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Lokales Quidditch-Spieler in Leipzig auf der Jagd nach dem Schnatz
Leipzig Lokales Quidditch-Spieler in Leipzig auf der Jagd nach dem Schnatz
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18:36 14.07.2019
Kaum zu glauben, aber hinter dem Durcheinander aus Bällen, Stöcken, Spielern und Schiedsrichtern steckt tatsächlich ein System. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Den vier Bällen und sechs Toren auf dem Feld des LSV Südwest in Klein­zschocher ist gemeinsam, dass sie rund sind. Ein Stock klemmt allen zwölf Spielerinnen und Spielern zwischen den Beinen: das Überbleibsel eines Flugbesens. Sechs selbsternannte Meerjungfrauen stehen sechs Plastetüten gegenüber – ein Duell geradewegs aus dem Leben. Nach 18 Minuten ruft die Schiedsrichterin nach dem Schnatz. Daraufhin stürmen drei weitere Menschen die Wiese. Einer von ihnen trägt eine gelbe Hose, aus deren Bund hinten ein Tennisball in einer Socke baumelt. Wenn einer der anderen beiden das Ding ergattert, ist das Spiel aus.

200 Spieler aus der ganzen Welt versammelten sich in Leipzig zum großen Quidditch-Turnier

Willkommen in der verwirrenden Welt des Quidditch. Es ist ein junger Sport, eine Mischung aus Rugby, Völkerball und Handball. Die Teams sind gemischtgeschlechtlich – und, ja, der weltweit prominenteste Spieler ist eine Romanfigur. „Aber auf Harry Potter sprechen mich nur noch Journalisten an“, sagt Jan Kohler. Der 24-jährige Physikstudent ist Quidditch-Nationalspieler und Trainer der Leipziger „Looping Lux“, der Quidditch-Abteilung im LSV Südwest.

Am Wochenende haben dort rund 200 Spieler den zweiten „Wildlynx-Cup“ ausgetragen – jedenfalls zur Hälfte. Nach der Vorrunde am Samstag fielen die für Sonntag geplanten Platzierungsspiele ins Wasser: Der heftige Regen vom Vorabend hatte unbespielbare Plätze hinterlassen. Aus Polen und Dänemark, aus Österreich und der Slowakei, aus dem Ruhrgebiet und Berlin, aus der Türkei, aus den USA und aus Australien waren sie nach Leipzig gereist. Einige von ihnen waren in Deutschland geblieben, nachdem zwei Wochen zuvor in Bamberg die Quidditch-Europameisterschaft stattgefunden hatte. Das deutsche Team ist dort Vierter geworden.

Wie Quidditch in die Türkei kam

Quidditch ist bei offiziellen Turnieren wie in Bamberg eine mindestens so ernste Angelegenheit wie seinerzeit in Hogwarts. Dagegen sind zwar auch beim „Wildlynx“-Wettkampf die Freudengesänge laut, wenn der Quaffel im Torkreis landet. Doch es ist erklärtermaßen ein Spaßturnier. Die zwölf 17er-Teams inklusive Auswechslerspieler sind jeweils aus mehreren Vereinen zusammengewürfelt und tragen maritime Bezeichnungen wie „Rettungsschwimmer“, „Hammerhaie“, „Gummienten“ oder „Guppys“ – passend zu den drei Spielfeldern namens Atlantik, Pazifik und Indischer Ozean.

In der Mannschaft der Surfer haben sich Kaan Bolat und Omar Haroun kennengelernt. Bolat ist 28, schreibt momentan an einer energiewirtschaftlichen Doktorarbeit und spielt in Ankara im Verein „Unicorn Quidditch“. Vor fünf Jahren habe er den Sport auf Youtube entdeckt, erzählt er, und mit Freunden beschlossen: „Wir bringen Quidditch in die Türkei.“

Haroun, 25, ist vor dem Krieg aus Syrien geflohen. Vor zwei Jahren spazierte er in Bonn zufällig am Training der „Rheinos“-Mannschaft vorbei. „Was ist das für ein seltsamer Sport?“, habe er sich gedacht. „Eine Woche später war ich selbst dabei.“ Die Quidditch-Konkurrenz werde schärfer, betonen beide. „Aber der Gemeinschaftsgedanke ist immer noch zentral“, fügt Bolat an. „Wichtiger für den Sport, als dass man ,Harry Potter‘ gelesen hat.“

Quidditch-Abschlussarbeit in Anthropologie

Ein spaßiges Kräftemessen wie das in Leipzig hilft dabei, die Verbundenheit aufrechtzuerhalten: Gegner der Ligen und der internationalen Turniere „spielen hier in ein und demselben Team“, erläutert Organisatorin und Spielerin Johanna Rex, 23. Die Teilnehmer zelten gemeinsam auf dem LSV-Gelände und spülen zusammen ab. Während des Unwetters am Samstagabend haben die Leipziger die auswärtigen Camper rasch auf ihre eigenen Wohnungen und aufs Vereinsheim verteilt. Die 26-jährige Maria Abramczyk, hier in Reihen der „Gelben U-Boote“ und sonst bei den „Kraków Dragons“ aktiv, bestätigt die Bedeutung solcher Treffen für die wachsende Szene. Die Polin muss es wissen: Für ihre Abschlussarbeit in Anthropologie erforschte sie die kurze Geschichte und soziale Bedeutung des Quidditch. Nicht die komplizierten Regeln machten die Leibesübung einzigartig unter den Ballsportarten, sagt sie: „Sondern das Gemeinschaftsgefühl und die Tatsache, dass es im Quidditch keine Trennung der Geschlechter gibt.“

Als realexistierender Sport wurde das Ganze 2005 in den USA entwickelt. In Europa ist Deutschland die emsigste Quidditch-Nation. Rund 40 Teams mit mehr als 1000 Spielern sind beim Deutschen Quidditchbund gemeldet. Dessen Präsident Niklas Müller vom Bochumer Verein „Ruhr-Phoenix“ hat selbstredend auch am Leipziger Turnier teilgenommen – als Spieler der „Kraken“, außerdem als Schiedsrichter. Und nein, anders als es J.K. Rowling in ihrem Buch „Quidditch im Wandel der Zeiten“ schreibt, sei es in seiner Amtszeit noch nicht vorgekommen, dass ein Schiedsrichter einfach verschwindet und erst Monate später in der Sahara wieder auftaucht.

Besenstiel zwischen den Beinen

Vielleicht liegt das auch daran, dass sich die Regeln im Vergleich zu den Partien in Hogwarts verändert haben – und zwar nicht nur aus dem Grund, dass normalsterbliche Muggels sich zwar einen Besenstiel zwischen die Beine klemmen, aber dadurch noch lange nicht fliegen können. Ein dritter Klatscher-Ball beispielsweise wurde eingeführt, um die Chancengleichheit zu erhöhen: Die beiden Treiber eines Teams können per Klatscher-Treffer einen der gegnerischen drei Jäger zeitweise aus dem Spiel nehmen, bevor dieser den Quaffel-Volleyball in eines der drei Torkreise wirft und dafür zehn Punkte erhält. Den Schnatz zu erobern, gibt nur noch 30 Punkte und nicht 150 wie im Roman, „weil sonst das ganze Spiel davor sinnlos wäre“, sagt Müller.

Als die Möwen gegen die Piraten antreten, ist die 23-jährige Ida Meyenberg der Schnatz. „Beweglichkeit ist wichtiger als Kraft“, erklärt die Passauer Studentin die Herausforderung. Nur in Konfrontation mit dem leibhaftigen Harry Potter würde wohl nicht einmal die größte Agilität etwas nutzen: Der Zauberschüler ist auf der Suche nach dem Schnatz bekanntlich ein Ausnahmetalent.

Von Mathias Wöbking

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