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Lokales Unterbesetzung am Leipziger Uni-Klinikum: Pflegekraft schlägt nach Horror-Dienst Alarm
Leipzig Lokales Unterbesetzung am Leipziger Uni-Klinikum: Pflegekraft schlägt nach Horror-Dienst Alarm
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17:42 08.09.2019
In der Zentralen Notaufnahme des Universitätsklinikums Leipzig ist vergangene Woche in einer Frühschicht offenbar das Chaos ausgebrochen. Quelle: Verena Kämpgen / UKL
Leipzig

Gestresste Ärzte, überlastete Pflegekräfte, schimpfende Patienten. Eine namentlich nicht genannte Krankenschwester, vielleicht auch ein Pfleger der Zentralen Notfallaufnahme des Leipziger Universitätsklinikums (UKL), wälzte sich nach einem Horrordienst vergangene Woche zuerst durch eine schlaflose Nacht.

Und setzte sich dann an den Schreibtisch: Auf zwei Blättern, die der LVZ von dritter Seite anonym zugespielt wurden, schildert der oder die Unbekannte eindrücklich, wie sich nach zwei Krankmeldungen eine mit vier statt sechs Pflegekräften unterbesetzte Frühschicht zur „medizinischen Katastrophe“ entwickelte. Das Notaufnahmeteam sei „so allein gelassen“ worden, dass „die Gesamtsituation aus dem Ruder lief“, heißt es in dem Schreiben. Ein krasser Einzelfall oder Chaos mit Ansage?

Stress ohne Atempause

Konkret ist zu lesen: „Der Notaufnahmebetrieb lief über mehrere Stunden mit nur zwei Pflegekräften, da die anderen beiden in Schockräumen gebunden waren.“ Unter anderem kämpfte das Team um das Leben eines einjährigen Kindes, das aus dem dritten Stock gefallen war. Statt nach einer solchen Erfahrung kurz innezuhalten oder mit den Kollegen darüber zu sprechen, sei der Stress ohne Atempause weitergegangen. „Die Rettungsdienste stehen hier in Schlange im Gang und bekommen die Patienten nicht los.“

Am UKL kennt man den Text – und auch die Autorin oder den Autoren. Das Schreiben ist der formlose Anhang zu einer sogenannten „Risikoanzeige“, die zum internen Meldesystem gehört und unter Namensangabe erfolgt. Das Formular selbst liegt der LVZ nicht vor.

Für die ausführlichen Schilderungen war darauf wohl zu wenig Platz. „Wir sind dankbar“, sagt UKL-Sprecherin Helena Reinhardt, „wenn diese Möglichkeit, rechtzeitig auf entstehende kritische Situationen hinzuweisen, genutzt wird. Das ist ein normales Vorgehen, zu dem wir seit Jahren ermutigen.“ Im konkreten Fall habe Notaufnahme-Chef André Gries bereits mit der oder dem Betroffenen gesprochen. Unter anderem sei eine psychologische Betreuung vereinbart worden.

Maximalversorgung bei Personalminimum?

Reinhardt bestätigt, dass die genannte Frühschicht die Mitarbeiter „an die Grenzen des Leistbaren“ geführt haben muss: „Dieser Dienst war sicher eine besondere Situation.“ Nicht nur hätten sich mehrere Angestellte erst am Morgen krankgemeldet, darüber hinaus „konnten kurzfristig trotz intensiver Bemühungen der Leitung keine Kollegen einspringen, was sonst in solchen Fällen passiert“. Vor allem am Vormittag seien außergewöhnlich viele schwere Notfälle gleichzeitig zu versorgen gewesen, darunter das einjährige Kind.

Dessen Behandlung habe aber nicht unter dem Personalnotstand gelitten: „Es waren ausreichend Ärzte und Pflegekräfte vor Ort. Sie haben alles versucht, um das Kind zu retten“, so Reinhardt. Nach zwischenzeitlicher Stabilisierung starb es am nächsten Tag.

Personalengpass kein Einzelfall

So sehr ein solches Erlebnis selbst gestandenes Pflegepersonal trotz aller Routine emotional aufwühlen muss – der Verfasser der Risikoanzeige erweckt nicht den Eindruck, die Tragik des Unglücks vorschnell in Vorwürfe gegen den Arbeitgeber umgemünzt zu haben. „Notfallmedizin ist immer Teamwork“, weiß er oder weiß sie. „Wenn aber kein Team da ist, kann man auch keine Leben retten.“

Der Personalengpass sei keineswegs ein Einzelfall gewesen: „Das ist nicht der erste Dienst, in dem wir dem Patientenaufkommen personell nicht gewachsen sind.“ Der Frust darüber mündet in vielen Fragezeichen: „Wir wollen ein Klinikum der Maximalversorgung sein??? Wie soll das gehen, wenn man das Gefühl hat, in einem Haus mit Personalminimum zu arbeiten?“

Andere Häuser noch stärker von Personalnot betroffen

Der reine Blick auf die Zahlen belegt diese Einschätzung indes nicht. Lediglich drei Prozent der 1119 Pflegestellen am UKL seien zum Zeitpunkt der Risikoanzeige nicht besetzt gewesen, so UKL-Sprecherin Reinhardt. Wenige Tage später – am 1. September – seien überdies 59 Absolventen in den regulären Dienst übernommen worden. „Damit ist die Situation am UKL noch nicht so kritisch wie an anderen Häusern“, sagt sie.

Zumal für 2020 geplant sei, rund 130 weitere Stellen zu schaffen. Zwar stimme, dass seit Jahresbeginn 10 von 32 Vollzeitkräften die Zentrale Notfallaufnahme verlassen hätten, was in dem Schreiben als Stress-Indiz interpretiert wird. Aber zumindest vordergründig eben nicht wegen Überlastung: Fünf haben zu studieren begonnen, vier sind schwanger. Und neun der zehn Stellen seien schon wieder besetzt.

„Ja, man heult“

Bundesweit ist unter den Krankenhäusern ein erbitterter Wettkampf um die Fachkräfte ausgebrochen. Der Helios-Konzern beispielsweise lockt mit Antrittsprämien. Zu Jahresbeginn hat die Bundesregierung Personaluntergrenzen eingeführt. Nach Ansicht von Sebastian Will, dem Personalratsvorsitzenden des Uni-Klinikums, reicht das aber nicht aus, auch wenn das UKL diese Mindestanforderungen nach eigenen Angaben in vielen Bereichen übererfüllt.

Man brauche „endlich eine angemessene gesetzliche Personalbemessung“, fordert er im Einklang mit Verdi, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem Deutschen Pflegerat. Das seiner Ansicht nach geeignete Instrument dafür wurde Ende der 90er-Jahre abgeschafft: Mit der damaligen „Pflegepersonal-Regelung“ wurde schon seinerzeit ein höherer Bedarf ermittelt.

Neue Notfallaufnahme soll für Entlastung sorgen

Immerhin: Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat kürzlich in Markkleeberg davon gesprochen, dass bundesweit 50 000 bis 80 000 Pflegekräfte fehlten. Nicht wegen des Geldes. Das sei vorhanden, so der CDU-Politiker. Sondern mangels ausgebildeter Leute.

Am Leipziger Uni-Klinikum erhoffen sie sich von derneu gebauten Notfallaufnahme, die 2020 bezogen werden soll, eine Erleichterung. Doch UKL-Sprecherin Reinhardt warnt vor zu großen Erwartungen: „Die räumliche Verbesserung wird besonders intensive Arbeitssituationen letztlich nicht verhindern können.“

Lange Wartezeichen seien Regelfall

Mit Horrorschichten müssen Krankenschwestern und Pfleger weiterhin rechnen. „Ich habe nur zwei Hände“, schreibt die oder der Unbekannte und berichtet von einer „alten Dame, die ohne richtige Übergabe vom Rettungsdienst einfach irgendwann nur nach Luft schnappt, völlig dekompensiert und dann notintubiert werden muss.“ Patienten würden die Mitarbeiter „beschimpfen und anfeinden, weil sie Wartezeiten von vielen Stunden in Kauf nehmen müssen. Und das ist nicht nur in diesem Dienst so, das ist der Regelfall!“

Es ist ein Dokument, aus dem die schiere Verzweiflung spricht: „Es sind Fehler gemacht worden, die niemals hätten passieren dürfen, die für Patienten lebensbedrohlich waren und mich psychisch so belasten, dass man völlig leer und verzweifelt diese Klinik verlässt, nachts nicht mehr schlafen kann und sich fragt, ob man am nächsten Tag wirklich auf Arbeit will. Ja, man heult“, wird zugegeben.

Von Mathias Wöbking

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