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Leipzig Lokales So hält man einen Kleingartenverein zusammen
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16:58 30.08.2019
Lothar Straube und Egbert Kahl feiern den 100. Geburtstag ihres Kleingartenvereins Kirchblick
Lothar Straube und Egbert Kahl feiern den 100. Geburtstag ihres Kleingartenvereins Kirchblick Quelle: André Kempner
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Leipzig/Engelsdorf

Hinter der weißen Kirche Sankt Pankratius am Ortsausgang von Engelsdorf wiegen sich die goldgelben Ähren im Wind. An den Rändern des Feldes reihen sich Gärten aneinander, bis zu 500 Quadratmeter sind sie groß und sie haben Tradition: 100 Jahre befinden sie sich schon dort. Die Aussicht über den Gartenzaun hinweg hat der Kolonie ihren malerischen Namen gegeben: Kleingartenverein Kirchblick. „Am 31. August 1919 fand in der Gaststätte Lindengarten das Gründungstreffen statt“, erzählt Lothar Straube aus der Vereinschronik. Der 70-Jährige ist selbst familiär tief an diesem Ort verwurzelt, Gärtner mit Leidenschaft und seit nunmehr 23 Jahren Vereinsvorsitzender. „Bei mir liegt das Gärtnern im Blut, ich habe den Garten 1974 von meinem Großvater übernommen.“

Swimmingpools statt Apfelbäume

Auch wenn sie im Supermarkt zu haben sind, reifen die Äpfel hier noch Äpfel. Quelle: Kempner

Seitdem hat sich einiges geändert in der Kleingartenwelt von Lothar Straube und seinem Schatzmeister Egbert Kahl (69). Nicht nur hat sich der 1919 gegründete Verein in zwei Vereine aufgespalten, die nun gemeinsam den großen Geburtstag feiern. Auch die Gärten sehen heute anders aus als noch von 50 Jahren: „Früher reihten sich die Obstbäume hier dicht an dicht“, erinnert sich Straube. „Birnen, Äpfel, Pflaumen, wir haben das alles eingemacht“. Seitdem die Kaufhallen durch Supermärkte ersetzt wurden, habe sich das verändert. „Die Leute können ihre Weintrauben zu jeder Zeit im Kühlregal kaufen“, sagt Straube, der Garten ist für viele der 101 Vereinsmitglieder zu einem Ort der Freizeit geworden. „Heute sind die Obstbäume weniger geworden. Dafür stehen jetzt Trampoline und Swimmingpools in den Gärten“, resümiert Lothar Straube und es klingt ein klein wenig nostalgisch.

Ein Besuch in der Gartenkolonie Kirchblick

Vermittlung und andere Kompetenzen

Trotzdem sind er und Egbert Kahl stolz darauf, dass ihre Kleingartenkolonie für junge Leute attraktiv geblieben ist. „Unsere jüngste Pächterin ist 23 Jahre alt“, betonen beide und fügen hinzu, die Gartengrundstücke seien allesamt vergeben, und zwar an durchaus unterschiedliche Menschen: „Bei uns sind Familien und Rentner und auch homosexuelle Pärchen haben hier einen Garten“, unterstreicht Kahl. Alle sollen sich wohlfühlen, und das sieht der Schatzmeister auch als seine Aufgabe. „Wenn es irgendwo Ärger gibt, lade ich die Leute ins Vereinshaus ein und dann trinken wir erst mal einen Kaffee,“ sagt er. Unstimmigkeiten gäbe es wie in anderen Kolonien auch. Meistens aber ließen sie sich so ganz gut beheben. Immer wieder laufen Kahl und Straube die Wege der Kolonie ab, um zu sehen, ob es irgendwo Sorgen gibt. „So ein Kleingartenverein ist wie eine Herde, die ein guter Schäfer zusammen halten muss“ sagt Kahl und lacht.

Die Liebe des Gärtners

Die Pfirsiche gedeihen prächtig: Lothar Straube liebt seinen eigenen Garten sehr. Quelle: Kempner

Neben diesen zwischenmenschlichen Aufgaben hat der Kirchblick-Vorstand natürlich auch eine Menge Papierkram zu erledigen. Außerdem müssen Wasserleitungen verlegt und Feste gebührend gefeiert werden. Mindestens drei Mal im Jahr schafft sich der Verein dazu einen Anlass und heuer kommt ein vierter bedeutender hinzu. Am 31. August wird mit dem Bürgermeister in der Ehrenloge das hundertjährige Bestehen Engelsdorfer Kleingartenkultur zelebriert. Neben all diesen Herausforderungen darf eines nicht zu kurz kommen: das Wissen um die Pflanzen und die Liebe zum eigenen Garten. In Straubes Garten haben die Johannisbeersträucher der Hitze nicht stand gehalten, die Pfirsiche aber hängen goldgelb an ihrem Baum, die Weintrauben sind liebevoll abgedeckt und die Tomaten reifen hinter bunten Blumenbeeten

Der Blick über den Gartenzaun Quelle: Kempner

„Wir haben hier unsere eigenen Brunnen“ erklärt Egbert Kahl die Blumenpracht trotz sengender Hitze. Dann zückt er stolz sein Handy und zeigt den letzten Schnappschuss: Es ist der Blick aus seinem Garten über das Feld. Dort glänzt im roten Licht der untergehenden Sonne die weiße Kirche Sankt Pankratius.

Von Anna Flora Schade