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Lokales „Umweltbelastung sinkt ab der ersten Minute“
Leipzig Lokales „Umweltbelastung sinkt ab der ersten Minute“
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19:51 07.01.2019
Der Leipziger Stadtwerke-Chef Karsten Rogall – hier im Kraftwerk an der Eutritzscher Straße – will mit den Betreibern von Lippendorf möglichst schon ab Januar über verschiedene Optionen zur künftigen Fernwärme-Versorgung für die Messestadt sprechen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Im Dezember 2018 hatte der Leipziger Stadtkonzern LVV einen neuen Fernwärme-Plan vorgestellt, zu dem auch der Bau eines weiteren Gas-Kraftwerks gehörte. Damit könne sich Leipzig bis 2023 unabhängig vom Braunkohlekraftwerk in Lippendorf machen, sagte Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) bei einer Pressekonferenz. Im Eifer des Gefechts gab es auch verwirrende Aussagen und Diskussionsbeiträge. Zum Beispiel stimme es nicht, dass durch das neue Gas-Kraftwerk eine höhere Umweltbelastung für die Region eintritt, erklärt nun Stadtwerke-Geschäftsführer Karsten Rogall im LVZ-Interview. Und: Um die gesetzlichen Zulagen in vollem Umfang nutzen zu können, müsste das neue Kraftwerk schon bis 2022 fertiggestellt werden.

Frage: Die LEAG hatte Ihnen
noch kurz vor Weihnachten angeboten, in Lippendorf ein neues Gas-Kraftwerk zu bauen
. Dann könnten die vorhandenen Fernwärme-Trassen weiter genutzt werden und im Leipziger Stadtgebiet entstünden keine zusätzlichen Emissionen. Was hält die LVV von der Idee?

Karsten Rogall: Auch wenn dieses Angebot mit der Ansage am Festhalten an der Braunkohlenutzung durch die LEAG etwas erstaunt, werden wir uns das gern anhören und in unsere Überlegungen als zusätzliche Variante einbeziehen.

Haben eher wirtschaftliche oder ökologische Gründe Ihre Entscheidung beflügelt, bis 2023 ein neues Gas-Kraftwerk in Leipzig zu bauen?

Unser Vorschlag für das Zielportfolio zur nachhaltigen Wärmemarkttransformation berücksichtigt ein Zieldreieck, das aus Versorgungssicherheit, Ökologie und Ökonomie besteht. Ausgangspunkt war die zuverlässige Versorgung der Leipziger Wärmekunden. Diese müssen wir auch bei turbulenten Entwicklungen an den Energiemärkten und einem sich abzeichnendem Kohleausstieg nachhaltig sicherstellen. Zudem ist die langfristige Verlässlichkeit der Lieferung aus dem Kraftwerk Lippendorf zunehmend schwer einschätzbar. Das hängt mit anspruchsvolleren Emissionsgrenzwerten und der technischen Einsatzfahrweise sowie potenziellen Strategiewechseln von Großkonzernen zusammen. Unser Ziel ist es daher, die Leipziger Wärmeversorgung weitgehend unabhängig von diesen kaum durch uns beeinflussbaren Entwicklungen zu gestalten. Dabei haben wir natürlich auch ökologische und ökonomische Aspekte berücksichtigt. Die Errichtung von Gas-Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) bis Ende 2022 ist dafür ein wesentlicher wirtschaftlicher Treiber.

Wie soll der Kraftwerkstyp für die KWK-Anlage aussehen? Welche Leistung bei Fernwärme und Strom kann damit erzeugt werden?

In unserem Zielportfolio kommt ein Mix aus innovativen, erneuerbaren und noch konventionellen Kraftwerkstechnologien zum Einsatz. Das sind unter anderem solarthermische und Biomasse-Anlagen wie auch Gas-KWK-Anlagen und Wärmespeicher. Die konkreten Leistungszahlen je Anlagentechnologie befinden sich zurzeit in der Finalisierung. Die neu zu erstellenden Anlagen werden insgesamt jedoch mehr als 50 Prozent des zukünftigen Fernwärmebedarfs in Leipzig abdecken.

Stimmt es, dass jetzt alles so schnell gehen muss, weil der Bund die üppigen Fördermittel nur bis 2023 bereitstellt?

Hintergrund ist die vorgesehene Nutzung von gesetzlichen Zulagen nach dem KWK-Gesetz sowie von Entgelten für netzdienliche Leistungen aus verbrauchsnaher Stromerzeugung – die sogenannten „vermiedenen Netznutzungsentgelte“. Es handelt sich dabei nicht um Fördermittel. Die Nutzung beider Regelungen für die Stadt Leipzig und ihre Bürger erfordert die Errichtung der Gas-KWK-Anlagen bis Ende 2022. Der Deutsche Bundestag hat jedoch im Dezember 2018 mit dem Energiesammelgesetz eine Regelung beschlossen, die es ermöglichen soll, den zeitlichen Anwendungsbereich des KWK-Gesetzes für die Förderung von KWK-Anlagen, die Förderung von Wärme- und Kältenetzen sowie für die Förderung von Wärme- und Kältespeichern um drei Jahre zu verlängern: von Ende 2022 bis Ende 2025. Diese Verlängerung steht aber noch unter dem Vorbehalt einer beihilferechtlichen Genehmigung durch die Europäische Kommission. Für die vermiedenen Netzentgelte gibt es keine Nachfolgeregelung über 2022 hinaus. Insoweit ist die Nutzung dieser über bundesweite Umlagen und Entgelte finanzierten Instrumente für die Transformation in Leipzig wirtschaftlich sinnvoll und zielführend.

Im Internet wurde gemutmaßt, die VNG hätte Ihnen diese Entscheidung aufgezwungen, um mehr Gas verkaufen zu können. Stimmt das?

Nein. Diese Entscheidung beruht ausschließlich auf den bereits erläuterten Überlegungen zu Versorgungssicherheit, Ökonomie und Ökologie. Insbesondere gasbetriebene KWK-Anlagen in Kombination mit Wärmespeichern sehen wir als emissionsarme Brückentechnologie. Diese erlauben zudem künftig den Einsatz regenerativer und synthetischer Gasbrennstoffe für eine Kohlendioxid-neutrale Wärmeversorgung. Der Gasbezug der Leipziger Stadtwerke ist heute schon unabhängig von einzelnen Lieferanten. Eine Sonderstellung der VNG besteht an dieser Stelle nicht.

Wann genau wollen Sie den Fernwärmebezug aus Lippendorf einstellen?

In dem von uns vorgestellten Szenario erfolgt die Transformation der Leipziger Wärmeversorgung bis 2030. Für den Weg bis dorthin sind verschiedene Handlungsoptionen und Umsetzungspfade möglich. Ein Ausstieg aus dem Liefervertrag Lippendorf wäre – wie der Presse und den Ausschüssen der Stadt Leipzig vorgestellt – technisch bereits 2022 möglich. Das ist aber nur eines der möglichen Szenarien. Zur Konkretisierung werden wir ab Januar in weitere Gespräche mit lokalen Akteuren und potenziellen Kooperationspartnern eintreten. Ein Gesprächsangebot der Leipziger Stadtwerke liegt dem Vorstand der LEAG als Betreiber von Lippendorf bereits vor.

Streben Sie eine Übergangsphase an, in der die Stadtwerke weniger oder schwankende Wärmemengen aus Lippendorf beziehen?

Wir werden mögliche Versorgungsvarianten mit der LEAG sondieren.

Ist es denkbar, dass die Stadtwerke das Gas-Kraftwerk bis 2023 bauen, es dann aber erstmal nicht nutzen, um keine Doppelbelastung für die Umwelt zu erzeugen?

Wie schon gesagt: Wir werden mögliche Versorgungsvarianten mit der LEAG sondieren. Daraus können sich auch Auswirkungen auf die jeweilige Kraftwerksfahrweise ergeben. Eine Doppelbelastung für die Umwelt sehen wir aufgrund der deutlich besseren Wirkungsgrade und geringeren Emissionswerte von modernen Gas-KWK-Anlagen nicht.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen von Umland-Kommunen, CDU- und AfD-Politikern, Leipzig betätige sich als Totengräber der Braunkohle und gefährde damit viele Arbeitsplätze in Mitteldeutschland?

Der Vorstand der LEAG hat selbst in der LVZ erklärt, dass der wirtschaftliche Weiterbetrieb des Kraftwerks Lippendorf nicht von den Leipziger Entscheidungen beeinträchtigt wird. Das Kraftwerk werde weiterhin Strom produzieren, ob mit oder ohne Fernwärme. Personal müsste insoweit auch nicht entlassen werden. Diese Bewertung deckt sich mit den bisherigen Einschätzungen der Leipziger Stadtwerke. Die zitierten Bewertungen von Kommunen und Politik können wir auf der Basis der energiewirtschaftlichen Fakten nicht nachvollziehen.

Garantiert einheimische Braunkohle nicht eine viel höhere Versorgungssicherheit als Erdgas aus Russland?

Fakt ist, dass Braunkohle und Erdgas aus unterschiedlichen Quellen und Regionen stammen. Jedoch gibt es für Gas in Mitteldeutschland liquide Großhandelsmärkte. Die Beschaffungsstrategie der Leipziger Stadtwerke nutzt diese Märkte an der Energiebörse in Leipzig. Dabei wird Gas aus verschiedenen Quellen und Regionen gehandelt: Erdgas aus Norwegen, Russland und Norddeutschland, auch Liquid Natural Gas (LNG) aus dem Nahen Osten und aus Nordamerika – ergänzt auch um synthetisches Gas aus der Umwandlung von Strom. Die hohe Transparenz und Liquidität der Großhandelsmärkte bietet aus unserer Sicht eine hohe Ressourcensicherheit, die der der heimischen Braunkohle in nichts nachsteht. Die für die Leipziger Bürger relevante Frage der Versorgungssicherheit sehen wir bei braunkohlebasierter Erzeugung sogar wesentlich kritischer als bei Gas-KWK-Anlagen.

Ist es nicht absurd, zum Wohle des Klimaschutzes für eine Übergangszeit noch mehr Kohlendioxid in die Luft zu blasen?

Die Bewertung des Kohlendioxid-Ausstoßes ist ohne eine detaillierte Betrachtung der technologischen Voraussetzungen nur schwer abstrakt durchzuführen. Die Fernwärme vom Kraftwerk Lippendorf ist aus technologischer Sicht kein Abfallprodukt der Stromerzeugung. Um einen möglichst hohen Wirkungsgrad zu erreichen, kühlen Braunkohlekraftwerke wie Lippendorf den Dampf in ihren Turbinen ab. Diese Temperatur – üblicherweise um die 40 Grad Celsius – reicht aber zur Gebäudebeheizung und zur Lieferung über eine 13 Kilometer lange Leitung bis nach Leipzig nicht aus. Insoweit muss die Wärme schon vor dem Ende der Turbine ausgekoppelt werden. Diese Wärme fehlt dann zur Stromerzeugung. Wird keine Wärme mehr für die Fernwärmeversorgung Leipzigs ausgekoppelt, kann das Kraftwerk Lippendorf die gleiche Menge Strom mit weniger Braunkohle erzeugen. Die Kohlendioxid-Emissionen sinken dann entsprechend. Im Grundsatz ist festzuhalten, dass moderne Gas-KWK-Anlagen bei der Fernwärmeerzeugung deutlich niedrigere spezifische Kohlendioxid-Emissionen und einen deutlich höheren Brennstoffausnutzungsgrad (Wirkungsgrad) aufweisen als ein Kraftwerk des Typs Lippendorf.

Was glauben Sie, ab welchem Jahr die Umwelt- und Klima-Belastung für die Region – also einschließlich Lippendorf – durch den Bau des neuen Gas-Kraftwerkes sinken wird?

Aus unserer Sicht wird bereits ab der ersten Betriebsminute die Kohlendioxid-Belastung sinken. Die von uns geplante hocheffiziente KWK-Anlage wird neben Wärme auch Strom erzeugen. Dieser Strom wird in das deutsche überregionale Verbundnetz eingespeist und führt zu einer Verdrängung anderer, nicht so effizienter Stromerzeuger. Im ökologisch günstigsten Fall ist das sogar ein noch älteres Braunkohlekraftwerk als Lippendorf.

Wie weit wollen Sie die Speicherkapazitäten der Stadtwerke erhöhen, damit die Leipziger in Zukunft auch beim Ausfall eines Kraftwerkes nicht frieren müssen?

Schon heute ist die Versorgungssicherheit in Leipzig sichergestellt. Auch in längeren Winterphasen werden die Wärmekunden nicht frieren. Mit der Umsetzung unseres Zielportfolios werden wir nachhaltig die Versorgung in Leipzig sicherstellen. Die Erzeugungssysteme werden so geplant, dass auch bei Ausfall der größten Erzeugungsanlage stets genügend Reservekapazitäten – also Erzeugungsanlagen und Speicher – zur Verfügung stehen. Schon jetzt betreiben die Stadtwerke in Leipzig dezentrale Heizwerke, die dann in Zukunft auch dafür zur Verfügung stehen. Unsere Speicherkapazitäten sollen im Vergleich zu heute ebenfalls deutlich ausgebaut werden. Die genauen technischen Parameter sind noch in der Finalisierung.

Allein die Wärmewende soll 300 Millionen Euro kosten. Insgesamt plant die LVV bis 2030 Investitionen von über 3,6 Milliarden Euro. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen die Schulden eines Tages über den Kopf wachsen? Zumal die Kreditzinsen wieder steigen.

Die Investitionen in die Transformation der Wärmeversorgung sind wirtschaftlich umfassend bewertet worden. Das Ergebnis zeigt bei weiterhin attraktiven Fernwärmepreisen positive Zahlungsüberschüsse, die bereits kurzfristig zur Tilgung der Finanzierung genutzt werden können. Die Gefahr einer finanziellen Überlastung durch die Wärmetransformation in Leipzig sehen wir nicht.

Was zahlen Sie aktuell für ein Megawatt Fernwärme aus Lippendorf? Und wie hoch kalkulieren Sie die Kosten inklusive Gaseinkauf, wenn künftig ein Megawatt Fernwärme in dem neuen Kraftwerk erzeugt wird?

Das sind Geschäftsgeheimnisse, die wir auch mit Blick auf die mit unserem Lieferanten vereinbarte Vertraulichkeit nicht offenlegen können.

Wie viele Fernwärmekunden haben die Leipziger Stadtwerke gegenwärtig?

Die Kunden der Leipziger Stadtwerke sind neben der Wohnungswirtschaft auch Kindergärten, Schulen, öffentliche Einrichten, Einkaufszentren und Kulturstätten. Direkt und indirekt versorgen die Leipziger Stadtwerke damit im Kerngebiet der Stadt bereits heute mehr als 50 Prozent der Bürger und Unternehmen.

Würden Sie auch dann ein neues Kraftwerk errichten wollen, wenn Lippendorf seinen Fernwärmepreis ab 2023 deutlich senkt?

Der Preis für Fernwärmelieferungen aus Lippendorf ist sicher ein wirtschaftliches Argument. Für uns spielt mit Blick auf das Zieldreieck jedoch insbesondere auch die Versorgungssicherheit eine wesentliche Rolle. Dies ist nur begrenzt durch eine preisliche Diskussion lösbar. Aber wie gesagt: Wir werden mögliche Versorgungsvarianten mit der LEAG sondieren.

Wann wollen Sie den Großauftrag zum Kraftwerksbau auslösen?

Die finalen Investitionsentscheidungen werden Mitte des Jahres 2019 getroffen. Im Anschluss werden die Großaufträge vergeben.

Ist dafür noch ein Stadtratsbeschluss nötig?

Es gibt bereits einen Beschluss des Leipziger Stadtrates zum sukzessiven Ausstieg aus der Braunkohleverstromung. Ein Beschluss des Stadtrates zum Bau von konkreten Kraftwerken ist danach nicht zwingend notwendig, aber möglich.

Von Jens Rometsch

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