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Lokales Unbekannte Dokumente zur Pogromnacht aufgetaucht
Leipzig Lokales Unbekannte Dokumente zur Pogromnacht aufgetaucht
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14:01 08.12.2018
Blick in die Gottschedstraße mit Synagoge und Feuerwehrleiter am 10. November 1938.
Blick in die Gottschedstraße mit Synagoge und Feuerwehrleiter am 10. November 1938. Quelle: Foto: Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig
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Leipzig

Daniel Ristaus Arbeit lebt auch von der Hoffnung auf neues geschichtliches Material. Am vorvergangenen Montag hat sie sich erfüllt – der Historiker bekam unerwartet detailreiche Schilderungen zu den Novemberpogromen der Nazis in Leipzig vor 80 Jahren: Ein Bautzner war auf einen Zeitungsartikel zu Ristaus Buch und Ausstellung „Bruch-Stücke“ aufmerksam geworden, die noch im Leipziger Ariowitsch-Haus zu sehen ist – und schickte ihm Material über seinen Großvater. Der war in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 als Feuerwehrmann mit einem Löschzug zur brennenden Haupt-Synagoge ausgerückt. „Dadurch haben wir neue, sehr spannende und bemerkenswerte Details erhalten“, so Ristau.

Entlassung wegen Zugehörigkeit zur NSDAP

Dem Bautzner fiel die Entscheidung, sich an den Historiker zu wenden, nicht leicht. „Lange habe ich mit mir gerungen, Ereignisse aus meiner Familie, welche sich lange vor meiner Geburt in Leipzig ereigneten, öffentlich zu machen“, schreibt er. Die mitgeschickten Unterlagen stammen von seinem Großvater Ernst Hermann Stein. Im Herbst 1945 verfasste der zwei Schreiben in der Hoffnung, seine Entlassung aus der Feuerwehr wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP würde rückgängig gemacht werden.

Als Argument, „nie ein Nazi gewesen zu sein“, führt Stein unter anderem sein Verhalten in der von ihm so bezeichneten „Judenaktion“ in der Nacht zum 10. November an: Mit dem 1. Löschzug sei er zur brennenden Synagoge in der Gottsched-/Ecke Zentralstraße ausgerückt. Dort forderten nach seiner Schilderung ihm unbekannte Männer, die Feuerwehr solle wieder abrücken – „hier wird nicht eingegriffen!“ Stein schreibt, dennoch das Löschen befohlen zu haben. „Dies hatte zur Folge, dass man uns (...) mit dem Erschießen drohte.“ Laut Historiker Ristau deckt sich die Schilderung vom Synagogenbrand mit den Angaben eines weiteren Leipziger Feuerwehrmanns, Walter Hentschel. Dessen Erlebnisse schrieb seine Frau auf, sie sind im „Bruch-Stücke“-Buch abgedruckt.

Hilferufe aus der brennenden Synagoge

Ein bisher unbekannter Vorgang ist Steins Beschreibung von der Rettung des jüdischen Hausmeisters und seiner Frau. „Plötzlich hörte man hintereinanderfolgende Hilferufe aus der Höhe des zweiten Obergeschosses“, so Stein. Die beiden hätten Anzeichen gemacht, aus dem Fenster zu springen, doch Stein habe beruhigend auf sie eingeredet, während Brandmeister Georg Bergmann die Rettungsleiter in Stellung brachten. Währenddessen sei die Feuerwehr erneut beschimpft worden, Bergmann wurde mit einer Brechstange bedroht. Als das Paar in Sicherheit war, wurde der Löschzug gezwungen, die Schlauchleitung aus dem Gebäude zurückzunehmen und nur das angrenzende Haus vor den Flammen zu schützen.

„Diese Geschichte wurde, soweit mir bekannt, bislang noch nirgends erzählt“, sagt Ristau. Er ist sicher, dass es sich bei den von Stein als „Hausmeister-Ehepaar“ bezeichneten Geretteten um den Synagogeninspektor Meyer Leiba Braude und seine Frau Jenni gehandelt hat. Beide wurden Opfer der Schoa. Informationen darüber hat er von Ellen Bertram, die seit Jahren das Schicksal der Leipziger Juden erforscht und gerade von Bundespräsident Steinmeier mit dem Verdienstorden ausgezeichnet wurde. Obwohl Stein neben seinem Einsatz in der Reichspogromnacht auch aufführt, sich um Leipziger gekümmert zu haben, die zu Unrecht verurteilt beziehungsweise aus ihrem Beruf entlassen wurden – die schriftlichen Versuche, seine Entlassung aus der Feuerwehr rückgängig zu machen, sind offenbar gescheitert. „Die Adressbücher von 1948 und 1949 nennen ihn wieder mit seinem Ausbildungsberuf Zimmermann“, klärt Ristau auf.

Bericht dokumentiert die Ambivalenz

Der Wissenschaftler ist dankbar für die neue, unverhoffte Quelle. „Dieser Bericht dokumentiert die Ambivalenz in dieser schlimmen Nacht – zwischen dem Impuls zu helfen und es nicht tun zu dürfen.“ Auch zu den Dresdner Ereignissen vom November 1938 erhielt er neue Details vom Sohn eines Feuerwehrmanns. Dieser war bei der Abnahme der Davidsterne von den Türmen der Dresdner Synagogenruine dabei gewesen.

Zwei neue Bruchstücke also, die ein Bild bereichern, das wohl nie komplett rekonstruiert werden kann. Doch Ristau hofft und forscht weiter: „Jeder Hinweis ist sehr wertvoll, um zu verstehen, warum Menschen so miteinander umgingen.“

Die Ausstellung „Bruch-Stücke“ ist noch bis Ende Dezember im Ariowitsch-Haus zu sehen; geöffnet Montag bis Donnerstag von 9-17 Uhr und sonntags zu Veranstaltungen. Infos und Kontakt auf http://bruchstuecke1938.de. Das Buch „Bruch-Stücke“ ist bei Hentrich & Hentrich erschienen (176 Seiten, 19,90 Euro).

Von Mark Daniel

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