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Lokales Vom Retter der SED zum Festredner der Revolution?
Leipzig Lokales Vom Retter der SED zum Festredner der Revolution?
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15:38 03.07.2019
Werner Schulz bei der Trauerfeier für den Schriftsteller Erich Loest im Jahr 2013, bei der er die Trauerrede in der Leipziger Nikolaikirche hielt. Quelle: LVZ
Leipzig

Man reibt sich verwundert die Augen: Am 9. Oktober 2019 soll Gregor Gysi die Festrede beim Gedenkkonzert zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution in der Leipziger Peterskirche halten. Für die Philharmonie Leipzig sei es eine Ehre, dass er, der kompetente Meinungsführer, an diesem historischen Datum spricht. Ist das ein schlechter Witz oder nur ein weiteres Stück aus dem Theater der Leipziger Geschichtsvergessenheit? Wie der bizarre Streit um den Wiederaufbau der Universitätskirche, um das Marxrelief oder wie der Bilderstreit um Werner Tübkes Monumentalgemälde „Arbeiterklasse und Intelligenz“.

Erich Loest, der Ehrenbürger dieser Stadt, der zeitlebens gegen die fortschreitende Amnesie gekämpft hat, kommt selbst im Grab nicht zur Ruhe.

Ausgerechnet Gregor Gysi, dem eloquenten und begehrten Talkshowgast, der trickreich seine Partei und Teile ihres unrechten Vermögens gerettet hat, der wichtige Parteiakten vernichten ließ und die Aufarbeitung behindert hat, soll hier ein Podium geboten werden. Dabei hat er mit dem 9. Oktober 1989 in Leipzig und den Montagsdemos aber auch gar nichts zu tun.

Soll Gregor Gysi am 9. Oktober in Leipzig auftreten?

Soll der ehemalige Vorsitzende der SED-PDS ausgerechnet am 9. Oktober in Leipzig reden?

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Damals, als Tausende, trotz der Drohung, diesen Protest mit Waffengewalt zu unterbinden, auf die Straße gingen, stand der Nomenklaturkader Gregor Gysi auf der anderen Seite der Barrikade. Geplant ist eigentlich, dass die Bürgerrechtlerin Freya Klier die Festrede zur Demokratie im Leipziger Gewandhaus hält. Offenbar soll Gregor Gysi die Gegenrede halten, weil er sich, wie die Einladung besagt, Sachsen und seinen Menschen stark verbunden fühlt. Das ist allerdings neu.

Bisher ist er eher durch Ostalgysi aufgefallen, in dem er den altbekannten Slogan unter die Leute bringt: Es sei nicht alles schlecht gewesen, sondern vieles sogar besser. Natürlich nicht die Autobahnen. Doch die DDR-Bürger seien durch die Einheit Bürger zweiter Klasse geworden. Auch behauptet er, dass die DDR kein Unrechtsstaat war, sondern Siegerjustiz eingezogen sei. Ein Begriff, mit der die Rechtssprechung der Alliierten gegen die Nazis diffamiert wurde.

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Sicher, die Demokratie, von der Gysi in seiner langen SED-Mitgliedschaft nicht viel gehalten hat und auf die er erst durch die Friedliche Revolution gestoßen wurde, garantiert ihm heute Meinungsfreiheit. Er kann also reden. Doch bitte nicht an diesem Tag und nicht an dieser Stelle. Wenn, dann sollte er endlich und ehrlich darüber sprechen, wie die vertraulichen Informationen vom IM Notar, der er angeblich nicht war, an die Stasi gelangten. Wieso er es harmlos findet, dass er die Stasi übergehen konnte, weil er über die betreffenden Fälle mit deren Vorgesetzten im Zentralkomitee der SED gesprochen hat. Darüber, welche Rolle er beim Zustandekommen und der Organisation der Demo am 4. November 1989 in Berlin gespielt hat, als die SED hektisch versuchte, das Ruder herumzureißen und er die führende Rolle der SED verteidigte und für den neuen Parteichef Egon Krenz warb.

Oder über den verzweifelten Versuch der SED/Stasi, mit den faschistischen Schmierereien am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park die Rote Armee noch mal zur Niederschlagung eines Volksaufstandes so wie 1953 zu provozieren. Damals, am 3. Januar 1990, stand Gregor Gysi mit Thälmannmütze im Fackelschein vor Tausenden entrüsteter Genossen und warnte empört davor, dass die braune Brut aus dem Westen jetzt die DDR erobert, weil der antifaschistische Schutzwall durchbrochen sei. So viel zur empathischen Verbindung zu den Menschen in Sachsen, die sich in diesen Tagen darüber freuten, dass ihr beherzter Widerstand am 9. Oktober auch die Berliner Mauer zu Fall gebracht hatte.

Unser Autor – 69 Jahre alt – gehörte der DDR-Bürgerbewegung an und saß nach der Wiedervereinigung als Spitzenpolitiker von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag und im Europaparlament.

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