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Lokales Nach nur zwei Tagen geschlossen – doch im Tokyo Café dominiert die Zuversicht
Leipzig Lokales Nach nur zwei Tagen geschlossen – doch im Tokyo Café dominiert die Zuversicht
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15:01 02.04.2020
Exotische Speisen und Produkte aus Japan: Taka Götze und Koch Shigeru Fujii im Tokyo Café in der Kolonnadenstraße. Quelle: Kempner
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Leipzig

Es klopft an die Tür, und von außen blickt ein Kindergesicht durch die Scheibe. Es gehört zu einer befreundeten Familie, die Taka Götze ein Geschenk vorbeibringt: die Skyline der japanischen Hauptstadt aus Lego. Die Betreiberin des Tokyo Café ist gerührt. „Ich danke euch sehr“, sagt sie, „das passt wunderbar zur Deko.“ Warum Spielzeug in den Fenstern der Location steht, weshalb die Japanerin ihren Optimismus trotz Café-Schließung nach nur zwei Tagen Betrieb behält und wieso die Kolonnadenstraße 17 ein guter Ort zum Weiterkämpfen ist – das sind Bestandteile einer Geschichte über Mut, Besonnenheit, Relativierung und Zusammenhalt in Zeiten der Corona-Krise.

„Gastgeber“ haben alles verändert

Ihren Ursprung hat diese Geschichte mit den „Gastgebern“ in Reudnitz. Dort bieten Michael Bauß und Team eine Location für alle an, die den Traum von der gastronomischen Selbstständigkeit leben wollen. Mit Unterstützung ihres Mannes Thomas mietete sich Taka Götze im vergangenen Oktober dort ein, um zu testen, wie sich das anfühlt. „Die Zeit bei den ,Gastgebern’ hat sehr viel verändert“, sagt die 48-Jährige. Aus den drei Wochen folgte die Gewissheit, ein Restaurant aufzumachen – und ein klares „Ja“ zu Leipzig.

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Schon vor acht Jahren waren Thomas, 38 Jahre alt und Selbstständiger, und Taka Götze von Tokyo an die Pleiße gezogen. Taka arbeitete zunächst weiter als Flugbegleiterin. Sich auf ihre neue Umgebung einzulassen, war da schwerer möglich, und lange spürte die gebürtige Tokioterin eine Art Kulturschock. Das betraf vor allem das Essen. „Die Küche in meiner Heimat ist ein Schmelztiegel internationaler kulinarischer Einflüsse“, erzählt sie. „Da gibt es sehr kreative Kombinationen, und die finde ich in Deutschland nicht.“

Eine der zahlreichen Kreationen im Tokyo Café – unter anderem mit frittierter flambierter Aubergine, Lachs, Reis und Huhn. Quelle: Kempner

Mit ihrem Entschluss, ab Frühling 2019 ein zweijähriges Sabbatical einzulegen, wuchs die Motivation, sich als Gastronomin zu versuchen. Äußerst erfolgreich: Taka Götzes Intermezzo bei den „Gastgebern“ wurde zum Publikumsrenner. Und neben dem Zuspruch erfuhr die lange mit der Stadt fremdelnde Japanerin, wie weltoffen und neugierig die Leipziger sein können. „Das hat bei mir den Ausschlag gegeben, mich endlich ganz auf das Hier einzulassen.“

In der „Kolle“ Nummer 17 fanden die Götzes den perfekten Ort. Die Gastraum-Größe von rund 30 Quadratmetern für 26 Leute gefiel den beiden, ebenso der freundliche Kontakt zur Vermieterin und das Umfeld. „Diese Straße hält auch in der Krise zusammen“, bemerkt Thomas, der für das Tokyo Café das komplette Mobiliar selbst baute. „Die Leute sind besorgt umeinander, und wir haben viele Kunden direkt von hier.“

Schließung nach nur zwei Tagen

Auch das hilft, die Negativ-Überraschung zu bewältigen, die der 19. März brachte: Nur zwei Tage nach Eröffnung des Cafés musste Taka Götze es wegen der Pandemie schließen. Laut Schutzverordnung – die das Land gerade in einigen Punkten aktualisiert hat – ist nur Außer-Haus-Verkauf bis 20 Uhr oder ein entsprechender Liefer- und Abholservice gestattet.

Umwerfen kann die beiden, die miteinander zwei kleine Söhne haben, die veränderte Lage keineswegs. „Wir sind krisenerprobt“, sagt Thomas lächelnd. „In Japan haben auch wir Katastrophen wie Erdbeben, Taifune oder Fukushima mitbekommen – wir werden auch das hier bewältigen.“ Und seine Frau ergänzt: „Das Wichtigste ist das Gesundsein. Das Andere ergibt sich.“

Auch Tee, kleine Snacks und Spiele aus Japan werden im Tokyo Café verkauft. Quelle: Kempner

Das Café-Geschäft pulsiert nicht, aber es läuft, und Klagen liegt dieser pragmatische Zuversicht verströmenden Frau ohnehin fern. Zwischen zwei und 15 Bestellungen pendelte bislang die Nachfrage. Mit den Einnahmen kann Taka Götze immerhin ihren Koch bezahlen. Shigeru Fujii zaubert aromatische Gerichte aus Gemüse und Fleisch in unterschiedlichsten Zusammensetzungen. Allein der aus der mandarinenähnlichen Yuzu gemachte Tee ist ein exotisches Geschmackserlebnis. Die entscheidenden Zutaten – auch der Reis – kommen aus Japan, bezogen von Großhändlern aus Düsseldorf und den Niederlanden. Auch landestypische Snacks, Bier und kleine Spiele werden verkauft.

Godzilla guckt aus dem Fenster

Warum nun Lego-Skulptürchen, Spielzeug und ein paar Plastik-Monster den Passanten aus den Fenstern in den Blick fallen, entspringt einer Not, die inzwischen einen eigenen optischen Charme generiert hat. „Von einer weiteren Reise nach Tokio wollten wir eigentlich andere Deko-Elemente mitbringen“, erzählt Thomas Götze, „doch dann wurde der Flug gestrichen – da haben wir ausgedientes Spielzeug unserer Jungs hingestellt.“ Augenfällig ist das definitiv. Und ganz frisch steht jetzt die Lego-Skyline der Millionen-Metropole – neben Godzilla. Hoffentlich hält der Kerl still.

Infos/Bestellungen über www.tokyocafe.de, bei Facebook und Telefon 0341 24902111

Von Mark Daniel