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Lokales Quellen des Trinkwassers: LVZ-Leser erhalten exklusiven Einblick ins Wasserwerk Canitz
Leipzig Lokales Quellen des Trinkwassers: LVZ-Leser erhalten exklusiven Einblick ins Wasserwerk Canitz
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08:00 27.09.2019
Grit Schnitzer (rechts) zeigt den LVZ-Lesern die vielen Stationen, bis aus Grundwasser fertiges Trinkwasser wird. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Pünktlich um 9 Uhr startet bei strahlendem Sonnenschein der Bus. Für 20 LVZ-Leser, die einen Platz bei der Tour in einer Verlosung gewonnen haben, geht es von Leipzig aus nach Canitz im Landkreis Leipzig. Hier an der Mulde, zwischen Eilenburg und Wurzen, steht das größte Wasserwerk der Leipziger Wasserwerke. Eine gute Dreiviertelstunde geht es über die B6 raus aus Leipzig und rein ins Umland.

Mit dabei ist auch Dr. Ulrich Meyer, Technischer Geschäftsführer der Wasserwerke. Auf halber Strecke schnappt er sich das Busmikrofon und gibt den Teilnehmern eine kurze Einführung in die immerhin 500-jährige Geschichte der Leipziger Trinkwasserversorgung – von den ersten „Wasserkunst“ genannten Wassertürmen und hölzernen Leitungen ab circa 1500, über den Bau des ersten Wasserwerks in Naunhof 1887 bis heute. „Ein Teil des Systems aus dem Ende des 19. Jahrhunderts existiert heute noch. Die technologische Leistung der Vorväter ist wirklich bewundernswert“, schwärmt er. ­75 Prozent des Trinkwassers für die Region werden in den vier eigenen Großwasserwerke in Naunhof, Canitz und Thallwitz erzeugt, der Rest wird durch Lieferungen eines Fernwasserversorgers abgedeckt. Über große Transportleitungen gelangt es zur Wasserversorgungsanlage Probstheida und von dort in die Haushalte. Rund 3.500 Kilometer lang ist das Trinkwassernetz unter den Straßen Leipzigs und der Region.

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Exklusive Einblicke in die Trinkwasseraufbereitung in Canitz, dem größten Wasserwerk der Leipziger Wasserwerke.

Um auch in Zukunft die Wasserversorgung für den Großraum Leipzig zu sichern, planen die Wasserwerke eine Neustrukturierung, berichtet Meyer. „Dazu gehört der Bau eines neuen Wasserwerks in Naunhof, Veränderungen an den Behältern und der Bau eines fehlenden Stücks im Leitungsring um Leipzig.“

Denkmalgeschütztes Jugendstil-Haus

Dann manövriert der Bus durch das Eingangstor des Wasserwerksgeländes. Auf dem Vorplatz, der mit Herbstlaub bedeckt ist, wartet schon Grit Schnitzer auf unsere Gruppe. Bevor es zur Tour ins Werk geht, versorgt die Fachbereichsleiterin Wasserwerke die Teilnehmer zunächst mit wichtigen Informationen zum Werk. Während Grit Schnitzer erzählt, kann man das hinter ihr liegende, denkmalgeschützte Wasserwerk bewundern: ein verschachteltes Gebäude aus der Jugendstilzeit – die Wände in hellem Gelb, das Dach schimmert blau – mit großen halbrunden Sprossenfenstern. Hier wird seit mehr als hundert Jahren aus Grundwasser und Uferfiltrat aus der Mulde Trinkwasser gewonnen.

Im Werk wird klar: Die Hülle ist historisch, die Technik und Anlagen dagegen hochmodern. Das Wasser wird in mehreren Stufen aufbereitet. Zuerst wird es belüftet und von Kohlensäure befreit, danach geht es durch mehrere Filter. Was sofort auffällt: Die Hallen sind blitzsauber. Eigentlich kein Wunder, schließlich wird hier mit dem Lebensmittel Wasser hantiert. Aber auch das fällt auf: Vom Wasser selber sieht man nichts. Es fließt durch die vielen Rohre, Leitungen, Becken und Tanks. Ein Brummen der Maschinen begleitet uns die gesamte Tour über.

Herzstück ist die große Halle. Durch die großen Fenster flutet das Tageslicht in den mehr als zehn Meter hohen Raum mit Klinker-Rundbögen und einer grünen Stahl-Konstruktion an der Decke. Gebaut wurde er für die großen Dampfmaschinen der Anfangsjahre. Heute schlängeln sich Rohre am Boden entlang, in der Mitte stehen vier große, blaue Tanks.

Prost! Frisch gezapftes Wasser

Wir folgen dem Weg des Wassers weiter bis zu einem unscheinbaren Wasserhahn am Ende eines Raumes. Hier zapft Grit Schnitzer das gerade aufbereitete Trinkwasser direkt aus den Leitungen ab. Na dann Prost! Nach einem Abstecher zur Betriebstechnik schauen wir uns noch die Brunnenanlage an. In den vergangenen Jahren wurden hier für zehn Millionen Euro knapp 100 neue Brunnen errichtet und die alten außer Betrieb genommen.

2 Fragen an: Grit Schnitzer, Fachbereichsleiterin Wasserwerke

Frau Schnitzer, was fasziniert Sie hier in Canitz und Thallwitz am meisten?Das Zusammenspiel verschiedener Dinge! Wir haben hier unsere Brunnen und Wasserwerke mit modernster Technik, über die wir das Trinkwasser für eine ganze Region fördern und verteilen. Dann gibt es rundherum die Idylle des Wasserguts, ohne dessen ökologische Landwirtschaft wir hier nicht so eine tolle Wasserqualität hätten. Und schließlich der Park Canitz, quasi als Ausflugsziel für die ganze Familie.

Führungen im Wasserwerk sind eher eine Seltenheit – was ist für Besucher am überraschendsten? Die meisten sind überrascht, dass sich hinter der alten, denkmalgeschützten Hülle so viel Technik befindet. Die meisten Besucher staunen über die Sauberkeit und die blitzenden Rohre hier. Dann sage ich immer: Wir gehen hier mit einem Lebensmittel um, da ist ein sorgsamer Umgang oberstes Gebot.

Gesehen haben wir aber noch längst nicht alles. Um die quasi erste Aufbereitungsstufe des Wassers – nämlich die Sauberkeit des geförderten Grundwassers – kümmern sich die Wasserwerke einfach selbst. 800 Hektar rund um das Wasserwerk werden vom Wassergut Canitz, einer hundertprozentigen Tochter der Wasserwerke, bewirtschaftet – und zwar nach strengen Bio-Standards.

Sich die Felder zu Fuß anzuschauen, würde wohl eine Tageswanderung bedeuten. Daher nimmt uns Geschäftsführer Dr. Bernhard Wagner mit auf eine Busfahrt. Vorbei geht es an Feldern, auf denen Getreide, Kartoffeln und Buschbohnen bereits geerntet sind. Auf anderen Flächen liegen die geernteten Zwiebeln zum Trocknen, bevor sie auf den Hof gebracht und dann über Transportbänder in Lkw verladen werden. „Wir gehen von einer überdurchschnittlichen Ernte in diesem Jahr aus“, sagt Wagner. Wichtig ist die Fruchtfolge: Damit der Boden – der bei Bio-Landwirtschaft zum Beispiel ohne Pflanzenschutzmittel und synthetische Dünger bearbeitet wird – nicht auslaugt, werden die Pflanzen in einer bestimmte Reihenfolge gepflanzt.

Rinder sorgen für Bio-Dünger

Neben dem Anbau von Getreide und Gemüse züchten die Landwirte auch Rinder – deren Dung übrigens den biologischen Dünger für die Felder liefert. „Auch wenn wir nach den geltenden Biostandards theoretisch bestimmte Dünger aufbringen könnten: Wir tun es nicht“, betont Wagner. Der Aufwand lohnt sich: Bei der Trinkwasseraufbereitung für die fast 700.000 Menschen in der Region müssen keine Pflanzenschutzmittel oder Nitratrückstände herausgefiltert werden.

Nachdem unsere Gruppe mit so vielen Eindrücken und Informationen versorgt wurde, klingt der Tag in der benachbarten Idylle des Park Canitz aus. Dann steht der Bus wieder bereit – und die Teilnehmer folgen dem Weg zurück von den Ursprüngen des Trinkwassers bis hin zu ihren Wasserhähnen nach Hause.

Drei Fragen an: Dr. Bernhard Wagner, Geschäftsführer Wassergut Canitz

Herr Wagner, ist es in Deutschland üblich, dass um ein Wasserwerk herum Biolandwirtschaft betrieben wird? Ich glaube schon, dass die Region hier Vorreiter war und ist. Die Münchner Stadtwerke machen das auch seit Anfang der Neunziger­jahre. Es ist inzwischen so, dass die gesamte Diskussion um die europäische Nitrat- und Wasserrahmenrichtlinie so scharf ist, dass sehr viele Wasserversorger dieses nachahmen wollen und müssen, um die Trinkwasserqualität sicherzustellen.

Unter welchem Bio-Siegel arbeiten Sie? Wir sind seit 1992 Biobetrieb und wirtschaften seit 2004 nach den Richtlinien von Bioland, die zu den härtesten gehören. Das betrifft zum Beispiel den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die Haltungsbedingungen der Tiere. Wir versuchen über ein gesundes Anbausystem, so gesund wie möglich zu produzieren. Mit unseren Ernteerträgen liegen wir meist über dem Bundesdurchschnitt. Insofern gibt uns das Anbausystem Recht.

Wo kann man Ihre Kartoffeln, Bohnen und Zwiebeln kaufen? Bei den Dimensionen, die wir hier haben, können wir diese Mengen nicht in einem Hofladen verkaufen. Unsere Waren landen bei den großen Handelsketten, bis hin auch zu Naturkosthändlern in der Region. Wir sind gerade dabei, hier eine eigene Marke zu entwickeln, sodass der Kunde unsere Produkte erwerben kann und so sein eigenes Trinkwasser schützt.

Von Nadine Marquardt