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Lokales Demonstrationen in Leipzig: Von St. Nikolai in die Freiheit
Leipzig Lokales Demonstrationen in Leipzig: Von St. Nikolai in die Freiheit
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09:04 13.03.2019
Nach dem Friedensgebet am 13. März 1989 zogen Hunderte vom Nikolaikirchhof über den Markt bis zur Thomaskirche. Das Bild eines nicht bekannten Fotografen ist in der zweibändigen Dokumentation „Die Friedliche Revolution in Leipzig – Bilder, Dokumente und Objekte“ des Bürgerkomitees Leipzig veröffentlicht.
Nach dem Friedensgebet am 13. März 1989 zogen Hunderte vom Nikolaikirchhof über den Markt bis zur Thomaskirche. Das Bild eines nicht bekannten Fotografen ist in der zweibändigen Dokumentation „Die Friedliche Revolution in Leipzig – Bilder, Dokumente und Objekte“ des Bürgerkomitees Leipzig veröffentlicht. Quelle: Foto:
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Leipzig

13. März 1989. Im SED-Zentralorgan „Neuen Deutschland“ feierte man: „Frühjahrsmesse im 40. Jahr der DDR: Leipzig vereint 9000 Aussteller aus aller Welt.“ Am Messesonntag hatten Erich Honecker und sein Politbüro beim Rundgang durch die Messehallen noch Hof gehalten. Tags darauf sah aber die Welt für sie ganz anders aus …

In der Nikolaikirche fand wie üblich das montägliche Friedensgebet statt. Unter den Teilnehmern war Mario Trepte aus Löbnitz bei Delitzsch. Der fast 30 Jahre alte junge Mann hatte den Ausreiseantrag gestellt. Grund dafür: Man hatte zum wiederholten Mal sein Begehren abgelehnt, Opa Fritz, in Crailsheim in Baden-Württemberg zu Hause, anlässlich einer Familienfeier besuchen zu dürfen. Trepte war nicht zum ersten Mal nach Leipzig gefahren. Die Friedensgebete in St. Nikolai besuchte er regelmäßig, seit er 1986 erstmals den Antrag auf Ausreise stellte. In seinem beruflichen Werdegang als Elektromeister mehr und mehr reglementiert, war die Teilnahme an den besonderen Andachten sein Protest gegen das unfreie Leben in der DDR.

Tobias Hollitzer: „Je mehr ausreisen konnten, umso größer wurde die dadurch erzeugte Sogwirkung“

Tobias Hollitzer, Leiter der Gedenkstätte Runde Ecke. Quelle: Kempner

„Offiziell gab es bis 1988 keine legale Ausreise aus der DDR. Antragsteller wurden als rechtswidrige Übersiedlungsersuchende, im SED- und Stasijargon als ,ÜSE‘ bezeichnet“, erklärt Tobias Hollitzer, Leiter der Gedenkstätte Museum in der Runden Ecke. Dennoch entließen die staatlichen Stellen über die Jahre Zehntausende aus der DDR-Staatsbürgerschaft. Hollitzer: „Man glaubte, damit politische Problem lösen zu können. Je mehr aber ausreisen konnten, umso größer wurde die dadurch erzeugte Sogwirkung.“ Dazu trug die auf internationalen Druck in Kraft getretene neue DDR-Reiseverordnung bei, auf deren Grundlage ab 1. Januar 1989 erstmals die legale Möglichkeit bestand, einen Ausreiseantrag stellen zu können. Aus „ÜSE“ wurden „AstA“, Antragsteller auf ständige Ausreise.

Hunderte Ausreisewillige unter Besuchern des Friedensgebetes in der Nikolaikirche

An jenem Messemontag versammelten sich 650 Teilnehmer zum Friedensgebet. Neben Vertretern der oppositionellen Gruppen, die unter dem Dach der Kirche für Veränderungen in der Gesellschaft eintraten, waren Hunderte Ausreisewillige gekommen. Vor allem sie demonstrierten nach dem Friedensgebet und zogen vom Nikolaikirchhof Richtung Markt und weiter zur Thomaskirche. Dort lösten MfS-Mitarbeiter den Zug auf. Transparente wurden nicht gezeigt, es erklang aber der Ruf „Wir wollen raus“. Die Staatsmacht reagierte zurückhaltend – wegen der vielen ausländischen Journalisten in der Stadt. Es gab an diesem Tag nur eine „Zuführung“. Der junge Mann hatte ein Blatt mit der Aufschrift „Reisefreiheit statt Behördenwillkür“ hochgehalten.

4000 DDR-Bürger durften in den Westen ausreisen

Die Demonstration war laut Hollitzer „ein empfindlicher Schlag für die SED“. Sie hatte die Aktion nicht verhindern können und musste hinnehmen, dass der Protest in Ost und West durch die Berichterstattung in den Westmedien bekannt wurde. In Folge der Ereignisse am 13. März konnten wenig später aus dem Raum Leipzig 4000 Antragsteller auf Ausreise die DDR verlassen. Am Morgen des 12. April 1989 wurde Mario Trepte zur Abteilung Inneres bestellt. Er musste eine „Schuldenfreierklärung“ unterzeichnen, verkaufte und verschenkte binnen weniger Stunden sein letztes Hab und Gut und hatte sich am Abend auf dem Hauptbahnhof einzufinden, wo 23.30 Uhr sein Zug gen Westen abfuhr. Die Staatsmacht drohte ihm ein letztes Mal: „Wenn Sie da nicht drinsitzen, sitzen Sie morgen woanders.“

DDR-Staatschef Erich Honecker: „Man sollte ihnen keine Träne nachweinen“

Die SED erhoffte sich von den genehmigten Ausreisen mit Blick auf die Kommunalwahl im Mai und den Landeskirchentag im Juli in Leipzig eine Beruhigung der Lage. Was freilich nicht eintrat. Es sprach sich stattdessen herum, dass es reichen würde, sich im Umfeld der Nikolaikirche zu engagieren, um die DDR verlassen zu können. So wurde die Ausreise immer populärer. Man bekannte sich in der Öffentlichkeit dazu, indem man weiße Turnschuhe trug, ein „A“ an die Autoscheibe klebte oder eine weiße Schleife an die Autoantenne band. Der Exodus nahm seinen Lauf, bald über Ungarn und besonders spektakulär über die Botschaft der Bundesrepublik in Prag. Die SED-Machthaber hatten längst den Sinn für die Realität verloren. Anfang Oktober 1989 ergänzte Honecker persönlich einen im „Neuen Deutschland“ veröffentlichten ADN-Kommentar zur Ausreisewelle, in dem es hieß „Sie alle haben durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft verabschiedet“ um die Worte „Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen“. 1989 verließen fast 350 000 DDR-Bürger ihre Heimat. Leipzig und die Friedensgebete in St. Nikolai haben an dieser Fluchtbewegung, die maßgeblich zum Ende der DDR beitrug, einen bedeutenden Anteil.

Das Bürgerkomitee Leipzig e.V. lädt heute, 19 Uhr, im Rahmen der Gesprächsreihe „Heute vor 30 Jahren – Leipzig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution“ in den ehemaligen Stasi-Kinosaal der Gedenkstätte Museum in der Runden Ecke ein. Außerdem sucht die Gedenkstätte Zeitzeugen, die am 13. März1989 mit dabei waren und bittet um Information: 0341/9612443 oder mail@runde-ecke-leipzig.de.

Von Thomas Mayer