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Lokales Selbst ohne Deiche würde Leipzigs Auwald nicht wie erhofft geflutet
Leipzig Lokales Selbst ohne Deiche würde Leipzigs Auwald nicht wie erhofft geflutet
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08:01 09.06.2019
Durchgerechnet: Obwohl bei diesem Szenario alle Deiche im Nordwesten geschliffen sind, würden bei einem „normalen Hochwasser, wie es alle fünf Jahre vorkommt, nicht alle Zielflächen des Auwaldes (hell- und dunkelgrau) geflutet. Quelle: Landestalsperrenverwaltung
Leipzig/Rötha

Es ist ein seit Jahren schwelender Konflikt: Die Naturschützer fordern ein Schleifen der Deiche im Leipziger Nordwesten, um den dahinterliegenden Auwald natürlich zu fluten und damit zu retten. Und die Hochwasserschützer warnen vor den unabsehbaren Folgen. In einer aufwändigen Analyse ist die Landestalsperrenverwaltung jetzt quasi über ihren Schatten gesprungen und hat errechnen lassen, was geschehen würde. Das Ergebnis überrascht.

Tief eingeschnitten: Die Flüsse entziehen dem Auwald im Leipziger Nordwesten sogar noch Wasser. Umweltschützer fordern deshalb immer wieder, alle Deiche zu entfernen, der Natur freien Lauf zu lassen. Was das für Folgen hätte, hat nun die Landestalsperrenverwaltung errechnen lassen. Quelle: Mathias Orbeck

Das Landesamt für Umwelt und Geologie hatte die Simulation vor rund anderthalb Jahren losgetreten. Die Landestalsperrenverwaltung nahm den Ball auf, die Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) übernahm die Rechenarbeit, nutzte dafür ein digitales Geländemodell. Ende Juni soll der Abschlussbericht vorliegen, die LVZ durfte vorab reinschauen.

Natur- oder Hochwasserschutz? Die das Szenario 2 zu entfernenden Deiche sind hier rot gekennzeichnet. Quelle: Landestalsperrenverwaltung

Es ging dabei nur um das Areal unterhalb des Elsterbeckens. Laut Managementplan des dortigen Flora-Fauna-Habitats liegen dort als Zielflächen 688 Hektar Hartholzaue und 354 Hektar sonstige schützenswerte Auen und Habitate. Kuriosum am Rande: Innerhalb des Auwaldes, der Wasser will, liegen weitere geschützte Bereiche, die nicht unter Wasser gehen dürfen – rund 189 Hektar sind kartiert.

Planspiel: Ohne Deiche würde der komplette Leipziger Nordwesten bei einem Hochwasser wie 2013 geflutet – aber nicht mal alle gewünschten Auwaldteile. Quelle: Landestalsperrenverwaltung

„Wir haben im Wesentlichen drei Szenarien untersucht“, erklärt Axel Bobbe vom für Leipzig zuständigen Betrieb Elbaue/Mulde/Untere Weiße Elster. Bei der Ist-Situation flutet ein Hochwasser, wie es statistisch alle fünf Jahre vorkommt (HQ5), kein Stück der Zielflächen. Anders bei der Maximalvariante. Dafür würden mit Ausnahme des nordseitigen Deiches der Luppe bei Möckern alle Deiche flussabwärts entfernt. „Aber statt der erhofften Flächen werden vor allem landwirtschaftlich genutzte Flächen im Wald bei Gundorf geflutet“, erklärt Bobbe das Ergebnis. „Und die Burgaue bekommt fast gar kein Wasser ab.“

Alle Brücken müssten angehoben werden

Die Planer rechneten daher eine noch extremere Variante zwei durch: Sie hoben die Sohle der Neuen Luppe auf einer Länge von zehn Kilometern und die der Nahle auf zwei Kilometern um bis zu drei Meter an – alles rein hypothetisch, versteht sich. Die Eingriffe seien aus wasserfachlicher Sicht auch mehr als fragwürdig, kommentiert die Analyse selbst die Idee. Dazu sollte noch das Profil der Deichvorländer geschliffen werden, um ein schnelleres Ausufern zu ermöglichen. Ergebnis: Trotz maximalem Aufwand würden nur 74 Prozent der Hartholzaue geflutet – stattdessen müssten alle querenden Brücken angehoben, rund 1,5 Millionen Kubikmeter Erde bewegt werden. Aber als Nebeneffekt würden auch 86 Prozent der überflutungsempfindlichen Flächen geflutet. Und bei einem richtigen Hochwasserfall, dem sogenannten Bemessungshochwasser (BHQ), wie es etwa 2013 vorkam, stünden große Teile von Leutzsch und Böhlitz-Ehrenberg sowie Häuser nördlich der Luppe unter Wasser.

Weit über hundert Häuser stünden im Wasser

In einem dritten Szenario „bastelten“ die Planer eine angepasste Überflutung, wahlweise für die Flächen nördlich oder südlich der Neuen Luppe, und versuchten durch eine Reihe von Einzelmaßnahmen wie kleinen Dämmen und Deichdurchlässen ganz gezielt Flächen zu fluten. Hier erreichten sie jeweils 30 bis 40 Prozent der Hartholzaue, hielten sich die Kollateralschäden bei der Natur in Grenzen. Trotzdem müssten jeweils rund 20 Gebäude extra vor einem fünfjährigen Hochwasser geschützt werden, bei einem Bemessungshochwasser im Norden weit über 100 Häuser, im Süden fiele der Schaden mit einem halben Dutzend kleiner aus.

Analyse klärt über Folgen auf

Bobbe betont, die Analyse habe keinen Studiencharakter, enthalte ausdrücklich keine Kostenschätzungen. Sie betrachte auch nicht die Grundwassersituation, basiere nicht auf der präzisen Vermessung aller Flächen, sondern auf dem digitalen Flächenmodell. Trotzdem sei die Analyse als Statusbestimmung geeignet, erkläre die Folgen der verschiedenen Varianten für Naturschutz, Landwirtschaft und den Hochwasserschutz.

Die Analyse wurde bislang nur auf Länderebene besprochen, die Stadt Leipzig etwa und die Naturschutzverbände hatten offiziell noch keinen Zugang zu den Ergebnissen. In den nächsten Monaten erwartet Bobbe daher eine intensive Diskussion über die Ergebnisse. Klar dürfte sein: Eine einfache Lösung für die Rettung des Auwaldes gibt es nicht.

Von Jörg ter Vehn

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