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Lokales Neues aus dem Zeitgeschichtlichen Forum
Leipzig Lokales Neues aus dem Zeitgeschichtlichen Forum
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14:01 21.10.2018
Ein Papierkranich erzählt die Geschichte eines Abiturienten, der den Wehrdienst verweigerte.
Ein Papierkranich erzählt die Geschichte eines Abiturienten, der den Wehrdienst verweigerte. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Mehr Geschichte, starke Objekte, eine optimierte Vermittlung – das Zeitgeschichtliche Forum in der Grimmaischen Straße 6 gestaltet seine Dauerschau neu. Die ersten Hingucker haben ihren Platz in der Ausstellung gefunden, die am 5. November eröffnet wird. In der Serie „Forum im Aufbruch“ stellt die LVZ einige vor. Heute: ein unscheinbarer Papierkranich.

Origami-Kunst auf dem Grab

Klein und unscheinbar kommt der Papierkranich daher. Doch er kann eine jener emotional berührenden Geschichten erzählen, von der die neue Dauerschau des Zeitgeschichtlichen Forums leben wird. Er gehörte zu den vielen Kranichen, die das Grab des 18-jährigen Abiturienten geschmückt haben. Seine Mitschüler haben sie nach der japanischen Faltkunst Origami hergestellt und bei der Beerdigung niedergelegt, obwohl die Schulleitung und auch die DDR-Staatssicherheit dies eigentlich verhindern wollten.

Was war geschehen? Ingolf Müller, der die Dresdener Kreuzschule besuchte und sehr intelligent war, wollte eigentlich Medizin studieren. Im März 1983 kündigte er bei seiner Musterung an, dass er keinen Wehrdienst mit der Waffe bei der Nationalen Volksarmee leisten wolle. Inzwischen Mitglied einer Jungen Gemeinde, verweigerte er gegenüber seinem Klassenlehrer auch die Teilnahme an der vormilitärischen Ausbildung, die an den DDR-Schulen mit dem Schuljahr 1978/79 obligatorisch eingeführt wurde. „Er ist aufgrund seines christlichen Glaubens zum Entschluss gekommen, Bausoldat werden zu wollen. Damit hat er eine Maschinerie in Gang gesetzt, die junge Leute heute gar nicht mehr nachvollziehen können“, erläutert Henrike Girmond, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Zeitgeschichtlichen Forums. Schüler und Eltern wurden einbestellt, die Staatssicherheit informiert.

Schüler kamen zur verbotenen Beerdigung

Der begabte und bei seinen Mitschülern beliebte junge Mann wurde ebenso wie Eltern und andere Schüler unter Druck gesetzt, der Rauswurf kurz vor dem Abitur drohte. Im November 1983 wusste er wohl keinen Ausweg mehr und beging Selbstmord. Obwohl die Lehrer es verboten hatten, kamen 60 bis 80 Schüler zu seiner Beerdigung. Dort trugen sie auch ein Lied von Dietrich Bonhoeffer vor.

Vorher hatten sie im Unterricht und in den Pausen jene Kraniche gefaltet. Damit griffen sie eine japanische Legende auf. Derjenige, der 1000 Origami-Kraniche faltet, so heißt es, bekomme von den Göttern einen Wunsch erfüllt. Der Glaube daran machte der zwölfjährigen Sadako Mut, die als Folge des Abwurfs der Hiroshima-Atombombe an Leukämie erkrankte und starb. Sadakos Mitschüler trauerten sehr um ihre Freundin, sammelten Geld für ein Denkmal. Der Kranich, der in Japan für Glück und Langlebigkeit steht, entwickelte sich zum internationalen Friedenssymbol.

Mosaik gelebten Lebens

„Die Mitschüler falteten die Kraniche als Zeichen der Solidarität“, sagt Girmond. Im Abschlussbericht der Stasi, die die Trauerfeier beobachtete, ist übrigens zu lesen, dass rein private Gründe zu dem Selbstmord geführt haben. In der neuen Dauerschau wird mit diesem Beispiel auch der Mikrokosmos Schule und Wehrerziehung samt Gruppenzwang und Repressionen in der DDR behandelt. Natürlich steht das Beispiel auch für Zivilcourage. „Eine sehr emotionale Geschichte. Wie zeigen, wie ein kleines Objekt eine große Tragweite entfalten kann“, so Jürgen Reiche, der Direktor. So entsteht ein Mosaik gelebten Lebens.

Von Mathias Orbeck