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Lokales Von null Bock auf 100 Prozent: Wie ein junger Leipziger ins Berufsleben fand
Leipzig Lokales Von null Bock auf 100 Prozent: Wie ein junger Leipziger ins Berufsleben fand
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18:51 04.04.2019
Dank Bildungsmaßnahme raus aus der Lethargie: Eric im Berufsförderungswerk Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der Fall schien hoffnungslos. Meist versenkte Eric Marks sein Gesicht auf der Tischplatte im angewinkelten Ellenbogen, wenn er im Schulungsraum des Beruflichen Trainingszentrums Leipzig (BTZ) saß. Für Impulse von außen war der 17-Jährige im Sommer 2016 kaum zugänglich. „Ich hab’ keinen Bock, ich bin müde“, grummelte er meist. Schwer vorstellbar für einen, der Marks im Jahr 2019 kennenlernt. Sogar nach der Nachtschicht und mit wenig Schlaf lächelt der junge Mann freundlich – und erzählt von seinem Schicksal, das einen neuen Verlauf nahm, als er die Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme am BTZ am Berufsförderungswerk Leipzig begann.

Die Schule geschmissen

Lange Zeit bedeutete Leben für Eric Marks nicht viel anderes als Totschlag von Zeit durch Vegetieren, sich Verschließen vor dem „Da Draußen“ und seinen Forderungen. Obwohl er jung war, fand der Junge, der früh mit dem Verlust zweier Bezugspersonen seiner Familie konfrontiert war, weder Sinn noch Perspektive für eine Zukunft, schmiss die Schule und verkroch sich, war psychisch labil und hinkte geistig Gleichaltrigen hinterher.

„Ich habe mich aufgerafft“

Im Rahmen eines Reha-Verfahrens legte ihm die Arbeitsagentur mehrfach Möglichkeiten nahe, um sich fit für eine Ausbildung machen zu lassen. 2016 wies ihn das Jobcenter auf die gerade am BTZ in Leipzig-Gohlis startende Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB) hin. „Ich wollte endlich Geld verdienen, deshalb habe ich mich aufgerafft“, sagt Marks. Und am BTZ gab es eine Ausbildungsvergütung.

Die Maßnahme ist an Jugendliche im Alter von 16 bis 25 Jahren adressiert, die wegen psychischer Probleme oder Suchtkrankheiten die Schule ohne einen Abschluss verlassen haben. Das Team um Fachbereichsleiter Marko Daubitz besteht aus Bildungsbegleitern, Psychologen, Ausbildern, beruflichen Trainern, Sozialpädagogen, Ergotherapeuten und Ärzten.

Zunächst siegt die Antriebslosigkeit

Bei allem Aufwand auch für Eric Marks – in den ersten Tagen und Wochen deutete sich kein Ruck an. Er blieb müde und antriebslos. „Dann haben wir schrittweise eine Verbesserung gespürt“, berichtet Bildungsbegleiter Thomas Eilers, „durch Gespräche hat Eric ein klareres Selbstbild bekommen“. Eric Marks begriff, dass er etwas ändern und seine Lethargie ablegen musste.

Faible für Handwerkliches

Das BTZ-Team motivierte ihn und half, sich um einen Praktikumsplatz zu bemühen. Früh stellte sich heraus, dass dem Schützling das Handwerkliche, die körperliche Arbeit lag. Praktika im Baumarkt, im Garten- und Landschaftsbau und in der BTZ-Werkstatt – der junge Mann fand Zugang zur Arbeit, zu Eigenverantwortung, knüpfte leichter soziale Kontakte. Effekt: mehr Selbstvertrauen und Freude. Erkenntnis seiner Arbeitgeber: Der hat was drauf. Diese Erkenntnis verfestigte sich gerade zu dem Zeitpunkt, als die reguläre BvB-Dauer von elf Monaten zu Ende ging. „Wir wollten Eric nicht aufgeben“, so Eilers. „Uns war klar, dass die Maßnahme weitergehen musste, wenn sie nachhaltig etwas bewirken sollte“.

„Ich wusste endlich, was ich wollte“

Das Jobcenter genehmigte eine Verlängerung um sieben Monate. Sie zahlte sich aus: Aus dem Immermüden mit Verweigerungshaltung wurde ein Mann mit Zielen, wachsender Disziplin und klaren Vorstellungen. In den Ferien half Marks seinem Vater, einem Berufskraftfahrer, bei dessen Aufträgen. „Das hat mir Spaß gemacht. Ich wusste endlich, was ich wollte.“ Er orientierte sich Richtung Lagerlogistik, und nach dem BvB-Ende vermittelte ihn eine mit dem BTZ kooperierende Zeitarbeitsfirma an ein Logistikunternehmen. Hier bekam die Erfolgskurve eine erste Delle: Marks kam mit dem ständigen Wechsel in verschiedenste Bereiche nicht klar. Nach zwei Monaten erhielt er die Kündigung.

In Eigeninitiative beworben

Dass der zu diesem Zeitpunkt 18-Jährige nach dem Tiefschlag nicht in alte Muster zurückfiel, betrachtet sein Bildungsbegleiter als „eines der Wunder in der Zusammenarbeit mit Eric“. In Eigeninitiative bewarb sich Marks bei einem anderen Personaldienst und kam so zunächst zu einem Job bei BMW in der Montage; nach einem halben Jahr wechselte er zu Porsche, wo er für Buchung von Autoteilen und das Beladen von Fahrzeugen verantwortlich ist. Hier fühlt sich Eric Marks angekommen. Egal zu welcher der drei Schichten, er stellt eisern den Wecker, fährt täglich insgesamt knapp drei Stunden mit der Bahn von Grünau in den Leipziger Norden. „Anders geht’s nun mal nicht. Und wer sagt, dass er keine Lust hat, kommt nicht weit.“ Worte, bei denen Thomas Eilers amüsiert den Kopf schüttelt. „Das sagt einer, der vor zwei Jahren im Unterricht einfach nur schlafen wollte.“ Von null Bock auf 100 Prozent.

Zwischen Empathie und klarer Ansage

Die Entwicklung des Eric Marks ist eine Erfolgsgeschichte, die einerseits mit eigenem Willen zu tun hat und andererseits auf das Konto des BTZ-Teams geht. Es gilt, Vertrauen zu den Schützlingen aufzubauen, eine Sprache zwischen Empathie und klaren Ansagen zu finden. „Wir nehmen die Leute in ihren unterschiedlichen Situationen ernst und versuchen sie zu begeistern“, sagt Eilers. „Am Ende kommt es aber darauf an, dass es in unseren Schülern selbst ,Klick’ macht.“

Dass das bei einem scheinbar hoffnungslosen Fall wie Eric Marks geklappt hat, „ist für uns eine tolle Belohnung und Bestätigung unserer Arbeit“, betont Eilers. Und für andere BvB-Teilnehmer ein Beispiel. Wünsche für die Zukunft: „Weiter Geld verdienen, irgendwann in eine eigene Wohnung ziehen“, so der 19-Jährige, der noch bei seinen Eltern wohnt. „Und vor allem: Gute Laune bei der Arbeit verbreiten.“

Von Mark Daniel

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