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Lokales Vor 30 Jahren: Gewaltsames Eingreifen der Staatsmacht beim Straßenmusikfestival Leipzig
Leipzig Lokales Vor 30 Jahren: Gewaltsames Eingreifen der Staatsmacht beim Straßenmusikfestival Leipzig
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08:01 10.06.2019
Jochen Läßig mit Gitarre bei seinem Auftritt am 10. Juni 1989 vor dem einstigen Messehaus am Markt mit der Internationalen Buchhandlung. Quelle: GMRE / Rainer Justen
Leipzig

Es klingt ziemlich harmlos, aber auch locker, unbeschwert: Straßenmusik und dazu noch ein Festival. Vor 30 Jahren war das freilich ein Politikum höchsten Grades. Für den 10. Juni 1989 hatten Leipziger Oppositionsgruppen den Auftritt von Musikern organisiert, um ein Zeichen zu setzen für die Freiheit der Kunst. Das öffentliche Musizieren ohne Genehmigung war aber in der DDR strafbar.

Ein Plakat zum Straßenmusikfestival, gestaltet von der damaligen Bürgerrechtlerin Katrin Hattenhauer, die heute als bildende Künstlerin tätig ist. Quelle: GMRE

Viele kamen nicht aus dem Bezirk Leipzig

Trotzdem traf man sich, Musiker, die nicht gerade zu protegierten des SED-Staates gehörten, reisten aus der ganzen DDR an und spielten an jenem Sonnabend zur Überraschung und Freude der Passanten in der belebten Innenstadt Leipzigs. Und das bis in die Mittagsstunden. Dann war Schluss mit lustig. Gegen 12 Uhr fuhr die Volkspolizei vor und verfrachtete viele der Musiker samt ihrer Instrumente, aber auch manch einen Zuhörer, gewaltsam auf bereit stehende Lkw. Die Festnahmen dauerten bis zum Nachmittag. Kurz vor der Motette der Thomaner wurden fast alle noch auf freiem Fuß befindlichen Musiker am Bach-Denkmal eingekesselt und ebenfalls inhaftiert. Von 84 Festgenommenen kamen 53 nicht aus dem Bezirk Leipzig, was die SED besonders beunruhigte.

Uwe Schwabe war einer der Wegbereiter des Festivals

Zu den Wegbereitern des Straßenmusikfestivals gehörte Uwe Schwabe, heute Mitarbeiter am Zeitgeschichtlichen Forum und Vorsitzender des Vereins Archiv Bürgerbewegung. Er hatte sich schon im Herbst 1988 mit einer Eingabe an die Kulturdirektion Leipzig gewandt mit der Frage: „Warum ist es in der Stadt Leipzig nicht erlaubt, Straßenmusik zu machen?“ Als Antwort erhielt er die Auflistung der Paragraphen, die die freie musikalische Betätigung in der Öffentlichkeit verbieten. Auch für den 10. Juni wurde die Zulassung von Straßenmusik abgelehnt.

Fest war auch politische Demonstration

Leipzigs Oppositionelle waren einfallsreich, um dennoch ihr Festival auf den Straßen zu feiern. Katrin Hattenhauer, die heute als bildende Künstlerin tätig ist, gestaltete ein Plakat, Mike Dietel schrieb auf seine Regenjacke „Wo man singt laß dich nieder, nur böse Menschen dulden keine Lieder“. Der maßgebliche Organisator des Festivals war Jochen Läßig, der wenige Monate später zu den Mitgründern des Neuen Forums gehörte und im Ergebnis der Friedlichen Revolution Stadtrat in Leipzig wurde, heute ist er als Anwalt tätig. Läßig war schon vor dem 10. Juni im Zentrum mit seiner Gitarre präsent, spielte unterm Glockenspiel in der Mädlerpassage. Von der Polizei wurde er nicht nur einmal abgeführt. Läßig trat auch beim Straßenmusikfest auf, hatte Glück, nicht verhaftet zu werden. Er erhielt aber einen Strafbescheid wegen Durchführung einer nicht genehmigten Veranstaltung über 1000 Mark; insgesamt wurden Ordnungsstrafen in Höhe von 8450 Mark ausgesprochen. „Natürlich“, so Läßig später bei einer Veranstaltung zum 10. Jahrestag der Friedlichen Revolution in der Runden Ecke, „war das Straßenmusikfestival auch bewusst als politische Demonstration geplant gewesen.“

Massiver Polizeieinsatz sorgte für Entsetzen

Bei Zeugen der Ereignisse lösten die massiven Übergriffe der Polizei Entsetzen und Unverständnis aus und führten zu Solidaritätsbekundungen. Bürger wandten sich mit Eingaben an die staatlichen Organe. Kurt Masur thematisierte das Geschehene am 28. August mit einer Gesprächs-Veranstaltung im übervollen Foyer des Gewandhauses. Auch die Leipziger Volkszeitung berichtete über die „Begegnung im Gewandhaus“ (big). Auf einmal lautete die Überschrift „Warmherziges Plädoyer für die Straßenmusik“. Der Berichterstatter erwähnte freilich mit keiner Silbe das, was sich am 10. Juni ereignet hatte. Und im „Neuen Deutschland“ stand geschrieben: „Gute Aussichten für die Stadtpfeifer … Beim Rat des Bezirkes arbeitet man an einer unkomplizierten Regelung für die Zulassung von Straßenmusikanten.“

Jochen Läßig musste übrigens seine Strafe nicht mehr zahlen. Die Freiheit, für die er gesungen hatte, unter anderem mit Georg Danzers Lied „Die andere Seite“, war schon bald errungen.

10. Juni, 19 Uhr, Runde Ecke: Vortrag und Gespräch „Straßenmusikfestival – Freiheit die Kunst“.

Von Thomas Mayer

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