Schulbeginn erst kurz vor 9 Uhr: Leipziger Gymnasium plant Umstrukturierung
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Schulbeginn erst kurz vor 9 Uhr: Leipziger Gymnasium plant Umstrukturierung

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09:48 09.07.2021
Ab September klingelt der Wecker für einige Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums an der Karl-Heine-Straße später.
Ab September klingelt der Wecker für einige Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums an der Karl-Heine-Straße später. Quelle: Patrick Pleul / dpa
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Leipzig

Der Wecker klingelt kurz nach Sonnenaufgang, ein schnelles Frühstück muss reichen, müde geht es in die Straßenbahn, weil nach 7 Uhr der Unterricht beginnt: So in etwa sieht der übliche Tagesanfang für die meisten Schülerinnen und Schüler aus. Das Gymnasium an der Karl-Heine-Straße in Leipzig stellt diesen nun allerdings auf den Prüfstand, verschiebt den Schulstart ab September mehr in den Vormittag hinein. Das lässt sich wissenschaftlich begründen, ist aber nicht gänzlich unumstritten.

„Der Unterrichtsbeginn für die Klassen sieben bis neun wird im kommenden Schuljahr in der Regel um 8.50 Uhr sein“, erklärt Direktorin Mandy Frömmel. Die Verlegung sei vorerst ein Testlauf und damit auf das kommende Schuljahr begrenzt. Danach soll neu entschieden werden. Für die Jüngeren in den Stufen fünf und sechs bleibe es vorerst noch beim Start um 8 Uhr. Ältere Lernende gibt es am noch jungen Gymnasium im Leipziger Westen bisher nicht, das im Sommer vom Interim ins neue Domizil an der Karl-Heine-Straße umziehen wird. Das bietet Anlass, auch die Organisation noch einmal neu zu denken.

Die Gebäude der Schule an der Karl-Heine-Straße liegen idyllisch am Clara-Zetkin-Park. Quelle: Nora Börding

Neue Strukturen für „gehirngerechtes Lernen“

„Ausreichend Schlaf ist einer der zentralen Punkte beim Lernen, für die Konzentration und damit für eine optimierte Nutzung der Leistungskurven“, argumentiert die Schulleiterin. Ziel der neuen Anfangszeit sei ein gesunder, bestmöglicher strukturierter Schulalltag, „um ein gehirngerechtes Lernen zu ermöglichen“. Zudem könne die Nutzung der Verkehrsmittel und Radwege am Morgen entzerrt werden – was zur Sicherheit aller beitrage.

Für ihren Feldversuch beruft sich die Schulleitung unter anderem auf eine Studie der Uni Leipzig aus dem Jahr 2006. Damals wurden an der Fakultät für Biologie Studierende zu ihrem Biorhythmus befragt und festgestellt, dass Frühaufsteher („Lerchen“) bessere Abiturnoten mitgebracht hatten als Nachtaktivere („Eulen“). Dies wurde als Hinweis gedeutet, dass ein späterer Unterrichtsbeginn allen mehr zugute kommen könnte.

In dem Gebäude-Komplex des neuen Gymnasiums war früher die Erziehungswissenschaftliche Fakultät der Uni Leipzig untergebracht. Quelle: Nora Börding

Professor Jonas Flöter lehrt heute an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät in Leipzig und kennt auch Studien mit Kindern als Probanden. Generell, so sagt er, ließen sich Schülerinnen und Schüler nicht in konkrete Chronotypen – mit jeweils ähnlichen Schlaf- und Wachphasen – einordnen. Der Rhythmus sei individueller. Tatsächlich ließen sich schulische Leistungen aber steigern, wenn der Unterricht besser auf die innere biologische Uhr abgestimmt wird. „Das bedeutet allerdings nicht, dass ein generell späterer Unterrichtsbeginn allen Schülerinnen und Schülern zu gute kommen würde“, so Flöter.

Studie zeigt Pro und Contra zu späterem Schulbeginn

Eine Studie der Universität in Santa Clara (USA) ist ähnlich unentschlossen. Neben positiven Effekten, wie besser ausgeruhten Kindern und besseren schulischen Resultaten auch bei Schülerinnen und Schülern mit geringerem Leistungsvermögen, gebe es auch kritische Punkte. So verkürze ein späterer Unterrichtsbeginn die Zeit am Nachmittag für Hausaufgaben und außerschulische Aktivitäten. Zudem könnte sich ein späterer Schulweg auch auf die Verkehrsströme insgesamt auswirken. Dennoch schreibt Studienleiterin Teny Maghakian: „Eine um eine Stunde verschobener Schulbeginn kann die gleiche Wirkung entfalten, wie eine um ein Drittel geringere Klassenstärke oder ein leistungsstärkerer Lehrer.“

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Rechtlich ist ein späterer Schulstart zumindest kein Problem, die sächsischen Schulverordnungen lassen für alle Schulformen bis 9 Uhr Spielraum. Allerdings müssten die Anfangszeiten jeweils gemeinsam in Schulkonferenzen festgelegt werden. Laut Elternrat des Karl-Heine-Gymnasiums waren Schüler und Eltern in die Entscheidung eingebunden. „Es gab Zustimmungen, ablehnende Haltungen und explizit enthaltende Rückmeldungen“, so die Sprecher Konstanze Bayerodt und Markus Maier.

Einschränkungen auf den Nachmittag werden evaluiert

Der Schülerrat habe in der Debatte noch erwirkt, dass der Unterricht trotz späterem Beginn maximal bis 15.30 Uhr andauern wird. Inwieweit sich trotzdem Einschränkungen am Nachmittag ergeben, zum Beispiel bei Vereinssport oder Zeit mit Freunden, muss abgewartet werden. „Wie nützlich die neue Rhythmisierung für unsere Kinder und Jugendlichen ist und welche Herausforderungen sich im Zusammenhang damit zeigen, wird in der festgelegten Testphase evaluiert“, so Schulleiterin Mandy Frömmel.

Foto mit Filter: Das Karl-Heine-Gymnasium im Leipziger Westen. Quelle: Nora Börding

Erziehungswissenschaftler Flöter sieht auch historische Gründe für gewisse Vorbehalte. „Der frühe Unterrichtsbeginn ist sicher ein kulturelles Phänomen, das am frühen Arbeitsbeginn der Industriegesellschaft orientiert ist“, sagt er. Da sich in der heutigen Zeit allerdings auch die Arbeitswelten weniger starr gestalteten, müsse generell über flexiblere Unterrichtszeiten nachgedacht werden. „Im Zuge der Einführung von Ganztagsschulmodellen dürfte der spätere Unterrichtsbeginn kein Problem sein“, so Flöter.

Kommentar: Ein späterer Schulbeginn macht Sinn – ist aber anspruchsvoll

Von Matthias Puppe