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Lokales Universität Leipzig: Dozent soll Studierende sexuell belästigt haben
Leipzig Lokales Universität Leipzig: Dozent soll Studierende sexuell belästigt haben
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06:01 18.06.2019
Der Campus der Universität Leipzig. Quelle: Armin Kühne
Leipzig

Auf dem Campus der Universität Leipzig: Zum Semesterbeginn bietet der Dozent der Austauschstudentin aus Russland an, ihr die neue Stadt zu zeigen. Die junge Frau willigt ein und geht mit dem Mann mit, der ihr von der Heimatuniversität als exzellenter Hochschullehrer empfohlen wurde. Später, in einem Hinterhof des Studentenwerks, versucht er sie unvermittelt zu küssen, bietet ihr an, sie an der Uni und finanziell zu unterstützen. Sie lehnt ab. Fortan befürchtet sie, dem Dozenten in den Vorlesungen und Seminaren ausgeliefert zu sein – ihm im Privatleben zu begegnen. Kein besonders ermutigender Start in die vielleicht aufregendste Phase im Leben der Studentin.

Der Dozent lehrte seit den 70er Jahren in Leipzig

Obwohl alles beinah 15 Jahre zurückliegt, beschäftigt es Elena L. (Name geändert) noch heute. Vielleicht auch, weil es nach Debatten wie #metoo und bekannten Fällen von sexueller Belästigung an Bildungseinrichtungen 2019 möglich ist, darüber in der Öffentlichkeit zu reden.

Erfahrungen wie Elena L. könnten aber noch weitere Studentinnen an der Universität Leipzig gemacht haben. Der mittlerweile pensionierte Dozent war immerhin seit den 70er-Jahren in Leipzig tätig. Dass der Verdacht nicht fernab der Realität liegt, zeigt das Beispiel von Simone J. Auch sie möchte nicht, dass ihr Name mit dem Dozenten und seinen Taten in Verbindung gebracht wird. Simone J. berichtet von ähnlichen Annäherungen, Berührungen und Andeutungen, die kaum zwei Interpretationen zulassen.

Sie berichtet: „Im Jahr 2002, als ich gerade im dritten Semester an der Universität Leipzig nach einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt angefangen hatte zu studieren, nahm ich an einer Studienreise unter seiner Leitung teil.“ Der Winter sei extrem kalt gewesen, die Reise startete Mitte Dezember bei minus 12 Grad. Auf dem Rückweg von einer Veranstaltung zum Hostel habe ihr der Dozent, während sie sich mit einer Freundin unterhielt, von hinten an den Hintern gegriffen und gefragt: „Ist Ihnen nicht kalt, Simone?“ – „Ich war so bestürzt und erschrocken, dass ich nur meine Freundin auffordern konnte, schneller ins Haus zu gehen, um dem Übergriff zu entgehen“, sagt J. heute.

Den Taten folgte keine Anzeige bei der Polizei

Beide Frauen hatten bisher nie den Mut, die Geschehnisse öffentlich zu machen. Eine Anzeige bei der Polizei gibt es daher nicht. Erst nachdem sie sich mehrere Jahre nach dem Studienabschluss zufällig kennenlernten und feststellten, am selben Institut studiert zu haben, kamen sie auch auf den Dozenten zu sprechen, der sie sexuell belästigte. Ihnen seien noch weitere Fälle bekannt. Denn der Dozent habe sich regelmäßig ein neues Opfer gesucht. Sie entschieden sich, die Universität darüber zu informieren.

Es gehe den beiden Frauen nicht um Rache oder darum, eine Entschuldigung zu hören. Es sei vielmehr problematisch gewesen, dass der Lehrplan und die Verteilung der Zuständigkeiten es nicht zuließen, den Dozenten zu meiden. Also folgten den Vorfällen gemeinsame Seminare, Übungen, Vorlesungen, Sprechstunden, Begegnungen in den Fluren und Prüfungen. Für einige der Opfer habe es, nachdem sie den Dozenten zurückwiesen, zudem die Nichtanerkennung zuvor erbrachter Studienleistungen bedeutet, andere sahen sich Bloßstellungen vor Kommilitonen oder anzüglichen Bemerkungen zu ihrem Äußeren ausgesetzt, erzählt Elena L. Die Studierenden befürchteten immer neuen Repressalien ausgesetzt zu werden und das Studium nicht beenden zu können.

Die beiden Frauen wünschen sich, dass so etwas nie wieder passieren kann – an der Universität Leipzig und überall. Und wenn es doch zum Äußersten kommt, dass es eine Stelle gibt, an die sich Betroffene – ganz gleich ob Mann oder Frau – diskret wenden können. Wo die Informationen leicht zu finden sind, es schnell Hilfe gibt, die Probleme ernst genommen werden. Denn dies sei Elena L. und Simone J. vor mehr als einem Jahrzehnt nicht möglich gewesen.

Universität Leipzig räumt Fehler ein

Drei E-Mails (die der LVZ vorliegen), von Juli 2018 bis Jahresanfang 2019, schickte Simone J. nach dem Entschluss, die Taten öffentlich zu machen, an die Universität. Zwei davon an den Gleichstellungsbeauftragten, seit 2010 ist das Georg Teichert. Im Dezember 2018 schreibt sie nach der Schilderung ihres Falls, dass es nicht sein könne, „dass auf einer Universitäts-Webseite, die Hilfesuchenden als Wegweiser dienen soll, gewisse Themen trotz ihrer Häufigkeit nicht erwähnt werden. Wer sexuelle Belästigung in jeder ihrer Ausprägungen erlebt hat, ist aufgebracht, erschüttert, verzweifelt und möchte direkt eine Ansprechpartner*in finden. Es ist dann eine Zumutung, ja eine Beleidigung, in tieferen Schichten der Webseite weiter nach Informationen suchen zu müssen.“ Darauf folgt keine Antwort. In der letzten Mail im Januar dieses Jahres nimmt sie Professorin Beate Schücking, Rektorin der Universität Leipzig, in Kopie. Wiederholt ihr Anliegen. Wieder erhält Simone J. keine Antwort.

Der Gleichstellungsbeauftragte der Universität Leipzig, Georg Teichert, sagt auf LVZ-Nachfrage: „Ich bedauere sehr, dass die Mails von Frau J. unbeantwortet geblieben sind. So etwas darf und wird in Zukunft nicht mehr passieren. Die Mitarbeiter des Gleichstellungsbüros widmen sich allen Fragen und Problemen, mit denen Mitglieder der Universität Leipzig auf sie zukommen. Wir werden jetzt noch stärker darauf achten, dass auch Anliegen wie das von Frau J. mit der notwendigen Sorgfalt bearbeitet werden.“

Auch die Rektorin, Professorin Beate Schücking, bedauert, „dass die Mails nicht beantwortet wurden. Grundsätzlich bin ich auch zu diesem Thema immer gesprächsbereit.“ Nach einer erneuten LVZ-Anfrage hat der Gleichstellungsbeauftragte eine E-Mail an Simone J. geschrieben, in der er und Beate Schücking sie zu einem gemeinsamen Gespräch einladen, falls sie das möchte. Simone J. bestätigt, diese E-Mail erhalten zu haben.

Uni Leipzig: Alle Betroffenen sollten Angebote wahrnehmen

Zudem sei der aktuelle Direktor des betroffenen Instituts kontaktiert worden. Dieser stehe jedoch erst seit wenigen Monaten an dessen Spitze. Die genannten „möglichen Fälle von sexueller Belästigung“ lassen sich laut Universität aktuell nicht nachvollziehen. Generell sei es so, dass es an der Universität Leipzig mehrere Ansprechpartner gibt, an die sich Opfer sexualisierter Gewalt wenden können, schreibt die Uni. Sie sind im Internet unter www.gleichstellung.uni-leipzig.de/gleichstellung/sexualisierte-gewalt/ auffindbar.

„Neben dem zentralen Gleichstellungsbeauftragten sind das die Gleichstellungsbeauftragten der Fakultäten und zentralen Einrichtungen, die psychosoziale Beratungsstelle des Studentenwerks sowie der Beauftragte nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Auf der Seite sind auch andere, außeruniversitäre Ansprechpartner zu finden. Wir können alle von sexualisierter Gewalt Betroffenen nur aufrufen, diese Angebote wahrzunehmen und sich beraten zu lassen“, so die Universität.

Auf die Frage, wie viele Fälle bisher an das Gleichstellungsbüro gemeldet wurden, gleich ob nachgewiesen oder nicht, antwortet Teichert: „Als Gleichstellungsbeauftragter gehören Beratungen bei Vorfällen sexueller Belästigung zu meinem Aufgabenspektrum und werden vertraulich geführt. Seitdem ich Gleichstellungsbeauftragter der Universität Leipzig bin, gab es nur eine geringe Zahl von Gesprächen zu dieser Problematik.“

Von Mathias Schönknecht

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