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Lokales Stephan Bickhardt – das Porträt eines Leipziger Bürgerrechtlers
Leipzig Lokales Stephan Bickhardt – das Porträt eines Leipziger Bürgerrechtlers
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12:11 17.09.2019
„Nichts muss so bleiben wie es ist“: Stephan Bickhardt, hier am Gleis 21 des Leipziger Hauptbahnhofs, war unter anderem als Herausgeber der Untergrundzeitschrift radix-blätter einer der Protagonisten der Friedlichen Revolution. Quelle: Foto: Dirk Knofe
Leipzig

„Ich hatte keinen Anlass, für die DDR Sympathie zu empfinden“, sagt Stephan Bickhardt. Er schaut aus dem Fenster der Bibliothek im Pfarrhaus Großstädteln in Markkleeberg und erinnert sich, wann sein innerer Widerstand gegen die Führung der DDR begann. „Mein Großvater war im Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Er hat viel erzählt. Nach allem, was ich hörte über Foltermethoden und das raffinierte Unter-Druck-Setzen, habe ich die Herabsetzung des Menschen in diesem System sehr früh empfunden.“ Die Nachrichten aus dem Westradio. Die Sprengung der Paulinerkirche, die die Mutter zum Weinen bringt. Paraden in Uniformen, Halstüchern und Gleichschritt. Dass die Westverwandten zu Besuch kommen, aber er sie nicht besuchen kann. „Das war nicht normal, das habe ich als Kind gespürt. Aber man muss Dinge, die man grausam findet, erst verstehen.“

Bild aus früheren Tagen: Stephan Bickhardt. Quelle: Cornelia Liersch/ Mitteldeutscher Verlag

Glaube als Handlungsantrieb

Es ist vor allem der christliche Glaube, der für ihn Handlungsantrieb wird. Sein Vater Peter gehört der kirchlichen Oppositionsbewegung an, seine Mutter Charlotte ist Theologin. Die Kirche, in der offene Gespräche und ein demokratisches Miteinander möglich sind, sieht er als seinen Freiraum – körperlich wie geistig. „An einen universalen Gott zu glauben, der für alle Menschen da ist, das steht ja für Freiheit. Nicht nur mir soll es gut gehen, allen soll es gut gehen.“

„Ich war nie hasserfüllt“

Als 16-Jähriger engagiert er sich für die Aktion Sühnezeichen – eine christliche Vereinigung, die sich aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus heraus für eine friedliche Verständigung zwischen Generationen, Kulturen und Religionen einsetzt. Auf einer Fahrt nach Polen sagt ein ortsansässiger Arbeiter, der das Konzentrationslager überlebte, zu ihm: „Mit dir spreche ich zum ersten Mal wieder Deutsch.“ Den jungen Mann aus Dresden beeindruckt das schwer. „Da zeigt sich die große Weltgeschichte in der Versöhnungsgeste eines Mannes. Dass es möglich ist, Frieden zu schließen, den anderen zu verstehen, wenn er bereit ist, Verantwortung für Verbrechen zu übernehmen.“ Diesen Moment nimmt Stephan Bickhardt mit durch sein Leben. „Ich war nie hasserfüllt“, sagt er, könne aber verstehen, wenn andere so empfinden.

Keine Zulassung zum Abitur

Wegen seiner regimekritischen Einstellung wird er nicht zum Abitur zugelassen, hat Schwierigkeiten, eine Lehrstelle zu finden. Während der Ausbildung zum Werkzeugmacher organisiert er einen Lehrlingsstreik für bessere Bedingungen. Erfolgreich. Nach dem Sonderabitur studiert er Theologie, reist während des Studiums oft nach Dresden und beteiligt sich an der Jugendarbeit der Weinbergs-Gemeinde, hier streitet er für die Einführung einer sozialen Alternative zum Wehrdienst. Pfarrer ist Christoph Wonneberger. Mit Ludwig Mehlhorn organisiert er in den 1980er-Jahren mehr als 30 Lesungen kritischer Autorinnen und Autoren – in der eigenen Wohnung. Er engagiert sich in einigen Initiativen und Arbeitskreisen, maßgeblich als Herausgeber der radix-blätter. Die Untergrundzeitschrift war Teil der selbst verlegten Samisdat-Literatur, die unter der Hand weitergereicht wurde. Mit dem Drucker gegen die Unterdrückung. Natürlich verboten.

Besuch von der Stasi

Ab 1985 stand die Stasi gelegentlich vor der Tür. „Es gab einen Kreis von etwa 100 Leuten, die immer mal zu Hause bleiben mussten, wenn internationaler Besuch in der Stadt war. Man fürchtete, dass ich Erklärungen an die westlichen Medien gebe. Dann stellte sich jemand vor die Tür und ich konnte nicht raus.“ Furchtlos ist er in dieser Zeit nicht. „Ich hatte immer die Worte meines Großvaters im Kopf: ‚Du kannst alles machen, was du für richtig hältst, du darfst nur nicht ins Gefängnis kommen.‘“ Die Revolution ist schneller.

„Chance zur positiven Veränderung“

Und die wichtigste Erkenntnis aus dieser Friedlichen Revolution, die sich in vielen Ländern vollzog, ist für Stephan Bickhardt diese: „Dass nichts so bleiben muss wie es ist. Die Verhältnisse sind wandelbar und die Menschen haben gemeinsam die Chance zur positiven Veränderung.“ Das gilt heute auch noch. 2015 gehört Bickhardt zu den Erstunterzeichnern eines offenen Briefes an Angela Merkel (CDU) zur Unterstützung ihrer Flüchtlingspolitik. Wie so oft sieht der Pfarrer auch hier beide Seiten: Er versteht die Kritik, wenn das Recht auf Schutz missbraucht wird, unterstützt aber in jedem Fall die humanitäre Geste.

„Populismus mit Geduld überwinden“

Beide Seiten sehen, vermitteln, miteinander aushandeln – auch das versteht er als ein Erbe der Friedlichen Revolution. „Momentan ist viel Ungeduld und Hass in der Kommunikation. Wenn etwa jemand sagt: ‚Wir sind das Volk‘ und das in Abgrenzung zu Flüchtlingen und Ausländern meint, dann empfinde ich das als Missbrauch. Diesen Populismus können wir nur mit Geduld überwinden und indem wir einander ernst nehmen.“ Der Glaube an Freiheit und Nächstenliebe, Gewaltfreiheit und die Geduld für sein Gegenüber – sie sind heute Lebensethos und Handlungsantrieb für Stephan Bickhardt.

„Freiheit braucht einen Rahmen“

Lange arbeitet der Pfarrer als Polizeiseelsorger. Auf Seiten der Uniformierten, die er in seiner Jugend so scharf und jenseits der Legalität kritisiert hat. Wie passt das zusammen? Er lacht. „Damit muss ich leben, dass jemand wie ich nun für die Ordnungsmacht arbeitet. Aber ich habe sofort ja gesagt, weil ich ahnte, dass hier die härtesten Themen der Gesellschaft auflaufen.“ Er habe großen Respekt vor dem, was Polizeibeamte leisten müssen. „Wer sich für die Freiheit einsetzt, sollte nicht vergessen, dass sie auch einen Rahmen braucht. Denn bei gefühlter Unsicherheit kann die Demokratie sehr schnell zugunsten einer Diktatur abgewählt werden.“ Davor hat er Angst. Und vielleicht ist genau hier und jetzt wieder eine Zivilgesellschaft gefragt, die sich von Werten wie Freiheit und Frieden leiten lässt.

Weitere Porträts von Protagonisten der Friedlichen Revolution in Leipzig sind zu lesen im Magazin „LVZ Geschichte: 30 Jahre Friedliche Revolution“. Das Buch ist erhältlich für 9,90 € in den ­Geschäftsstellen der Leipziger Volkszeitung, im LVZ Shop auf www.lvz-shop.de oder telefonisch unter 0800 2121 070 ­(kostenfrei), außerdem im Buchhandel und in ausgewählten ­Pressefachgeschäften.

Das Magazin „LVZ Geschichte: 30 Jahre Friedliche Revolution“. Quelle: Repro: LVZ

Von Juliane Groh

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