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Lokales Schwalbennestorgel – erhielt Uni Großspende aus „kriminellen Quellen“?
Leipzig Lokales Schwalbennestorgel – erhielt Uni Großspende aus „kriminellen Quellen“?
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08:19 14.06.2019
Nach dem Vorbild einer Kirchenorgel des ausgehenden 15. Jahrhunderts: Die Schwalbennestorgel wurde bereits vor der Eröffnung im Februar 2015 im Paulinum eingebaut.
Nach dem Vorbild einer Kirchenorgel des ausgehenden 15. Jahrhunderts: Die Schwalbennestorgel wurde bereits vor der Eröffnung im Februar 2015 im Paulinum eingebaut. Quelle: Sebastian de Vries
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Leipzig

Von Vorbehalten war nichts zu spüren, als der Hamburger Bankier Christian Olearius mit Ehefrau Barbara dem Paulinum diesen Februar den jüngsten Besuch abstattete. Als einer von 70 Spendern, die in den Jahren zuvor die Restaurierung der Epitaphien der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli ermöglicht hatten, nahm er die Dankesworte von Uni-Rektorin Beate Schücking entgegen.

Ende Mai – anlässlich des 51. Jahrestags der Sprengung – verkündete die Universität Leipzig dann, dass der 77-Jährige weitere 150 000 Euro überwiesen habe: für die Schwalbennestorgel diesmal, die momentan in sieben, irgendwann aber in elf weiteren Registern erklingen soll. Für die teure Vervollständigung des Instruments hatte Olearius 2015 bereits 50 000 Euro beigesteuert. „Wir sind ihm sehr dankbar“, sagte Schücking vor zwei Wochen über die abermalige „großzügige Spende“. Und weiter: „Es freut uns sehr, dass Herr Olearius damit erneut seine enge Verbundenheit mit der Universität Leipzig zeigt.“

Christian Olearius und Ehefrau Barbara auf Paulinum-Besuch im Februar 2019. Quelle: André Kempner

Doch genau wegen dieser engen Verbundenheit steht die Uni nun in der Kritik: „Sie geben einer Person eine Bühne und loben sie als Mäzen“, wirft der in Berlin ansässige Verein „Bürgerbewegung Finanzwende“ in einem offenen Brief vor, gegen die staatsanwaltliche Ermittlungen wegen des „größten Steuerraubs der deutschen Geschichte“ laufen. „Dadurch wird der Ruf der Universität Leipzig in Gefahr gebracht“, warnt Gerhard Schick, Chef dieser Nichtregierungsorganisation, und fordert die Zurückgabe „bis zur Klärung des Sachverhalts“. Schick war bis Ende 2018 Bundestagabgeordneter der Grünen, legte sein Mandat dann aber nieder, um mit dem neuen Verein erklärtermaßen eine Gegenmacht zur Wirtschaftslobby in Deutschland zu formieren. An Schücking geht seine Frage, „ob eine öffentliche Einrichtung Gelder annehmen sollte, die vielleicht aus kriminellen Quellen stammen?“

Im Hintergrund steht der Vorwurf, dass Olearius als Mitinhaber und Aufsichtrats­chef der Bank M.M. Warburg & Co im großen Stil an sogenannten „Cum-Ex-Aktiengeschäften“ beteiligt gewesen sein soll. Ein erster Verdacht brachte das Geldinstitut Anfang 2016 ins Visier der Steuerfahndung. Aktuell ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft wegen vermuteter Steuerhinterziehung nicht nur gegen die Bank, sondern auch gegen Olearius persönlich sowie mehrere weitere Warburg-Manager.

Ausgeklügelter Beutezug

Bei „Cum-Ex-Geschäften“ handelt es sich um eine ausgeklügelte – und seit einigen Jahren illegale – Kombination des Verkaufs und Leerverkaufs von Aktien, bei der sich drei Investoren vor und nach einer Dividenden-Ausschüttung die Wertpapiere hin- und herschieben. Sie handeln die Aktien zu unterschiedlichen Preisen mal mit („cum“) zu erwartender Dividende, mal ohne („ex“) und mal ohne die Firmenanteile zum Zeitpunkt des Handels überhaupt zu besitzen (ein sogenannter Leerverkauf). Die Kapitalertragssteuer auf Dividenden wird bei diesem Ringgeschäft nur einmal bezahlt, aber von unterschiedlichen Finanzämtern doppelt bestätigt. Unter bestimmten Umständen können später daher zwei der drei Händler einen Anspruch auf Rückerstattung geltend machen – und die Beute zu dritt unter sich aufteilen.

Laut Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR stehen der Warburg-Bank Steuernachforderungen in Höhe von bis zu 189 Millionen Euro inklusive Zinsen bevor. Im April machten die drei Medien einen von der Finanzaufsicht Bafin in Auftrag gegebenen Untersuchungsbericht öffentlich: Von „besonders schwerer Steuerhinterziehung“ sei darin die Rede, auch Olearius selbst sei „in strafrechtlich relevanter Weise“ daran beteiligt gewesen. Die Warburg-Bank reichte ihrerseits Klage gegen die Bafin ein. Und nicht nur das: Auch gegen die Deutsche Bank klagt das Hamburger Traditionshaus. Denn dort sitzen nach Ansicht der Hanseaten die eigentlichen Schuldigen an den krummen Geschäften.

Gerhard Schick, Chef der Nichtregierungsorganisation „Bürgerbewegung Finanzwende“, bei einer seiner letzten Reden als Grünen-Abgeordneter im Bundestag im Dezember 2018. Quelle: dpa

Die „Bürgerbewegung Finanzwende“ stellte ihren offenen Brief zunächst der LVZ zur Verfügung. Die Uni-Verwaltung als eigentlicher Adressat erfuhr erst durch die Fragen, die sich aus dem Schreiben ergeben, von dessen Existenz. Ob man das Geld in jedem Fall behalten wolle? „Wir behalten uns vor, die aktuelle Spende auf ein Treuhandkonto einzuzahlen und erst einzusetzen, wenn die Ermittlungen gegen Herrn Olearius beendet sind“, antwortet Uni-Sprecher Carsten Heckmann. Bis dahin gelte die Unschuldsvermutung. Von den Vorwürfen habe man zum Zeitpunkt des jüngsten Spendeneingangs aber bereits gewusst.

Das Geld werde nicht sofort benötigt: Die Schweizer Orgelbaufirma Metzler erhalte den Auftrag für die fehlenden Register ohnehin erst, wenn die Gesamtsumme beisammen sei. „Für die letzte Ausbaustufe fehlen nach jetzigem Stand noch rund 43 000 Euro“, so Heckmann. Bei einer möglichen Anklage und etwaigen späteren Verurteilung von Olearius könnten daraus freilich schnell 193 000 Euro werden.

Im offenen Brief deutet der Finanzwende-Verein zudem einen Zusammenhang zwischen der Olearius-Spende und einem Gutachten des Leipziger Rechtsprofessors Marc Desens an, in dem Cum-Ex-Geschäfte als legal dargestellt würden. „Diese Spende ist nicht der erste Berührungspunkt Ihrer Universität mit dem Thema Cum-Ex“, mahnt Schick. Die Verbindung kann Heckmann jedoch nicht nachvollziehen. „Die Familie Olearius hat einen engen historischen Bezug zur Universität Leipzig“, sagt er. Der Theologe Johannes Olearius lehrte und forschte hier von 1663 bis 1713. Egal, wie nun die Geschichte um seinen Nachfahren ausgeht: So oder so wird das Epitaph, das seit 2008 mit finanzieller Hilfe von Christian Olearius restauriert wurde, auch weiterhin im Paulinum des einstigen Universitätspredigers und seiner Ehefrau Anna Elisabeth gedenken.

Von Mathias Wöbking