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Lokales Retter sucht Leipziger DDR-Flüchtling von 1989
Leipzig Lokales Retter sucht Leipziger DDR-Flüchtling von 1989
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14:26 30.06.2019
Chaotische Situation: Ansturm Hunderter DDR-Bürger an der Grenze von Ungarn zu Österreich. Quelle: privat
Leipzig

Wahrscheinlich waren es nur einige Sekunden. Doch zwischen Schock und Erlösung dehnte sich für ein Elternpaar an jenem 19. August 1989 die Zeit: Bei der Flucht während des so genannten Paneuropäischen Picknicks an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich verloren die beiden mutmaßlichen Leipziger ihren Sohn – bis ein österreichischer Zollbeamter beherzt eingriff und die Familie wieder zusammenbrachte. Dieser Mann heißt Walter Horvath. Auch 30 Jahre danach erinnert er sich genau an diesen außergewöhnlichen Tag, an dem der Eiserne Vorhang einen ersten vorentscheidenden Riss bekam – und wüsste zu gern, was aus dem Jungen von 1989 geworden ist.

Auf Gorbatschows Reaktion gespannt

Es war ein warmer Sommertag, an dem Ungarn ein Experiment wagte: Mit offiziellem Einverständnis schufen das oppositionelle ungarische Demokratische Forum und die Paneuropa-Union von 15 bis 18 Uhr einen improvisierten Grenzübergang. Mit dem geplanten Picknick wollte man die Reaktion Gorbatschows auf eine Grenzöffnung testen und machte unter DDR-Bürgern durch Flugzettel Werbung dafür.

Hunderte drücken das Tor auf

Horvath, damals Zollamt-Mitarbeiter in Klingenbach, war am so genannten „Tor von St. Margarethen“ zur Grenzsicherung und Dokumentenkontrolle bei der Ein- und Ausreise der Grenzgänger eingeteilt. Nach dem symbolischen Durchtrennen des Stacheldrahts um 15 Uhr drückten zwischen 600 und 700 DDR-Bürger mehrfach das Tor auf und rannten auf die österreichische Seite. Die von der Vehemenz und Zahl des Ansturms überraschten ungarischen Grenzsoldaten blieben besonnen und schritten trotz chaotischer Bedingungen nicht ein.

.Vor dem Ansturm: Walter Horvath (r.) mit einem österreichischen Kollegen (l.) und dem ungarischen Einsatzleiter am Grenzzaun. Quelle: privat

In diesem Wirrwarr aus flüchtenden Menschen hörte Horvath plötzlich verzweifelte Rufe. Er bemerkte eine Frau und einen Mann, die auf der österreichischen Seite panisch in der Nähe des Gittertores umherirrten. „Der Vater erklärte mir mit Tränen in den Augen, dass die ungarischen Beamten das Tor geschlossen hatten, als ihr Sohn noch auf deren Seite war – festgehalten von den Sicherheitskräften“, berichtet der inzwischen pensionierte Beamte. Der völlig aufgelöste Mann deutete auf einen Jungen in Jeansanzug.

„Dieser Junge muss mit“

Horvath wusste, dass die Zeit knapp war. Ohne einen Vorgesetzten zu fragen, drückte er sich durch den Spalt des angelehnten Tores und drang bis zu dem Feldwebel durch, der den Jungen bei sich hatte. Der jedoch war an den Befehl gebunden, niemanden mehr auf die andere Seite zu lassen. „Dieser Junge muss trotzdem noch mit“, beharrte Horvath. Einsatzleiter, Oberstleutnant Árpád Bella, hatte die Szene beobachtet und wusste, dass er eine Entscheidung treffen musste, um die angespannte Situation zu entschärfen. Der direkte Befehl, das Kind freizulassen, hätte einen Verstoß mit drastischen Folgen für Bella bedeutet.

Kluge Entscheidung

Der Oberstleutnant traf instinktiv eine kluge Entscheidung. „Ich beorderte den Feldwebel zu mir, wodurch das Kind unbewacht allein zurückblieb“, erzählt er rückblickend. Seine Rechnung, Horvath würde die Chance nutzen, ging auf: Der Zollbeamte ergriff die Hand des Kindes und brachte es auf die österreichische Seite. „Schnell, lauf du zu deinen Eltern“, rief er. Weinend und unter dem Jubel der Umstehenden schloss das junge Paar seinen Sohn in die Arme. „Auch für mich war das ein sehr emotionaler Moment“, sagt der österreichische Retter heute gegenüber der LVZ, „ich habe ein großes Glücksgefühl verspürt!".

Buch über den Sommer 89

Die Schilderungen des heute 62-Jährigen hat sein Landsmann Wolfgang Bachkönig anlässlich von 30 Jahren nach Ende des Eisernen Vorhangs in seinem Buch „Sommer 1989“ notiert, das 53 Zeitzeugen erzählen lässt, 17 davon sind ehemalige DDR-Flüchtlinge. Im Juli wird die Veröffentlichung im österreichischen Burgenland präsentiert. Auch für den Chronisten Bachkönig wäre es eine Sensation, würde ein Kontakt zu dem damals geretteten Jungen zu Stande kommen. „Erst recht, weil die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering ist“, so der Autor.

Suche nach Sven aus Leipzig

Laut eines damaligen Kurzberichts der Bild-Zeitung über die dramatischen Ereignisse am Grenzzaun soll der Junge im blauen Jeansanzug Sven geheißen haben, zehn Jahre alt und aus Leipzig gewesen sein. Nach Angaben Bachkönigs handelte es sich um einen Achtjährigen.

Ärger nach der Rettung

Durch ihr eigenmächtiges Vorgehen bekamen sowohl der österreichische Grenzbeamte als auch der Einsatzkommandant Bella zunächst Ärger. Die jeweiligen Vorgesetzten warfen ihnen Fehlverhalten vor und kündigten Disziplinarverfahren an. Tatsächliche Konsequenzen erfuhr Walter Horvath letztlich nie, und gegen den Ungarn wurde das eingeleitete Verfahren bald eingestellt. Bella ist noch immer froh über sein damaliges Ablenkungsmanöver, und der Österreicher spürt auch nach 30 Jahren „unendliche Freude darüber, dass ich der Familie helfen konnte“. Sein großer Wunsch: das heute längst erwachsene Kind persönlich kennenzulernen.

Hinweise zum Thema können gemailt werden an m.daniel@lvz.de; das Buch „Sommer 1989 – 30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs“ erscheint im Verlag Aumayer und kann per Mail an office@aumayer.co.at zum Preis von 24,50 Euro bestellt werden.

Von Mark Daniel

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