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Lokales „Schämt euch was!“ - Streikende verhindern Auslieferung bei Halberg Guss
Leipzig Lokales „Schämt euch was!“ - Streikende verhindern Auslieferung bei Halberg Guss
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09:13 25.06.2018
Streikende Mitarbeiter bei Halberg Guss. (Archivfoto) Quelle: dpa
Leipzig

Mit einer so harten Streikfront hatten die Manager von Halberg Guss offenbar nicht gerechnet. 350 Beschäftigte hatten sich am Sonnabend vor dem Werk versammelt, um den Abtransport der begehrten Motorteile aus dem Leipziger Lager zu verhindern – deutlich mehr als die 200 Streikenden, die hier sonst seit nunmehr elf Tagen rund um die Uhr in drei Schichten ausharren. Denn das Unternehmen hatte tags zuvor angekündigt, die Blockade des Werks gewaltsam auflösen zu wollen. Per Kran wollte das Management die seit über einer Woche blockierte Zufahrt freiräumen lassen – musste sich am Ende aber dem geballten Widerstand geschlagen geben.

Viele der Streikenden hatten Angehörige mitgebracht. „Das trifft ja die ganze Familie“, sagte die Ehefrau eines Mitarbeiters. Schließlich arbeite ihr Mann seit 17 Jahren bei Halberg Guss. Hannes Pohl hatte sogar seine drei Monate alte Tochter Léa Lapehn mitgebracht. Er ist seit 2002 im Werk, zunächst als Leiharbeiter, seit 2011 als fester Mitarbeiter. „Und jetzt soll schon wieder Schluss sein?“ Der neue Halberg-Guss-Eigner Prevent, der seit Jahren mit VW im Dauerclinch ist, hatte Anfang Juni angekündigt, das Leipziger Werk mit 700 Mitarbeitern zu schließen, am zweiten Standort in Saarbrücken 300 der dort 1500 Jobs zu streichen.

Mit lauten Trillerpfeifen und Buh-Rufen hatten die Mitarbeiter bereits kurz nach neun Uhr die von der neuen Halberg-Guss-Spitze in Saarbrücken nach Leipzig geschickte Delegation begrüßt. Unter Polizeischutz wurde die Firmenanwältin Monika Birnbaum begleitet von zwei Bodyguards ins Werk geleitet. „Schämt euch!“, schallte ihnen entgegen. „Wie fühlt es sich an, wenn man 700 Arbeitsplätze vernichtet?“

Etwa 350 streikende Mitarbeiter von Halberg Guss in Leipzig haben am Samstag die Auslieferung von Motorblöcken verhindert. Die Polizei griff nicht ein. Quelle: Frank Johannsen

Eine Antwort gab es nicht. Stattdessen belagerten sich beide Seiten gegenseitig – 350 Mitarbeiter draußen vor dem Tor, Anwältin Birnbaum zusammen mit Werksleiter Thomas Pregel und ihren mitgebrachten Sicherheitsleuten drinnen. Dazwischen die Polizei, die den ganzen Tag mit zwölf Beamten vor Ort war.

Eigentlich, so hatte es die Halberg-Guss-Spitze gefordert, sollten sie den Zugang notfalls gewaltsam räumen. Doch Leipzigs Polizeipräsident Bernd Merbitz, der mehrmals selbst vor Ort war, winkte ab. Dafür habe er gar nicht die Leute. Und so lange alles friedlich bleibe, gebe es dafür auch keinen Anlass. „Wir haben gar keine Hundertschaft, die wir schicken könnten“, sagte Polizeioberrat Andreas Müller, der den Einsatz leitete. Und so lange keine Gefahr für Leib und Leben bestehe, werde man nicht eingreifen.

Kurz vor elf Uhr kam dann Bewegung in die festgefahrene Situation: Leipzigs IG-Metall-Chef Bernd Kruppa wurde von der Anwältin zur Besprechung hinter die Barrikade gerufen. Doch schon nach drei Minuten platzte ihm der Kragen. „Schluss!“, rief er laut und stürmte wild fuchtelnd zurück zu den Streikenden. „Wir machen jetzt eine Demo.“ Und zwar direkt auf dem Fußweg vor der Einfahrt. Die meldete Kruppa dann auch sofort bei der Polizei an. Wie denn das Motto der Demo sei, fragte einer der Beamten beim Ausfüllen des Formulars. „Ähm, ,Für Gerechtigkeit und Würde’“, kam es Kruppa spontan in den Sinn. Und gehen solle die Demo erst einmal bis Montagfrüh.

Mit der Presse reden wollte die Anwältin dagegen nicht. „Die sagt, dass die Einfahrt für die Feuerwehr frei sein muss“, berichtete Kruppa. Denn seit dem Streikbeginn am 14. Juni ist die Zufahrt mit acht Containern und drei Gabelstaplern blockiert. „Aber in Wirklichkeit wollen die mit Lkw rein, und das Lager leerräumen“, so der Gewerkschafter. Genau das werde man aber verhindern. Drinnen lagern noch Hunderte fertig produzierte Motorblöcke und Zylinderköpfe, die Halberg Guss gern ausliefern würde. „Das Lager ist voll“, bestätigte Produktionsplaner Frank Steinbiß, der ebenfalls im Streik ist. Allein die schwedische VW-Lkw-Tochter Scania und der Kölner Motorenbauer Deutz könnten damit zwei Tage weiterproduzieren. Hinzu kämen 30 000 Dieselmotoren für VW. „Aber die holen eh nichts mehr ab.“ Denn der neue Halberg-Guss-Eigner Prevent hatte die Preise für den Hauptkunden von 60 auf 800 Euro erhöht. Wegen der Mondpreise kauft VW, bisher mit 60 Prozent Hauptabnehmer in Leipzig, jetzt lieber bei anderen Lieferanten ein. Genau das ist auch der Grund für die angekündigte Werksschließung.

Bereits am Freitag hatte Halberg Guss die Streikenden per Ultimatum aufgefordert, die Blockade zu beenden – und zwar innerhalb von 15 Minuten. „Es kommt aktuell bei den ersten Kunden zu Ausfällen in der Produktion“, schrieb der neue Halberg-Guss-Chef Alexander Gerstung in einem offenen Brief. Mit jedem weiteren Streiktag riskiere man, dass diese Kunden abspringen. Bei Scania in Schweden dürfte schon heute Abend die Produktion stehen, glaubt die IG Metall, Opel Eisenach könnte bald folgen, schreibt die „Wirtschaftswoche“. Das sei aber unvermeidlich, sagte Kruppa. „Es ist Sinn eines Streiks, maximale ökonomische Auswirkungen zu erzielen.“ Der Ausstand gehe daher unvermindert weiter, „bis der Arbeitgeber sich deutlich auf uns zubewegt“. Mit dem Ausstand will er erreichen, dass die vor der Kündigung stehenden Mitarbeiter wenigstens ordentliche Abfindungen erhalten. Insgeheim hoffen die 700 Mitarbeiter aber auch, dass sich Prevent als Eigner frustriert zurückziehen könnte. „Dann wären wir ja sofort wieder mit VW im Geschäft“, sagte einer.

Für elf Uhr war eigentlich der Kran erwartet worden, der die Barrikade wegräumen sollte. Den hatte das Management früh um acht in Chemnitz losgeschickt. Kurz nach Mittag wurde er tatsächlich in Leipzig gesichtet – und fuhr dann unter lautem Johlen der Streikenden am Werk vorbei. Stattdessen versuchten die Vertreter des Managements, die Einfahrt selbst freizuräumen. Kurz vor 14 Uhr wurde ein angeheuerter Staplerfahrer von der Polizei ins Werk geleitet. Mit einem Gabelstapler räumte er zumindest einen Teil der Container zur Seite. „Die eine Spur reicht doch jetzt als Feuerwehrzufahrt“, stellte Merbitz nach der Aktion zufrieden fest. „Damit ist doch alles gut.“

Am Nachmittag rückte dann noch ein Schlüsseldienst an, um die verschlossene Wache zu öffnen, in der sich der Schalter für die Schranke befindet. Das Öffnen der Schranke gelang dann aber nicht. Kurz nach 16 Uhr brachen die Manager die Aktion ab. Werksleiter Pregel stieg auf sein Fahrrad, Anwältin Birnbaum in ihren Audi Q7 – und machten sich auf den Heimweg.

Von Frank Johannsen

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