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Lokales Reise in die Unterwelt: Tour durch das Abwasserkanalnetz unter dem Leipziger Ring
Leipzig Lokales Reise in die Unterwelt: Tour durch das Abwasserkanalnetz unter dem Leipziger Ring
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14:17 23.09.2019
Norbert Dath erklärt, wie das Abwasser und Regenwasser durch die Leipziger Mischwasserkanalisation geleitet werden.
Norbert Dath erklärt, wie das Abwasser und Regenwasser durch die Leipziger Mischwasserkanalisation geleitet werden. Quelle: Leipziger Wasserwerke/Bertram Bölkow
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Leipzig

Goerdelerring, Ecke Pfaffendorfer Straße: Pünktlich um 9 sind alle vor dem Platz am Hotel Fürstenhof da. Die acht Männer und zwei Frauen haben über die LVZ eine Tour durch die Leipziger Kanalisation gewonnen. Bevor es runter geht, gibt uns Dr. Ulrich Meyer, Technischer Geschäftsführer der Leipziger Wasserwerke, bei Kaffee und Häppchen eine kurze Einführung in das 3.000 Kilometer lange Abwasserkanalnetz, das unsichtbar unter Leipzig und der Region entlang läuft.

Während ihm die Teilnehmer gespannt zuhören, fährt auf dem Platz ein Kleintransporter der Wasserwerke vor. Vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steigen aus, um alles vorzubereiten. Sie stellen Bänke auf, auf denen sie Schutzanzüge, Helme und Handschuhe für alle bereitlegen, reihen gelbe Gummistiefel auf – und legen sogar einen Teppich hin, sodass sich alle bequem umziehen können.

Wie bestellt, bricht auch die Sonne hinter den Wolken hervor. Gutes Wetter ist die erste Bedingung, damit ein Kanaleinstieg überhaupt möglich ist. Der Schachtdeckel ist geöffnet und das Areal mit Warnschildern gesichert.

3.000 Kilometer lang ist das Abwasserkanalnetz, das unsichtbar unter Leipzig und der Region entlang läuft. Zehn LVZ-Leser hatten die seltene Gelegenheit, sich einen Kanal von unten anzuschauen.

Schutzanzug, Gummistiefel, Gurt, Helm und Handschuhe

Dann nimmt Norbert Dath die Gruppe in Empfang. Der 57-Jährige arbeitet seit fast 40 Jahren bei den Wasserwerken und kennt die Kanäle wie seine Westentasche. „Ich nehme Sie mit auf eine Reise durch die Unterwelt“, sagt Dath. Aber zuerst heißt es umziehen. Die ­Teilnehmer ziehen die weißen Schutzanzüge aus ihren Verpackungen, stellen ihre Helme auf die richtige Größe ein, suchen Gummistiefel in ihrer Größe und lassen sich von den Wasserwerke-Mitarbeitern Sicherheitsgurte für den Abstieg anlegen.

Alle sind fertig in Montur – aber erst mal machen wir einen kleinen Spaziergang, laufen über die Ampel in Richtung Naturkundemuseum. Hinter dem Parkplatz verläuft der Elstermühlgraben. Hier ist ein Regenauslass. Wenn es stark regnet und der Kanal voll ist, kann das verdünnte Mischwasser hier über eine Schwelle ablaufen, damit es nicht auf Straßen oder in Häuser zurückstaut. Nur rund hundert Meter sind wir gerade von der Einstiegsstelle bis hierher gelaufen. „Aber wenn wir unten sind, in der Dunkelheit, verliert man das Gefühl für die Entfernung.“

Was auch hier schon deutlich zu sehen ist: In Leipzig landet vieles in der Toilette, was dort nicht hineingehört, unter anderem Feuchttücher, Tampons, Binden und Kondome . Unten, am Rand des Elstermühlgrabens ist der unterste Ast eines kleinen Bäumchens behangen mit den Überresten, die hier aus den Kanälen angeschwemmt werden. Norbert Dath versteht es, wenn sich die Bürger darüber aufregen, dass so etwas in den Flüssen landet. „Da stimmen wir vollkommen zu. Aber das Abwasser machen die Menschen, nicht wir. Eigentlich sollte allen klar sein, was in die Toilette gehört – und was nicht.“

Auch Reporter Markus Resenski war bei der Tour in den Untergrund dabei:

Es geht zurück zum Kanalschacht. Darüber steht ein dreibeiniges Gestell. Der Einstieg ist keine 80 Zentimeter breit. Ein Gestänge ragt heraus, darunter verläuft eine schmale Leiter nach unten. Norbert Dath steigt zuerst ab. Mit einem Haken wird sein Gurt mit dem Gestell verbunden, sodass er jederzeit beim Abstieg gesichert ist. Nach und nach folgen die Teilnehmer.

Unten heißt es erst mal hinhocken, denn stehen können wir in dem nur rund 1,40 Meter hohen Kanal nicht. Was überrascht: Es riecht fast gar nicht so, wie man sich einen Abwasserkanal vorstellt. Es riecht eher nach feuchtem Keller. Durch das Tonnengewölbe aus Klinker geht es in gebückter Haltung in Richtung des Überlaufes, den wir gerade von oben gesehen haben. Ständig hört man es klacken, wenn ein Helm mal wieder an die Decke gestoßen ist. Licht spenden ein paar Helm- und Handlampen. Es dröhnt im Kanal, wenn eine Straßenbahn über den Ring fährt. Und es stimmt: Der Weg kommt einem in der Dunkelheit länger vor als oben.

Dann sind wir am Überlauf – ein hoher verputzter Raum. Kaum vorstellbar, dass dieser bis zum Rand voll laufen soll – heute steht das Wasser nicht sehr hoch. Leipzig hat überwiegend ein Mischwassernetz. Das heißt, Abwasser und Regenwasser laufen in den gleichen Kanälen ab. Für Starkregen sind Auslässe wie dieser hier wichtig. „Sonst würde das Abwasser nicht mehr abfließen und Straßen und Tiefpunkte fluten. Oder Sie würden nasse Keller bekommen, weil das Wasser bis in die Hausanschlüsse zurückdrückt“, erklärt Norbert Dath.

Geruch nach fauligen Eiern

Wir gehen – wieder in gebückter Haltung – zurück zur Einstiegsstelle und von da aus etwa hundert Meter weiter zum eigentlichen Abwasserkanal. Hier können die meisten von uns wieder aufrecht stehen. Der Kanal ist rund drei Meter breit und 2,50 Meter hoch, daneben verläuft ein schmaler Steg, auf dem wir laufen können. Am Geländer haben sich Reste von Feuchttüchern und Hygieneartikeln verfangen. Mehr als hundert Jahre alt ist diese Klinkerkonstruktion – so wie viele Leipziger Kanäle. Und noch voll funktionstüchtig. Norbert Dath läuft – in Wathosen, die bis zu den Oberschenkeln reichen – durch das rund zehn Zentimeter hohe Abwasser neben uns her. Die braune Brühe fließt recht schnell vorbei und immer wieder auch Fäkalien, Reste von Klopapier und feuchtem Toilettenpapier. Der Geruch hat sich verändert: nicht mehr wie feuchter Keller, sondern eher nach fauligen Eiern. Das ist nicht gerade angenehm, ist aber erträglich.

Von hier aus kann man unterirdisch bis zum fünf Kilometer entfernten Straßenbahnhof Reudnitz laufen. „Es begeistert mich immer wieder, wie man damals in dieser Größenordnung einen Kanal bauen konnte, in dem das Abwasser von A nach B perfekt abfließt“, sagt Dath mit Begeisterung. Er nimmt sich kurz den Schutzhelm ab, um sich den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen. Denn es ist warm hier unten. Die dichten Schutzanzüge und festen Handschuhe bringen auch uns Teilnehmer ins Schwitzen.

Das feuchte Klima ist auch eine Herausforderung bei der Sanierung der Kanäle. Regelmäßig wird das Netz auf Schäden untersucht und dort wo nötig, repariert oder saniert. Jedes Jahr zehn bis 15 Kilometer. Seit 2016 haben die Wasserwerke allein dafür rund 55 Millionen Euro investiert. „Am aufwendigsten ist das Drumherum: Abwasser umleiten, Kanal trockenlegen und vom Netz nehmen“, erklärt Dath. Die Arbeiter, meist Maurer, sind fünf bis sechs Stunden ununterbrochen unten im Kanal. Ein harter Job im Verborgenen, findet Dath, der sich von manchen Anwohnern mehr Verständnis erhoffen würde.

Glitzernde Kanalwände

Wir gehen noch ein Stück weiter bis zu einem Rohr, das in den Kanal mündet – der Hausanschluss vom Hotel Fürstenhof. Hier ist noch die ursprüngliche Form des Rohrs erkennbar, ein umgedrehtes Ei. „In Leipzig sind viele Ei­profile gebaut worden“, erklärt Dath. Während bei Regen der obere, dickere Teil als Stauraum dient, kann das Abwasser bei Trockenwetter durch den unteren, schmaleren Teil immer gut abfließen.

Ein Teilnehmer macht auf den glitzernden Belag aufmerksam, der auf vielen Steinen zu sehen ist. „Das ist Sinter oder Kalk aus den Klinkern“, sagt der Kanalexperte. „Das kommt uns entgegen, denn durch den Kalk setzen sich die feinen Risse wieder zu.“

Was uns gar nicht auf dem Weg durch die Leipziger Unterwelt begegnet, sind Ratten. Kein Wunder, sagt Norbert Dath. „Hier gibt es nichts Frisches zu essen.“ Ratten würde es eher in den Hausanschlüssen geben – wenn über die Toilette Essensreste entsorgt werden.

Die Tour ist vorbei, langsam klettern wir nacheinander die Sprossen wieder hoch ans Tageslicht. Alle sind froh, die warmen Schutzanzüge ausziehen zu können und die Gummistiefel gegen die eigenen Schuhe zu tauschen – und lächeln trotzdem glücklich über diesen doch etwas anderen Stadtrundgang durch die Leipziger Unterwelt.

3 Fragen an: Norbert Dath, Mitarbeiter Kanalnetzmanagement Wasserwerke Leipzig

Herr Dath, was ist am spannendsten oder interessantesten, wenn Sie Besuchergruppen durch die Kanalisation führen?

Zunächst mal: Kanaleinstiege für interessierte Bürger sind eine große Ausnahme, weil sie wenn, dann im laufenden Betrieb stattfinden. Keiner rechnet mit dieser Größe. Auch der Geruch – manche stellen es sich schlimmer vor. Manche denken auch, dass das Abwasser versteckt lang läuft. Aber nein, es fließt hier offen.

War es Ihr Traumberuf?

Im Nachhinein lässt sich das natürlich schwierig sagen. Aber 40 Jahre in einem Unternehmen arbeiten zu dürfen, das muss man erst mal schaffen. Als Lehrling fand ich es besser, den Gullideckel anzuheben und im Kanal zu arbeiten, als den ganzen Tag auf der Straße zu buddeln. Das war dann mein Berufswunsch, ich wollte zum Abwasser.

Was sind die größten Herausforderungen bei Ihrer Arbeit?

Das sind gar nicht mal nur die technischen Herausforderungen, kleine enge Kanäle oder der Geruch. Es sind auch Begleiterscheinungen der modernen Großstadt, die uns wirklich zu schaffen machen. Wenn Pumpen ausfallen, weil sich darin Feuchttücher verknotet haben. Das müssen wir in Handarbeit rausholen. Und verursacht auch Kosten, die am Ende alle tragen müssen.

Von Nadine Marquardt

22.09.2019
22.10.2019