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Lokales Verein More Than Subculture landet Volltreffer bei Jugendlichen
Leipzig Lokales Verein More Than Subculture landet Volltreffer bei Jugendlichen
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09:58 16.08.2019
Motiviertes Team: Mandy Hoffmann, Sidney Isensee, Olivia Heinemann, Lisa Quandt und Ben Hoffmann (v. l.) sorgen für „More Than Subculture“. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Das glückliche Gesicht von Jonny wird Benjamin Hoffmann niemals vergessen. „Ich habe mich heute kein einziges Mal behindert gefühlt“, sagte ihm der 31-Jährige, als Hoffmann und Mitstreiter ihren Schützling nach der Aufnahme-Session im Tonstudio zurück nach Hause brachten. Jonny sitzt im Rollstuhl, seit ihn Neonazis bei einem nächtlichen Angriff so schwer an Rücken und Kopf verletzten, dass er seitdem unter spastischen Lähmungen leidet und nicht mehr gehen kann. Er ist einer von vielen, denen „More Than Subculture“ (MTS) Impulse schenken. MTS – ein Verein, der Kindern und Jugendlichen Rückhalt gibt, ihnen mit künstlerisch-spielerischen Mitteln neue Inhalte vermittelt und hilft, Selbstbewusstsein aufzubauen.

Grenzen zählen nicht

Beim Besuch im kleinen Domizil des Vereins in Stötteritz fällt schnell der Blick auf die mit Bildern dekorierte Wand. Ein Querschnitt durch die Arbeit im Polaroid-Stil – Aufnahmen von Schul-Besuchen in Erfurt, in Meerane oder Neukirchen, von einem Gastspiel in der Stiftung Bärenherz, wo sie mit Patienten einen Rap-Song aufnahmen. Wenn Ben Hoffmann sagt, dass Grenzen MTS nicht interessieren, ist das sowohl geografisch gemeint (nämlich weit über Leipzig hinaus) wie auch in gesellschaftlichem Sinn. Ob krank oder gesund, ob arm oder reich, deutsch oder zugewandert – der Verein arbeitet mit allen jungen Menschen, unterstützt von einem Stamm aus Dozenten.

Glücksgefühl beim Rappen

Das immer wieder praktizierte Ermutigen, sein Leben in die Hand zu nehmen und umzudenken, ist für Ben Hoffmann auch eine Spiegelung der eigenen Entwicklung. Den heute 31-Jährigen brachte das Glücksgefühl beim Rappen und Beatboxen zurück in die Spur eines Weges, der mit dem Attribut „steinig“ noch harmlos beschrieben ist. Wegen Verhaltensauffälligkeit und Aufmüpfigkeit flog er von mehreren Schulen, nach der achten Klasse schmiss er endgültig hin. „Ich habe gegen Strukturen wie Disziplin und Lernzwang rebelliert“, erzählt er heute.

„Habe viel Blödsinn gemacht“

Immerhin absolvierte er ein Jahr Berufsvorbereitung und -förderung und begann eine Lehre als Koch. 2008 jedoch stieß ihn der frühe Tod seines Vaters in eine Lebenskrise. „Ich habe die Ausbildung abgebrochen, mich herumgetrieben und viel Blödsinn gemacht“, gibt er zu. Ein Ur-Erlebnis vor knapp zehn Jahren rüttelte ihn wach: Er war einer der Beteiligten des Theaterprojekts „Faule Haut“ von Geyserhaus und Arbeitsagentur Leipzig, das sich mit dem Klischee des arbeitslosen Jugendlichen als Arbeitsunwilligem auseinandersetzte. Hoffmann kümmerte sich um die musikalische Gestaltung und betrieb Beatboxing, also Percussion mit Mund, Nase, Rachen.

Musik als universelle Sprache

Die große Anerkennung motivierte ihn weiterzumachen. Vor allem schrieb und produzierte er mit seiner Lebensgefährtin Olivia Heinemann Songs, für sich und für andere. Zu den vielen Projekten, die die Gruppe in den vergangenen Jahren realisierte, gehörte ein Beatbox-Workshop in Frohburg für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. „Es hat einen irren Spaß gemacht zu sehen, wie Musik als universelle Sprache funktioniert, wie die Kids darauf abgefahren und völlig aufgetaut sind“, sagt Hoffmann.

Alles auf ehrenamtlicher Basis

Lange liefen Veranstaltungen für Jugendliche eher nebenher. Techniker, Produzent und Finanzenregler Sidney Isensee ist im Arbeitsleben ausgebildeter Physiotherapeut, der sich gerade zum Informatiker umschulen lässt. Seit dreieinhalb Jahren kümmern sich Hoffmanns Schwester Mandy sowie Lisa Quandt um Organisation und Management – alles auf ehrenamtlicher Basis neben ihren Jobs. „Ohne diese drei würde es nicht funktionieren“, betont Hoffmann. Er selbst war bis zum vergangenen Jahr als Personalmanager in einer Sicherheitsfirma beschäftigt, nun konzentriert er sich komplett auf „More Than Subculture“.

Immer mehr Projekte

2018 gründete sich MTS als Verein. Damit kann Lisa Quandt nicht nur um Sponsoren werben, sondern auch öffentliche Finanzmittel beantragen. Die Zahl der Projekte wuchs weiter. Mit der Montessori-Grundschule in Zwochau schuf MTS einen Song, im Ferienprojekt Kinderstadt Eilenburg wurde an einer „City of the future“ gewerkelt, mit Bärenherz-Patienten ein Lied kreiert, und mit der mehrere Schulen betreibenden Saxony International School entstand eine intensive Kooperation.

Kooperation mit Schkeuditz

Auch in Schkeuditz weiß man die Arbeit der jungen Idealisten zu schätzen. An der Lessing-Oberschule war der Verein im abgelaufenen Schuljahr mit Beatboxen als Ganztagsangebot „Beatboxen“ präsent, zudem wurde ein Kulturprojekt mit der Caritas Halle im Jugendclub „Neue Welle“ gestartet. Im kommenden Schuljahr werden die Ganztagsangebote an der Oberschule durch „More Than Subculture“ noch um Hausaufgaben- und Bibliotheksangebote und ein Demokratieprojekt erweitert. Auch beim Versuch, die Jugendarbeit in Schkeuditz durch das Förderprogramm „Weltoffenes Sachsen“ weiter zu aktivieren sowie Kinder und Jugendlichen intensiver in die Kommunalpolitik einzubinden, sitzt MTS mit im Boot. „Die Ideen des Vereins treffen den Nerv der Jugend“, lobt Andrea Felske, Sachgebietsleiterin Schulverwaltung, Kinder und Jugend. „Ihm gelingt eine gute Verbindung von Kultur und intuitiver Sozialarbeit, die von den Schülern gut angenommen wird.“

Absage an Engstirnigkeit

Das Vereinsteam ist motiviert und entschlossen, durch Kunst und den guten Draht zu jungen Menschen weiter Grenzen aufzuweichen. Nationalitäten, soziale Unterschiede und Engstirnigkeiten gehören für die Vier suspendiert – zu Gunsten von Toleranz und erhöhtem Selbstwertgefühl. „Die Erfahrung zeigt, dass das möglich ist“, sagt Hoffmann.

Der Traum vom MTS-Mobil

Wichtig bleibt finanzielle Unterstützung von außen. Der größte Traum der Gruppe: Mit Hilfe von Sponsoren eines Tages ein MTS-Mobil finanzieren zu können – mit einem kleinen Studio auf der Ladefläche, um an jedem Ort Songs aufzunehmen und zu bearbeiten. „Was Musik alles bewirken kann, habe ich selbst erleben dürfen – und nun auch bei anderen“, sagt Hoffmann.

www.more-than-subculture.de; Spenden sind möglich über folgende Bankverbindung: More Than Subculture e. V., Deutsche Skatbank, IBAN: DE 14830654080004048962.

Von Mark Daniel

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