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Lokales Verbotenes in der Deutschen Bücherei
Leipzig Lokales Verbotenes in der Deutschen Bücherei
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00:21 19.08.2018
Zensierte Dokumente im Deutschen Buch- und Schriftenmuseum. Stephanie Jacobs und Jörg Räuber zeigen, dass auch die Digedags von Zensur betroffen waren. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Sogar die Digedags mussten leiden: Im beliebten DDR-Comic (Heft 18, Mai 1958) sollten die drei kleinen Helden Rom über den Luftweg erreichen, um der Stadt bei der Verteidigung gegen Legionäre von Julius Gallus zu helfen. Und zwar per Fallschirm. Doch die Form der Fallschirme als römische Adlerköpfe rief die Zensoren auf den Plan. Denn die sahen, so meinten diese, dem Wappentier der verfeindeten Bundesrepublik zu ähnlich. Folglich musste die Zeichnung verändert werden, die Adlerköpfe wurden kurzerhand retuschiert. Das ist ein Beispiel für Zensur, wie sie das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in seiner Dauerschau zeigt. Denn Zensur ist so alt wie die Bücher selbst – spätestens mit Erfindung des Buchdrucks, die eine massenhafte Verbreitung von Informationen ermöglichte, wuchs der Wunsch der Mächtigen, das Gedruckte zu kontrollieren. Dafür stehen nicht zuletzt die Zensurlisten der katholischen Kirche mit dem von 1559 bis 1948 erschienenen Index.

Der lange Arm der Zensur

„Ob Verleger bestraft, Bücher verbrannt oder gar Autoren ermordet wurden – der lange Arm der Zensur griff in alle Bereiche der Literaturproduktion ein“, erklärt Stephanie Jacobs, die Leiterin des Museums, das zur Deutschen Nationalbibliothek am Deutschen Platz gehört. 1916 wurde dort sogar eine Militärzensurstelle eingerichtet, die die Einfuhr von Büchern, Ansichtskarten und Druckerzeugnissen in Gebiete der deutschen Streitkräfte kontrollierte. Das hing mit dem Ersten Weltkrieg zusammen.

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Geschichten aus dem „Giftturm“

Doch wie war das eigentlich mit dem „Giftturm“ in der Nationalbibliothek selbst, die als Deutsche Bücherei gegründet wurde und von vielen Leipzigern immer noch so genannt wird? Darauf werden die Mitarbeiter auch immer wieder bei Führungen angesprochen. „Es gibt natürlich viele Anekdoten. Eine offizielle Linie ist aber nie dokumentiert worden“, erklärt Jörg Räuber, der Leiter Benutzung und Bestandsverwaltung.

Drei Kategorien von Geheimnissen

Das „Sperrmagazin“ hieß offiziell „Sachgebiet für spezielle Forschungsliteratur“. Das ist auf einen Befehl der Alliierten zurückzuführen, die Deutschland nach 1945 von NS-Literatur säuberten. Die Deutsche Bücherei und die Staatsbibliothek in Berlin durfte sie aber aufbewahren – nur eben unter Verschluss. „Auch die Nationalsozialisten haben die Exilliteratur nur separiert, sie blieb aber im Bestand“, erklärt Räuber. Es musste wohl Belegexemplare geben, um etwas auf die Verbotsliste schreiben zu können. So gab es letztlich drei Kategorien von Geheimnissen. Pornografisches/Erotica steht dort auf der Liste fast nach Eröffnung. Sogar Egon Erwin Kisch hat über die „Giftschränke der Deutschen Bücherei“ geschrieben. Später kamen die NS-Literatur und die in der DDR ideologisch „unerwünschten Bestände“ hinzu. „Selbst Fotobände zu Olympia und Fußballweltmeisterschaft wurden separat aufbewahrt. Allerdings aus Bestandsschutz, weil sie sonst vermutlich weg gewesen wären“, erinnert sich Räuber.

Bücherei war ein Loch in der Mauer

Oft lag es im Ermessen einzelner Mitarbeiter, was frei im Lesesaal verfügbar war oder eben nicht. Die Bücherei war dennoch ein „Loch in der Mauer“, das Leute als Mitarbeiter anzog, um an bestimmte Literatur und freie Informationen zu kommen. „Niemand konnte aber davon ausgehen, sich in der DB anstellen zu lassen und an jedes Westbuch heranzukommen“, sagt Räuber, der seine Tätigkeit hier 1974 mit einer Ausbildung zum Bibliotheksfacharbeiter begann. Heute leitet er einen Bereich mit 130 Mitarbeitern.

Undurchsichtige Ordnung

Seit April 1983 gab es eine Ordnung für die Benutzung des Sperrmagazins, die allerdings bewusst undurchsichtig gehalten war. Vieles ist aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar. Die damals nicht frei zugänglichen Bücher sind längst in den normalen Bestand einsortiert. „Heute bewahren wir nur noch Publikationen separat auf, die strafrechtlich nicht zulässig sind“, so Räuber. Das sind Bücher, die von der Bundesprüfstelle gesperrt sind, oder um die es Rechtsstreitigkeiten gibt. In der Dauerschau wird ein weiteres Beispiel gezeigt: die Biografie des bekanntesten DDR-Dissidenten Robert Havemann (1912-1982), die sein Sohn Florian 2007 im Suhrkamp Verlag schrieb und damit wohl eine verstörende Abrechnung betrieb. Rund ein Dutzend Personen haben Streichungen in dem „Skandalbuch“ erwirkt, vom Gericht gab es Zensur-Auflagen. Der Verlag hat die Zeilen daher seitenweise geschwärzt. „Das ist ein seltener Fall von Offenlegung und ein ungewöhnlicher Umgang mit zensiertem Text“, sagt Jacobs. „Wir haben auch das Original in der Vitrine, dürfen es aber laut Gerichtsbeschluss nicht aufschlagen.“ Einen ähnlichen Fall gab es mit Christa Wolffs „Kassandra“, das parallel bei Luchterhand und beim Aufbau-Verlag veröffentlicht wurde. „Im DDR-Verlag fehlen 69 Zeilen. Christa Wolff hat darauf gedrungen, dies durch Auslassungspünktchen zu kennzeichnen. Ein Beispiel ist auch das „Braunbuch“, das die NS-Vergangenheit westdeutscher Politiker und Wirtschaftsgrößen beleuchtet. „Das ist auf der Frankfurter Buchmesse beschlagnahmt worden“, sagt Jacobs und verweist darauf, dass es diese Zensur auch in Westdeutschland gegeben hat. Auch dies ist in der Dauerschau des Buch- und Schriftmuseums nachzulesen. Ab und an bietet das Museum Führungen rund ums Thema Zensur in der DB an, die meist gut besucht sind.

Von Mathias Orbeck

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