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Lokales Schmutz, Erbrochenes, Tampons: So verdrecken Passagiere unsere Straßenbahnen
Leipzig Lokales Schmutz, Erbrochenes, Tampons: So verdrecken Passagiere unsere Straßenbahnen
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07:41 22.08.2019
Traurige Realität: In den Straßenbahnen der LVB scheren sich nicht alle Fahrgäste um die Verhaltensregeln. Quelle: privat
Leipzig

Die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) müssen immer mehr Aufwand betreiben, um die Sauberkeit in ihren Straßenbahnen und Bussen sicher zu stellen: Weil immer mehr Fahrgäste einsteigen, wächst die Verschmutzung in den Fahrzeugen. Fotos belegen, dass es auch zu mutwilligen Verschmutzungen kommt: Es gibt Fahrgäste, die nackt mitfahren oder dort ihre Hygieneartikel hinterlassen. Manche schlafen in den Bahnen.

Reinigen die LVB ihre Fahrzeuge nicht sorgsam genug? Das Unternehmen widerspricht deutlich. „Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass jede Bahn unsere Betriebshöfe am Morgen sauber verlässt“, sagt Thomas Liebau, der im LVB-Tochterunternehmen Leipziger Servicebetriebe (LSB) für die Reinigung von Bussen und Bahnen zuständig ist.

Trotz Verbots wird gegessen

Stein des Anstoßes sind vor allem die Sitze, denn diese werden täglich von vielen Menschen benutzt – und verschmutzt. „Bei 300 000 Fahrgästen am Tag sind einige dabei, die ihre Füße auf die Polster legen“, schildert LVB-Sprecher Marc Backhaus. Und obwohl Essen und Trinken in der Bahn verboten sind, packt mancher seinen Döner aus oder verkippt einen Schluck Kaffee. „Einige Mütter lassen auch kleine Kinder auf den Sitzen stehen und durch die Fenster nach draußen schauen, obwohl die kurz vorher mit ihren Schuhen im Sandkasten waren“, schildert Backhaus.

Die Fahrer versuchen gegenzusteuern, reagieren mit Durchsagen. Viel mehr können sie während der Fahrt nicht tun. An den Endstellen bleiben meist nur wenige Minuten – zu wenig, um die Bahnen komplett von Schmutz oder Weggeworfenem zu befreien.

Das LVB-Tochterunternehmen Leipziger Servicebetriebe (LSB) reinigt Busse und Bahnen.

Stoffpolster sind bequem – und anspruchsvoll

„An den Stoffpolstern gibt es Spuren von Körperschweiß, Nasenpopeln, Döner-Sauce, Kaugummis, Speiseeis, zuckerhaltigen Getränken, schmutziger Arbeitskleidung und vieles andere mehr“, schrieb ein ehemaliger Fahrer an die LVZ, der 29 Jahre für die LVB fuhr. Viele 1000 Fahrgäste würden sich „tagtäglich auf diesen, zum großen Teil versifften Sitzen, niederlassen und sich anschließend mit selbiger Kleidung auf die heimische Couch begeben“.

Könnte man nicht die anfälligen Stoffpolster durch robustes und pflegeleichtes Kunstleder ersetzen? Mit Blick auf die Reinigungsabläufe würde Thomas Liebau von den LSB das begrüßen. Das würde die Reinigung enorm erleichtern, meint der Experte.

Was andere mutwillig schmutzig machen, muss Falk Ackermann im Straßenbahnhof Angerbrücke Nacht für Nacht mühsam reinigen. Die Schicht des 51-Jährigen dauert bis früh 4.30 Uhr. Dann rollen die gereinigten Straßenbahnen in den regulären Fahrdienst. Quelle: Kempner

„Fahrgastwunsch wird respektiert“

Doch das wird nicht passieren. Der Grund: Im Jahr 2013 ließen die LVB ihre Fahrgäste mehrere Monate lang vier Sitzmodelle in einer speziellen Leoliner-Bahn testen. Dabei gingen die Polstersitze als eindeutiger Sieger hervor. 41 Prozent der 7000 Befragten – bei Stammkunden sogar 70 Prozent – entschieden sich damals für dieses Modell und kegelten damit die Sitze aus Kunststoff und Holz aus dem Rennen. An diesem Votum will heute bei den LVB niemand mehr rütteln. Aber ob die Fahrgäste bei ihrer Entscheidung vor sechs Jahren an die Reinigung der Polster gedacht haben?

Täglich wird „bedarfsgerecht“ gereinigt

Angesichts des Zustandes vieler Sitze, vor allem in den älteren Bahnen, kritisiert ein Leser auch die Reinigung an sich. Es werde „lediglich mit einem ohnehin schon verdreckten und halbnassen Putzlappen der vorhandene Schmutz breitgeschmiert“. Reinigungschef Thomas Liebau weist solche Vorwürfe entschieden zurück. Jede im Einsatz befindliche LVB-Bahn werde täglich zwischen 19 und 4.30 Uhr in den fünf Betriebshöfen der LVB in Augenschein genommen und gereinigt, betont er. „Anschließend verlassen sie sauber die Betriebshöfe“, erklärt er. Einige Bahnen würden allerdings schon kurze Zeit später wieder ganz anders aussehen.

Auf den Betriebshöfen findet jede Nacht eine sogenannte „bedarfsgerechte Reinigung“ statt, bei der das 30-köpfige Team der LSB-Saubermänner selbstständig entscheidet, welche Reinigungsleistungen durchgeführt werden. „Beispielsweise entfernen wir Fettfinger an den Fenstern und Trittspuren auf dem Fußboden oder wir wischen auch komplett durch“, erzählt Liebau. Dafür existieren Vorgabezeiten; ein Vorarbeiter nimmt im Anschluss jede Bahn ab. „Stellen wir bei so einer Tagesreinigung fest, dass ein Sitz verschlissen ist, dann wird er schnellstmöglich ausgetauscht“, betont Liebau. Pro Jahr würden etwa 1000 der insgesamt 10 500 Sitze gewechselt.

Sprühextrahiergerät für schwere Fälle

Aufwendiger ist die sogenannte Zwischenreinigung, die die Busse und Straßenbahnen der LVB alle 30 Tage durchlaufen. Dann werden die Böden intensiv gereinigt, Seitenwände, Fenster und Haltestangen abgewischt, Polster abgebürstet und -gesaugt.

Alle 60 Tage werden die Sitze mit einen Sprühextrahiergerät gereinigt, das Reinigungsflüssigkeit in die Stoffpolster pumpt und mit dem gelösten Schmutz wieder aussaugt. Mitarbeiter wie Falk Ackermann haben dafür pro Bahn drei Stunden Zeit. „Manchmal ist Schokolade an den Sitzen, auch Graffiti oder Malereien mit einem Edding“, erzählt der 51-jährige Ackermann. Doch nicht jeder Fleck im Stoff sei wirklich Schmutz. „Oft ist nur der dünne Flor abgerieben – man kann sich aber draufsetzen“, sagt Liebau. Solche Sitze würden dann weiter genutzt. Sitze, die nicht verschlissen oder beschädigt sind, bleiben bis zur nächsten Hauptuntersuchung in der Bahn – also acht Jahre lang.

Schwieriger Umgang mit Obdachlosen

Die LVB wissen, dass auch Obdachlose sowie psychisch Kranke in ihre Bahnen einsteigen – und häufig einfach nur mitfahren wollen. Fahrgäste fühlen sich dann manchmal gestört, weil diese Menschen häufig schmutzig sind und mitunter unangenehm riechen. „Vor allem im Winter zieht es Obdachlose in unsere Bahnen“, erzählt Backhaus. „Sie bleiben an den Endstellen in den Fahrzeugen und folgen nicht den Aufforderungen des Fahrpersonals.“

Die LVB hätten lange Zeit nicht richtig gewusst, wie sie mit solchen Menschen umgehen sollen, räumt Backhaus ein. „Wir hatten Bauchschmerzen, sie einfach vor die Tür zu setzen“, sagt er. Inzwischen glaube man, eine Lösung gefunden zu haben. „Wir arbeiten eng mit Kliniken, Sucht- und Obdachlosenzentrum zusammen“, erzählt er. Mit ihnen sei vereinbart worden, dass sie solche Fahrgäste künftig an den Endstellen abholen. „Wir selber können das nicht leisten“, so der Sprecher. Diese Einrichtungen seien darauf spezialisiert.

Codewort „Pizzabahn“

Auch ein anderes Problem macht den LVB zu schaffen: Fahrgäste, die sich in der Bahn übergeben – sei es aus Trunkenheit oder anderen Gründen. Unter den Fahrern von Straßenbahnen und Bussen hat sich inzwischen der Hilferuf „Pizzabahn“ eingeschlichen: Mit diesem Code-Wort wird der Zentrale mitgeteilt, wenn sich in einer Bahn ein Fahrgast übergeben hat – und das Erbrochene umgehend entfernt werden muss. „Dann schicken wir Mitarbeiter los, die wir aus dem normalen Dienst herausnehmen“, schildert Liebau. „Natürlich geht das nur in Einzelfällen.“

Es gab auch Überlegungen, diesen mobilen Reinigungsdienst auszudehnen. „Wir sind nicht in der Lage, an jeder Endstelle ständig einen Reinigungstrupp zu stationieren, um spontan bei Bedarf zu säubern“, sagt er. „Aber denkbar wäre eine Art ständige mobile Eingreiftruppe, die tagsüber zu verschmutzten Bahnen fährt, um sie wieder auf Vordermann zu bringen. Doch das Team wäre nie an der richtigen Stelle, sodass wir erheblich verdreckte Bahnen lieber kurzfristig rausnehmen und dann erst nach der Reinigung im Betriebshof wieder ins Netz schicken.“

Von Andreas Tappert

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