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Leipzig Lokales So lernen Migranten in Leipzig Deutsch
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11:01 31.08.2019
„Ich möchte etwas zurückgeben“ – Anne Ehrt beim Unterricht mit Migranten. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Ehrenamtler bilden das Rückgrat der Gesellschaft. In ihrer Freizeit arbeiten sie als Jugendtrainer, geben Schülern Nachhilfe, lesen Kindern Geschichten vor, unterstützen Senioren oder engagieren sich in Flüchtlings-Unterkünften. Die LVZ-Serie porträtiert diejenigen, die das Leben anderer besser machen. Heute: Anne Ehrt und Johannes Fischer, die Migranten Deutsch-Unterricht geben.

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Ali runzelt die Stirn auf die Frage, ob er wisse, wo sich in einem Haus der Dachboden befindet. „Boden ist ja unten“, überlegt der junge Iraker. Und liefert unbewusst ein Beispiel für logische Schwächen in der deutschen Sprache. Wieso ist etwas unten Liegendes ganz oben? Auch Anne Ehrt muss da schmunzeln. Mit Ali sitzt die Leipzigerin im Erdgeschoss eines der breiten Plattenbauten auf dem früheren Messegelände – sinnigerweise unter der Adresse „Deutscher Platz“ –, um ein Behörden-Schreiben für Migranten verständlich zu machen.

Gespräche über Alltag und Politik

Ali ist einer der Schüler, die die ehrenamtlich Arbeitende unterrichtet. Er hat den Sprachkurs A1 absolviert und nutzt das Angebot des Soziokulturellen Zentrums Die Villa. „Durch Unterhaltungen auf Deutsch kann ich meine Kenntnisse deutlich verbessern“, bemerkt der 25-Jährige. In der Tat wird nicht nur Schulstoff bearbeitet, sondern auch viel über Alltägliches, Gesellschaft oder Politik geredet. An diesem Tag spricht Anne Ehrt über Gefahren beim Schwimmen in Gewässern – aus aktuellem Anlass: In der jüngeren Vergangenheit sind mehrere Paddler und Badende in Leipziger Seen ertrunken.

Die Sache mit der Präposition

Auf der anderen Seite des Flurs unterrichtet Johannes Fischer eine Syrerin, einen Türken und einen Afghanen, alle auf B-Kurs-Niveau. Sie behandeln einen Text über den Einsatz von Robotern in der Industrie und die Angst von Angestellten um ihre Jobs. Ahmed fragt, welche Präposition bei „Angst“ die richtige sei und erfährt entscheidende Unterschiede: Man kann zum Beispiel Angst um seine Frau haben – und vor ihr. Lachen in der Runde.

Sichtbare Fortschritte

An jedem Montag lehrt Fischer hier nach seinem Feierabend. Der 1984 in Nürnberg Geborene zog nach dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens 2011 nach Leipzig und arbeitet inzwischen im computertechnischen Bereich der Deutschen Zentralbücherei für Blinde. „Ich sah es für mich als wichtige Aufgabe, Menschen auf der Flucht bei ihrem Start in Deutschland zu helfen, und bin durchs Internet auf die Villa-Angebote gestoßen“, sagt er. Zunächst brachte er ab Dezember 2015 Flüchtlingen in der Erstaufnahmeeinrichtung in Mockau Deutsch bei. Seit zwei Jahren unterrichtet er auf dem früheren Messegelände. „Das macht mir immer wieder Spaß, weil ich die Fortschritte der Teilnehmer sehe und ihre Freude darüber. Zudem bekommt man selbst ein besseres Gefühl für den eigenen Umgang mit Sprache.“

Ehrt wurde selbst in der Fremde geholfen

Anne Ehrt will etwas zurückgeben: 2001 ging die gebürtige Hamburgerin, die ab 1998 in Leipzig Japanologie studierte, für ein Dreivierteljahr nach Japan. „Ich weiß, wie schwer es ist, mit fremden Umgangsformen und sozialen Regeln klarzukommen“, sagt sie. „Vor allem, wenn man die Schrift nicht problemlos lesen kann. Ich gebe etwas von der Hilfe weiter, die ich damals bekommen habe. Vielleicht tut das einer der Teilnehmer später auch.“

„Ich lerne viel“

2015 sortierte Ehrt zunächst Kleidung und Utensilien in der Sachspendenzentrale Leutzsch. Im Zuge dessen bekam sie Kontakt zur Villa und entschloss sich, Deutsch-Unterricht zu geben. „Auch nach drei Jahren macht es mir riesigen Spaß, ich lerne viel“, schwärmt die 45-Jährige, die in einer Unternehmensberatung arbeitet. „Sich auf eine unbekannte Gruppe einstellen, spontan ein Konzept entwickeln, das zwei Stunden lang trägt – das kann ich sonst auch brauchen.“ Auch sie kommt einmal pro Woche in die vom Soziokulturellen Zentrum angemieteten Räume.

Weitere Helfer gesucht

Beeindruckend ist, mit welcher Akribie und Ernsthaftigkeit die Lernenden bei der Sache sind. „Wer unser freiwilliges Angebot nutzt, ist hochmotiviert, die deutsche Sprache zu lernen“, berichtet Koordinatorin Nora Hartenstein. Die Offerte gilt für alle Altersgruppen und ist unabhängig vom jeweiligen Aufenthaltsstatus. Aktuell engagieren sich 70 Ehrenamtliche an den Standorten Deutscher Platz und in der Lessingstraße. „Wir können jedoch noch einige Helfer mehr gebrauchen“, betont sie. Auch deshalb, weil die Villa demnächst einen weiteren Anlaufpunkt im Komm-Haus Grünau etablieren möchte.

Empathie und Geduld sind wichtig

Voraussetzung für ein Engagement ist keineswegs die pädagogische Vorbildung. Wichtige Kriterien sind Sprachgefühl, Empathie und Geduld, denn vor allem anfangs ist der Lernprozess ein sehr langsamer. Nach einem ersten Gespräch kann man in den Unterricht reinschnuppern, um ein Gefühl für die mögliche Aufgabe zu bekommen. „Die Villa unterstützt uns Ehrenamtliche großartig“, lobt Ehrt und erwähnt die Weiterbildungen, beispielsweise zur Verbesserung von Sprachvermittlung oder zum Umgang mit Traumatisierten. Probleme mit unterschiedlichen Religionen oder Vorstellungen von Geschlechterrollen haben die freiwilligen Helfer bislang nie erlebt. Wer hierhin kommt, ist offen und will sich integrieren.

Internationale Tischrunde

Natürlich richten sich die über jeden Wochentag verteilten Angebote nicht nur an Geflüchtete, sondern generell an Ausländer, die hierhin gezogen sind. Allein an diesem Montag sitzen Vertreter aus neun Ländern an den Tischen: aus Türkei, Afghanistan, Irak, Syrien, Nigeria, Japan, Marokko, Venezuela und Deutschland. Und gelegentlich passiert es, dass man auch als hier Geborener ungeahnten Sprach-Kuriositäten auf die Schliche kommt. Wie vergleicht doch so schön Journalismus-Papst Wolf Schneider in seinem Buch „Deutsch für Profis“? Ein Schoßhund sitzt auf dem Schoß, doch ein Schäferhund nicht auf dem Schäfer.

Wer sich engagieren möchte, kann sich auf villa-leipzig.de/willkommen informieren oder schickt eine Mail an willkommen@villa-leipzig.de.

Von Mark Daniel

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