen sei die Hackordnung unter Musikern: „Konkurrenz verhärtet“, sagt Schauer. „Sie nimmt vielen Künstlern die nötige Lockerheit.“

„Angst vor Fehlern verselbstständigt sich“, stellt Musikermediziner Jabusch fest. „Irgendwann beschäftigt man sich nur noch damit, was man falsch machen könnte.“ Auftrittsangst sei häufig erlernt. „Doch ebenso lässt sich lernen, keine Auftrittsangst zu haben.“ Eine Musikhochschule wird da vom Empfänger medizinischer Dienstleistungen zum Akteur. „Wir müssen einen Raum schaffen, in dem sich Studierende wirklich entwickeln können“, fordert HMT-Prorektor Schmid. „Denn in der Ausbildung sind Fehler sogar erwünscht.“ Um aus ihnen zu lernen. Und um zu lernen, dass davon nicht die Welt untergeht.

Zweites öffentliches Netzwerk-Treffen, „Psychische Gesundheit bei Musikern“, Freitag, 13 bis 16.30 Uhr, Hochschule für Musik und Theater, Grassistraße 8, Raum 304; www.uniklinikum-leipzig.de/einrichtungen/musikermedizin

Von Mathias Wöbking

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