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Lokales Organspender dringend gesucht
Leipzig Lokales Organspender dringend gesucht
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18:48 12.12.2018
Transplantationsmediziner Daniel Seehofer (links) und Thomas Berg (rechts) mit Leberempfänger Karl-Heinz Tunsch und TV-Arzt Michael Trischan. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Am 12. Dezember hat Karl-Heinz Tunsch im Universitätsklinikum Leipzig (UKL) seinen 25. Geburtstag gefeiert. Der 66-Jährige war dafür extra aus Detmold angereist. Nicht wirklich ein Widerspruch: „Organempfänger sprechen oft davon, zwei Mal im Jahr Geburtstag zu haben“ – diese Erfahrung hat der Transplantationsmediziner Daniel Seehofer häufig gemacht, sagt er.

Am 12. Dezember 1993 erhielt Karl-Heinz Tunsch in Leipzig eine neue Leber – als erster Patient im neugegründeten Transplantationszentrum. Der Anruf sei sehr überraschend gekommen, erzählt er. „Eigentlich sollte ich in Hannover operiert werden.“ Zunächst war der damals 41-Jährige skeptisch, erinnert er sich. Mit etwas brachialem Humor sprach ihm sein Bruder – wie er selbst im mecklenburgischen Schönberg zur Welt gekommen – Mut zu: „Du bist in der DDR geboren, du wirst dort nicht sterben. Und wenn du der erste bist, wirst du nicht der letzte sein.“

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War er tatsächlich nicht. 1026 weitere Lebern haben die Leipziger Transplantationsmediziner seither verpflanzt, darüber hinaus fast genauso viele Nieren. Tunschs Eingriff dauerte zehn Stunden. „Heute ist es eine Routine-Operation“, sagt Zentrumsleiter Seehofer. Dennoch lässt sich nach einem Vierteljahrhundert keine reine Erfolgsgeschichte erzählen. Das hat nicht nur mit einem 2013 aufgedeckten Organspendeskandal zu tun. Vor allem fehlt es Deutschlands 1200 Spenderkrankenhäusern an Personal und Infrastruktur, um zu gewährleisten, dass jede mögliche Organspende bei allem erforderlichen Aufwand wirklich erfolgt, bemängelt Seehofer.

Deutschland ist Schlusslicht in Europa

Der Hepatologe Thomas Berg spricht von einer „dramatischen Situation“, die den Sinn des Transplantationssystems in Frage stelle. Im Verhältnis zwischen Organspendern und Einwohnerzahl ist Deutschland „in Europa Schlusslicht“, so Berg. Allein in Leipzig sterben pro Monat durchschnittlich zwei Patienten, während sie auf der Warteliste stehen. Häufig erfolge die Verpflanzung zudem erst spät im Krankheitsverlauf – „wenn das Sterberisiko selbst mit neuer Leber bereits hoch ist.“

Dabei stimmen die Bundesbürger nach einer aktuellen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Organ- und Gewebespenden zu 84 Prozent zu. 36 Prozent besitzen derselben Studie zufolge einen Organspendeausweis. „Der Informationsbedarf ist groß“, glaubt Berg. Mit einer Informationswoche will das UKL diese Lücke jetzt etwas kleiner machen.

„Verpflichtende Entscheidung“ – die Lösung?

Die Leipziger Transplantationsexperten begrüßen die neuerliche Diskussion, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn über die Widerspruchslösung angestoßen hat. „Auch wenn damit nicht alle Probleme gelöst wären“, sagt Seehofer. „Die Entscheidungslösung haben wir ja nur auf dem Papier. Die wenigsten entscheiden sich wirklich.“ Er regt eine „verpflichtende Entscheidung“ an und findet: „Wer ein Organ empfangen will, sollte auch bereit sein zu spenden.“

Schauspieler Michael Trischan ist dazu seit Jahrzehnten bereit. Er war es schon, bevor er in der Sachsenklinik zum TV-Arzt wurde. Trischan unterstützt die Informationswoche, indem er bei seinem Auftritt in der Funzel kommenden Montag Organspendeausweise verteilt. Darauf kann man einer Transplantation übrigens auch ausdrücklich widersprechen. Karl-Heinz Tunsch ist aber froh, dass die Angehörigen seines unbekannten Spenders einer Leberverpflanzung damals zustimmten. „Ich konnte sehen, wie mein Sohn aufwächst, durfte an der Seite meiner Frau weiterleben“, sagt er. „Seit 25 Jahren liegt es mir auf dem Herzen, mich dafür zu bedanken.“

Info-Stand in Haus 4 des UKL, Liebigstraße 20, bis 19. Dezember täglich von 10 bis 15 Uhr

Von Mathias Wöbking

12.12.2018
12.12.2018